Phrasenmäher Zu wollen

"Der Politiker kündigte an, dieses oder jenes tun zu wollen." - Der freie Wille ist ja schon seit einigen Jahren ins Gerede gekommen, aber warum macht sich in Artikeln, Reden, Texten das Wollen im Infinitiv täglich breiter?

Von Sonja Zekri

Der freie Wille ist ja schon seit einigen Jahren ziemlich ins Gerede gekommen. Erst hat die Neurobiologie das limbische System hin- und hergewendet, dann wurde auch noch der ganze Ballast der Gene untersucht, frühkindliche Prägungen, das Wetter, und am Ende blieb vom freien Willen nicht viel mehr übrig als ein angenehmes Gefühl von Freiheit. Der Philosophie war diese Einschränkung nicht neu. "Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will", schrieb Arthur Schopenhauer, und dieser Ausschluss eines doppelten Willens, sozusagen das Ungewollte des Wollens galt ziemlich lange Zeit.

Indes, die Zeiten verlangen nach Entschiedenheit und Tatkraft. Und so macht sich in Artikeln, Reden, Texten das Wollen täglich breiter. Über die umstrittene Kandidatur des AfD-Kandidaten Albrecht Glaser für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten notierte beispielsweise die Welt: "Politiker von CDU, SPD, Linken und Grünen kündigten an, einen Kandidaten, der die Religionsfreiheit für Muslime infrage stelle, nicht wählen zu wollen." Dabei tut es eigentlich nichts zur Sache, was sie wollen, wichtig ist nur die Ankündigung, Glaser nicht zu wählen. Focus Online betitelte die Geschichte über einen Trickdieb in Ludwigshafen mit den Worten: "Er gab vor, Schmuck putzen zu wollen." Wie man vorgibt, Schmuck zu putzen, kann man sich vorstellen. Aber wie täuscht man die Absicht vor? Kurz, es wird gerade viel gewollt, aber wenig getan, oder andersherum wird das Wollen zur Tat erhoben, ohne dass etwas geschieht. Die Folge sind ein haltlos überdehnter Infinitiv und Politikverdrossenheit. Das kann niemand wollen.