Phrasenmäher Setzung

Der Rekord-Kunstsommer neigt sich dem Ende zu. Kassel, Münster, Venedig - und jetzt auch noch die Bundestagswahl. Jawohl, richtig gelesen, nicht nur künstlerische Großereignisse, auch die Bundespolitik will kuratiert werden.

Von Sonja Zekri

Der Rekord-Kunstsommer neigt sich dem Ende zu. Kassel, Münster, Venedig - und jetzt auch noch die Bundestagswahl, jawohl, richtig gelesen, nicht nur künstlerische Großereignisse, auch Politik will kuratiert werden, da muss man sich nur die Bierzelt-Interventionen von Karl-Theodor zu Guttenberg anschauen, wobei Intervention in diesem Zusammenhang und trotz seiner Vergangenheit als Ex-Verteidigungsminister keineswegs militärisch gemeint ist, sondern als entschiedener Auftritt, als eine Art Einschreiten. Guttenberg verdankten wir damals immerhin die bislang stimmungsvollsten Bilder aus einer Transall (Buch, Kopfhörer, Schutzweste im Zwielicht). Heute beweise sein Comeback ein Gespür für Nuancen bis in die Dreitagebartstoppeln, erreicht einzig von der immer vieldeutig unausgeschlafen wirkenden Figur des FDP-Chefs Christian Lindner.

Natürlich lässt sich mindestens so eindrucksvoll belegen, dass Politik mit ästhetischen Kategorien nichts zu tun hat, auch da fallen einem sehr schnell ein paar Namen ein. Die Verbindung von Politik und Kunst ist, um es mit der Sprache der Kuratoren auszudrücken: eine Setzung. Der Begriff hat seine Wurzeln einerseits etwas kompliziert bei Johann Gottlieb Fichte - "So wie es sich setzt, ist es; und so wie es ist, setzt es sich" -, andererseits aber auch in der Geologie, wo er Phänomene wie den schiefen Turm von Pisa beschreibt. Setzung ist die rhetorische Camouflage für eine Behauptung, die Tatsache werden möchte, ein normativer Vorstoß. Trifft die Setzung auf Widerstand, beispielsweise auf eine entgegengesetzte Setzung, entsteht in der Sprache der Kuratoren Reibung. Diese kann auch die Folge sein, wenn eine Intervention misslingt. Guttenberg müsste das wissen.