bedeckt München 24°
vgwortpixel

Philosophie:Warum das Schaf vor dem Wolf flieht

Wolf aus dem Freigelände im Nationalpark Bayerischer Wald

Die Philosophie fragt: Warum flieht das Schaf vor dem Wolf?

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Vorreiter der Tierethik: die Philosophen des mittelalterlichen Islam.

Die zunehmende Sorge um nicht-menschliche Tiere ist einer der bemerkenswertesten Aspekte moderner Moralvorstellungen. Immer mehr Menschen werden Veganer oder Vegetarier, lehnen es ab, Leder und Pelz zu tragen, oder setzen sich für eine bessere Behandlung von Tieren im Zirkus und Zoo ein. Sofern es sich dabei um ein Folge des wissenschaftlichen Fortschritts oder der philosophischen Reflexion handelt, scheinen die zentralen Entwicklungen in jüngerer Zeit stattgefunden zu haben. Der Darwinismus legt nahe, dass wir mit unseren tierischen Verwandten einiges gemeinsam haben, und bestärkt uns darin, sie als Teil unseres moralischen Universums zu betrachten. Daher erklärt sich die Auffassung von Philosophen wie Peter Singer, der ab den Siebzigerjahren dafür argumentierte, dass auch Tiere Interessen haben, die in unseren moralischen Erwägungen eine Rolle spielen sollten.

Blicken wir in der Geschichte der Philosophie zurück, stoßen wir auf weniger verständnisvolle Ansichten. Immanuel Kant schlug vor, wir sollten Tiere nicht schlecht behandeln, weil es dazu führen könnte, dass wir auch Menschen schlecht behandeln. Für René Descartes waren Tiere bloße Maschinen ohne Innenleben. Noch früher zeichnete Aristoteles einen starken Kontrast zwischen vernünftigen Menschen und Tieren, denen jede Vernunft fehlt.

Der Koran nennt Tiere als herausragende Beispiele der göttlichen Vorsehung

Dennoch zeigt sich, dass Philosophen schon sehr lange ein ernsthaftes Interesse an Tieren haben. Bereits in der Antike verteidigte der Platoniker Porphyrios einen vegetarischen Lebensstil und lehnte die Vorstellung ab, Tiere seien vernunftlos, indem er darauf verwies, dass einige Tiere Sprache besitzen oder doch zumindest verstehen können. Er selbst hielt sich einen sprechenden Vogel. Eine noch ausführlichere philosophische Reflexion über Tiere entdecken wir, wenn wir uns der mittelalterlichen islamischen Welt zuwenden.

Der Koran nennt Tiere als herausragende Beispiele der göttlichen Vorsehung und legt sogar nahe, dass einige von ihnen gottergebene Gemeinschaften bilden. Solche Stellen inspirierten einen bemerkenswerten Text einer noch bemerkenswerteren Gruppe anonymer irakischer Gelehrter des zehnten Jahrhunderts, die sich selbst "Brüder der Reinheit" nannten. In einer ihrer Abhandlungen stellen sie sich vor, wie die Tiere der Welt beim König der Dschinnen Beschwerde einlegen und eloquente Reden über ihre schlechte Behandlung durch Menschen halten, wobei sie für sich eine Frömmigkeit und Vornehmheit in Anspruch nehmen, die denen der Menschen mindestens gleichgestellt sein müsse.

In der von den Brüdern erzählten Geschichte haben die Tiere beim Herrscher über die übersinnlichen Wesen aus rauchlosem Feuer keinen Erfolg, doch andere zu dieser Zeit lebende Gelehrte sprachen sich zu ihren Gunsten aus. Der persische Arzt und Philosoph Abu Bakr ar-Razi etwa behauptete, der gute Mensch müsse ein Leben der Mäßigung, des intellektuellen Strebens und des Wohlwollens führen, wobei er ausführlich auf die Notwendigkeit einging, Tiere gerecht zu behandeln. Lasttiere sollten nicht zu schwer beladen werden und das Töten von Tieren sei zu vermeiden, obgleich eine Ausnahme bei Schlangen und Skorpionen gemacht werden könne, allerdings auch nur deshalb, weil sie anderen Tieren Schaden zufügen.

Ein paar Jahrhunderte später verfasste Ibn Tufayl, ein Philosoph des muslimischen Spaniens, die Geschichte eines Kindes, das ohne andere Menschen auf einer Insel aufwächst, wo es sich autodidaktisch zum perfekten Philosophen und Mystiker entwickelt. Der kleine Junge wird von einer Gazelle ernährt und kommt im Laufe seiner Selbsterziehung zu der Einsicht, dass auch er eine ernährende Rolle übernehmen muss. Er behütet fortan alle Lebewesen seiner Insel und verzichtet darauf, etwas zu essen, was das Töten eines Tieres oder einer Pflanze nötig machen würde.

Für René Descartes war die Flucht des Schafs nur eine mechanische Reaktion

Die Inspiration, die aus den religiösen Quellen des Islam gezogen werden konnte, erklärt nur zum Teil diese positive Einstellung gegenüber Tieren. Auf der Grundlage der griechischen wissenschaftlichen Werke, die ins Arabische übersetzt wurden, unternahmen muslimische Gelehrte ihre eigenen Erkundungen auf den Gebieten der Zoologie und machten dabei Entdeckungen über die tierische Anatomie, die nicht selten auf Menschen übertragen wurden. Bereits in der Antike hatte der große Mediziner Galen Tiere seziert, um zu beweisen, dass Bewegung und Wahrnehmung vom Gehirn und nicht vom Herzen aus gesteuert werden, wie Aristoteles und die Stoiker behaupteten.

Auch dies wurde zur Standardlehre in der islamischen Tradition, wenngleich selbst Galen einigen nicht weit genug gegangen war, was die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Nicht-Menschen anging. So spottete ar-Razi über Galen, weil dieser mit Aristoteles darin übereinstimmte, dass Tiere nicht zu vernunftgeleiteter Planung fähig seien. Als Gegenbeispiel führt er die eigene Beobachtung einer Maus an, der er dabei zugesehen hatte, wie sie ihren Schwanz ableckte, nachdem sie ihn in eine Flasche gesteckt hatte, um an das darin enthaltene Öl zu gelangen.

Am einflussreichsten war ein anderer Philosoph mit medizinischen Interessen: Avicenna. Zwar ging er nicht so weit zu behaupten, dass Tiere in der gleichen Weise wie Menschen vernünftig seien. Ihnen fehlt das intellektuelle Reflexionsvermögen. Doch er war davon überzeugt, dass zumindest einige Tiere zu höheren kognitiven Leistungen fähig sind. Sein Beispiel ist das Schaf, das die Feindseligkeit des Wolfes erkennt. Diese Fähigkeit sollte uns davon überzeugen, dass Schafe über mehr als Wahrnehmung, Einbildungskraft und Gedächtnis verfügen, was die einzigen kognitiven Leistungen sind, die Aristoteles Tieren zubilligte. Das Schaf bedient sich des Sehvermögens, um das graue Fell des Wolfes wahrzunehmen, und ebenso kann es sein Knurren hören, jedoch muss es darüber hinaus ein anderes, höheres Vermögen bemühen, um zu erkennen, dass der Wolf ihm Böses will. Dieses Beispiel wird von zahllosen späteren Philosophen, auch europäischen, wiederholt, was sich der Tatsache schuldet, dass Avicennas Werke ins Lateinische übersetzt wurden. Auch Descartes erwähnt das Schaf und den Wolf, auch wenn er im Gegensatz zu Avicenna davon ausgeht, dass die Flucht des Schafes eine bloße mechanische Reaktion ist.

Es mag ironisch scheinen, dass die mittelalterlichen islamischen Einstellungen gegenüber Tieren aufgeklärter waren als die Einstellungen der Denker der Aufklärung wie Descartes oder Kant. Nicht weniger ironisch ist die Tatsache, dass die genannten Philosophen der islamischen Welt ihre Ansichten innerhalb eines wissenschaftlichen Weltbildes formulierten, das sie von Aristoteles und Galen geerbt haben, von denen keiner für sein Wohlwollen gegenüber Tieren bekannt ist.

Galens erfolgreiche Entdeckungen über das Gehirn wurden zum Teil durch grausame Vivisektionen von Schweinen und anderen Tieren erzielt. Bei dem großmütigeren Verständnis von Tieren, das sich in der islamischen Welt herausbildete, handelt es sich allerdings um keinen Paradigmenwechsel, sondern schlicht um ein Nachdenken darüber, wie Tiere zu den erstaunlichen Dingen fähig sind, die sie jeden Tag vollbringen.

Der Autor ist Professor für spätantike und arabische Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Aus dem Englischen von Peter Tarras.