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Philosophie:Höhere Existenz

Michael Hampe

Bedankt sich bei seiner Hochschule für das Freisemester: der Philosoph Michael Hampe.

(Foto: DIE NEUE VERNUNFT, Daria Stratmann)

Philosophie ist mehr als nur ein Fach: Michael Hampe sucht nach neuen Wegen, um wieder über die ewigen Fragen reden zu können.

Wie wäre heute Philosophie zu treiben? Das heißt, Philosophie verstanden nicht als Fachdisziplin wie Mietrecht oder Leichtbautechnik, sondern als die systematische Diskussion und Darlegung, was Menschen sind, sein sollen, brauchen und erkennen können, also das, was schlechthin alle angeht? Die gegenwärtige Universitätsphilosophie, daran lässt Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich, in seinem Nachwort keinen Zweifel, bekommt das jedenfalls in ihrer akademischen Ausdifferenzierung nicht oder nicht mehr hin; es müssen, meint er, andere Diskursformen her, damit die Fragen, die nie aufgehört haben wichtig zu sein, überhaupt wieder angemessen verhandelt werden.

Hampe, Jahrgang 1961, dankt seiner Hochschule, dass sie ihm ein Freisemester gewährt hat, damit er dieses Buch schreiben konnte. Mit anderen Worten, um tun zu können, wofür er bezahlt wird, Philosophie, muss er sich von diesem Beruf befreien; er darf das Wesentliche seiner Profession nur als Hobby ausüben. Hampe hat schon einmal versucht, aus dieser Sackgasse herauszukommen. In "Tunguska oder das Ende der Natur" hatte er vier verschiedene Wissenschaftler in einem postapokalyptischen Niemandsland zusammengeführt und miteinander reden lassen, dazu einige Essays eingestreut und mit einem Text geschlossen, in dem er, der Autor, recht behielt und alles Vorherige mehr oder weniger überflüssig machte. Das war, trotz einiger guter Einfälle und Formulierungen, formal sehr unbefriedigend, weil eine echte Vielstimmigkeit auf diesem Weg nicht zu erzielen ist.

Die KI namens Kagami redet stets höflich wie eine bezahlte Gesellschaftlerin

Jetzt versucht er es nochmals und anders. Wieder verlegt er die aktuelle Situation in die nahe Zukunft einer Krisenzeit, wo man selbst im eigenen Garten nicht vor Drohnenangriffen sicher ist, und wieder führt er vier Stimmen ein. Aber diese Stimmen sind diesmal nicht nur inhaltlich unterschiedlich gewichtet (in "Tunguska" hatten einige nur Unfug erzählen dürfen), sondern substanziell getrennt. Im Zentrum steht Moritz Brandt, abgebrochener Philosophiestudent, Lyriker, Boxer, Asket, der in verschiedenen Lebensstufen Texte über die Conditio humana verfasst hat und inzwischen an einem Hirntumor gestorben ist. Dass er Boxer und Lyriker zugleich sei, wird mehr behauptet als gestaltet, es soll wohl eine gewisse zäh-sensible No-Nonsense-Mentalität auch für seine intellektuellen Bestrebungen beglaubigen. In seiner Jugend zeigt er einen rebellischen Zug, der sich in einer eigenwillig maulenden Rechtschreibung niederschlägt. "Imgrunde is dies ganze Gerede von Stufn der höhern Existenz, unserer Beseeltheit, die die Tiere vermeintlich nich habn, dem noch nich wirklichn und dem wirklichn Lebn, der Überlegnheit der Menschheit mit ihrer Sprache, ihrm kulturelln Lebn, ein riesngroßer Quatsch, Streber-Religion". "Vermeintlich" neben "nich habn" - irgendwas gelangt hier nicht zur Bindung des überzeugenden Gesamthabitus.

Den Rahmen zu diesen Texten - teils durchgearbeitete Essays, teils Briefe oder Tagebucheinträge - bildet der Plan seines alten Freundes Aaron, über den Weggefährten Moritz eine Biografie zu schreiben. Aaron, ehrgeizlos aber feinsinnig, ein Schlemmer und nicht schlank, hat sich in schlimmer Zeit mit hinlänglichen Vorräten in seiner Züricher Wohnung verschanzt. Ihm zur Seite steht Kagami, jüngere, weit fortgeschrittene Schwester der Automatenstimme Siri, die höflich wie eine bezahlte Gesellschafterin mit ihm Diskussionen über Philosophie und Moritz führt. Sie hat jederzeit alle "Archive" zur Verfügung; dies besitzt für den Roman (und um einen solchen handelt es sich trotz allem) den Vorzug, dass Quellenangaben ohne Fußnoten als dialogische Beiträge ins Geschehen des Buchs hereingeholt werden können. Kagami würde jeden Turing-Test bestehen, oder allenfalls zusammen mit Aaron durchfallen; und es ist nicht ganz ersichtlich, welche zusätzliche Dimension Hampe sich durch Einbau dieser KI versprochen hat. Schließlich gibt es auch noch Moritz' alte Mentorin Dorothy Cavendish aus Cambridge, philosophische Christin, deren Stimme am Rande mitzirpt wie der Grillo Parlante bei Pinocchio.

Diesem Rahmen kommt konstituierende Bedeutung für das zu, was Hampe vorhat. Zweifellos empfiehlt es sich bei einem Werk, das den Titel trägt "Die Wildnis, die Seele, das Nichts: Über das wirkliche Leben", nicht allzu geradlinig naiv auf die Themen zuzusteuern, sondern sie irgendwie zu perspektivieren. Das "wirkliche Leben", um Gottes willen! Gibt es ein anderes? Alle Tiere führen es, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Nur der Mensch kriegt das offenbar nicht hin; aber auch wenn er 80 Jahre lang unglücklich gewesen sein sollte, war dieses Unglück bestimmt nicht weniger wirklich, als das Glück es gewesen wäre.

Wenn man die ganze Metaphysik des Abendlandes bespricht, leidet die Tiefenschärfe

Von den drei Großthemen verdienen zwei genauere Beachtung. Die Wildnis als drittes wäre besser unterblieben. Sie taugt nicht zum schmerzlichen Scheidewasser des authentischen Lebens, weil sie längst nicht mehr das große Außen, sondern nurmehr das kleine Innen des bedrohten Schutzgebietes darstellt; und wer sie, erfüllt von postpubertärem Reinigungsbedürfnis, aufsucht, sorgt höchstens für ihre weitere Schrumpfung und Vermüllung.

Aber wie steht es mit der Seele? Da gibt es den griechischen Thymos, der den physischen Mut als Inbegriff der Lebenskraft nimmt, neben dem Pneuma, der das Wesentliche in den Hauch des Atems setzt, und dazu Nous, die Einsichtsfähigkeit. Bis sich aus dem allen die erlösungsfähige unsterbliche Seele amalgamiert, vergeht viel Zeit, ehe sie sich dann unter der Attacke der säkularen Wissenschaft wiederum aufzulösen beginnt. Das alles stellt Moritz auf fassliche, zuweilen ironisch aufmüpfige Weise dar, und man liest es gern und leicht. So können Platon, Kant und die Bibel auf je einer halben Seite ins Visier treten, ohne dass es zu dogmatischen Aushärtungen käme. Wenn Moritz sagt, das Verhältnis Leib-Seele sei aus der Anschauung des Ochsenwagens gewonnen, der nicht mehr weiterfährt, nachdem man den Ochsen ausgespannt und in den Stall geführt hat, so mag das erst mal buchstäblich verkehrt sein; aber es enthält doch einen Gedanken zum möglichen Ursprung einer keineswegs selbstverständlichen Idee. Das Fahrlässige solcher Gedankengänge erfährt im Anschluss seine Relativierung durch Aaron und Kagami, die ihrerseits eine recht lässige Form des Dialogs praktizieren, wie er sich eben so beim Gemüseschnippeln ergibt. Das hat durchaus seinen intellektuellen Reiz. Vielleicht kommt man den großen Themen nur bei oder nahe, indem man sie zweimal nacheinander, situationell versetzt, auf kleine Weise behandelt, ähnlich wie sich die räumliche Tiefe des Sehens aus der ein wenig verschobenen Parallaxe der beiden Augen ergibt.

Aber diese Tiefe sollte man nicht mit Schärfe verwechseln. Die Tiefenoptik, die wirklich die ganze metaphysische Landschaft des Abendlands und Asiens wie von einem Gipfel aus in den Blick bekommt, geht auf Kosten der Schärfe im Einzelnen. Hier entscheidet sich das Schicksal des Buchs. Es ist veranlasst von einem Ernst, den es ganz zu Recht vor dem grundsätzlichen Stellenwert seiner Gegenstände empfindet. Aber indem es die Fülle der Antworten, die jemals darauf gegeben wurden, wie bei einer Parade vorführt, wird es diesem Ernst doch wiederum untreu. Diese Fragen verlangen durchaus eine Antwort, und zwar eine Antwort. Man sollte Kants Beweis für die Unsterblichkeit der Menschenseele nicht darlegen, ohne dazu urteilend Stellung zu beziehen. Und die Feststellung, dass dem Europäer jene Art von nirvanahafter Unvergänglichkeit, wie die indischen Religionen sie versprechen, keinen Trost zu spenden vermag, verdiente gewiss eingehendere Untersuchung: Wie kann es sein, dass in dem einen Kulturkreis die Bewahrung, in dem anderen die Auslöschung des Individuums als der Güter höchstes gilt? Hier steckt sehr viel, worauf es sich lohnen würde zurückzukommen.

Hampes Buch ist von seiner Anlage deutlich überlegter als der "Tunguska"-Vorgänger. Wo dieser durch seine Rechthaberei gesündigt hatte, da belässt das neue Buch allzu viel in der Schwebe. Die Frage drängt sich auf, ob man es bei diesen Themen überhaupt richtig machen kann, und zu vermuten ist: schwerlich. Es stellt, das ist sein erhebliches Verdienst, die großen Dinge wieder zur Diskussion; aber es glaubt, Diskussion sei schon genug. Dabei tut Wahrheit not. Seine Schwächen sind nicht unsympathisch und vielleicht unumgänglich. Trotz ihrer und vielleicht auch ihretwegen ist es ein bemerkenswertes Werk geworden.

Michael Hampe: Die Wildnis, die Seele, das Nichts. Über das wirkliche Leben. Hanser München 2020. 412 Seiten, 26 Euro.

© SZ vom 14.05.2020

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