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Philosophie:Gott ist alles, was der Fall ist

Günter Fröhlichs Buch "Der Affe stammt vom Menschen ab" erschüttert auf so vergnügliche wie lehrreiche Weise unsere Gemeinplatz-Torheiten. Etwa diese: "Schön ist, was gefällt".

Dass Philosophie außer Fragen nichts Handfestes zu bieten hat und dass sie schon gar nicht mehr beanspruchen kann, Königin der Wissenschaften zu sein, hat sich herumgesprochen. Günter Fröhlich macht in einer seiner 24 Etüden - "Philosophen schreiben unverständliches und unnützes Zeug" - aus dieser Misere kein Hehl und bereitet den Verächtern der Zunft viel Vergnügen. Aber ist die negative Bilanz nun ein unausrottbares Vorurteil oder ein erfahrungsgesättigtes Urteil? Fröhlich zieht alle Register abschreckender Philosophasterei (deren man nach wie vor bei Heidegger fündig wird), dann aber folgt unvermeidlich die Ehrenrettung. Gibt es überhaupt Vorurteile im Fall der Philosophie, oder lediglich Unkenntnis oder Gleichgültigkeit ihr gegenüber? Natürlich weiß Fröhlich, dass Vor-Urteile unvermeidlich, vielleicht sogar nötig sind; nur wenn man wider besseren Wissens daran festhält, sind sie verderblich.

Nach einer etwas langatmigen Explikation dessen, was er philosophische Etüde nennt, macht die weitere Lektüre klar, dass es Fröhlich keineswegs um logische Fingerübungen oder hermeneutisches Training geht. Die "Etüde" etwa "Gehirne arbeiten wie Computer" ist überwiegend eine anspruchsvolle technische und kognitionswissenschaftliche Abhandlung, da haben die wenigsten Vorurteile, weil sie viel zu wenig davon verstehen.

Das gilt auch für Wittgensteins scheinbar lapidare Feststellung "Die Welt ist alles, was der Fall ist!" (Etüde 5). Der Satz ist viel zu durchdacht - und Fröhlichs Analysen sind es nicht weniger -, um auf Vorurteilen zu beruhen. Hier jedoch erfreut man sich an Fröhlichs Unbekümmertheit im Umgang mit dem überlebensgroßen Ludwig Wittgenstein. Ironisch kommentiert er die zur (abgestandenen) Mode gewordene Nummerierungen seiner Sätze und Untersätze, die "den Eindruck eines sehr logisch-mathematischen Aufbaus" machen sollen. Und manche Propositionen in Wittgensteins frühem "Tractatus" wirken, so Fröhlich, "will man ganz unvoreingenommen sein, etwas verworren".

Wie bloß kommt nun auch noch der Gottesbegriff in die Philosophie?

Nietzsches "Gott ist tot" ist eine weitere lesenswerte Etüde, von der man indes nicht sieht, dass sie ein Vorurteil enthalten soll. Es ist ja doch die trotzige These eines radikalen Denkers, ansonsten nicht einmal akzeptabel für Atheisten, für die Gott ja nie existiert hat. "Die Theorien der Moral, des Rechts", ja der Würde und Freiheit des Subjekts hingen, so allerdings ein Vorurteil, am Begriff des monotheistischen Gottes. Mit dem Soziologen Hans Joas hält der Autor hernach indes Moral und Pflichtbewusstsein auch ohne Gott für begründbar; und er erinnert daran, dass Gesellschaften mit hohem Prozentsatz religiöser Bürger "zumeist korrupter und gewalttätiger" sind als andere. Bleibt schließlich die eher rhetorische Frage, wie sich der Gottesbegriff in die Philosophie gedrängt hat? Liegt es in ihrer "Natur", zu einem Letzten, Absoluten, zu einem Einen vorzustoßen?

Bei Etüde Nummer 12 - "Das Mittelalter war finster!" - ist man, namentlich seit Kurt Flaschs Enthüllungen, gewappnet gegen ein solch plakatives Vorurteil. Fröhlich setzt hingegen alles daran, uns dieses Vorurteil durch ein womöglich noch drastischeres auszutreiben. Im Bann des fantasievollen Mediävisten Johannes Fried drapiert er das Mittelalter als strahlendes, goldenes Zeitalter. Ein peinliches Quid pro quo oder Tit for Tat.

Die Eröffnungsetüde "Der Mensch stammt vom Affen ab" - nicht der witzigere Buchtitel "Der Affe stammt vom Mensch ab" - wird von dem müden Witz eingeleitet: Sohn fragt Vater, ob der Mensch vom Affen abstammt; darauf der Vater "Ich nicht, du schon". Soll heißen: Kultur geht den Bach runter. Im Verfolg kluger Einwände versteigt sich der Autor zu dem Diktum: "Das evolutionstheoretische Dogma" habe jede Alternative als haltlose Spekulation "diffamiert". Zu den Diffamierten zählt er die philosophischen Anthropologen Max Scheler, Helmuth Plessner, Ernst Cassirer und Arnold Gehlen, aber sind deren etwas vergilbte Positionen ernsthaft Alternativen zum Standard heutiger Evolutionstheorie? Und neigt nicht stets die Philosophie zum Dogmatismus? Ein paar Überlegungen zum Verhältnis von biologischer und sogenannter Kulturevolution hätten sich hier vielleicht anschließen lassen.

Mag sein, dass die Philosophie bei der Rekonstruktion elementarer Lebensverrichtungen wie in "Essen ist Nahrungsaufnahme!" (letzte Übung) eine besonders plumpe Figur macht (als ob sie uns das wahre Lachen beibringen wollte). Gleichwohl findet der Autor, inspiriert vom Bernhard Waldenfels, überraschende Feinabstimmungen bei der Gewichtung von Nahrungsaufnahme und Esskultur, die ja auch nur zwei mögliche Lebensformen und wohl kaum Vorurteile darstellen. Wie denn überhaupt, Etüden und Vorurteile hin oder her, Günter Fröhlichs Buch mit 24 ganz unterschiedlichen Themen gescheite, locker geschriebene Interpretationen und manch überraschende philosophische Einsicht zu bieten hat.

Günter Fröhlich: Der Affe stammt vom Menschen ab. Philosophische Etüden über unsere Vorurteile. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016. 341 Seiten, 21,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 07.11.2016

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