Philosophie Das Gefühl, aufgerufen zu sein

Der Begriff "Entzauberung" suggeriere falsche Eindeutigkeit, sagt der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas - und macht sich daran, diesen Begriff zu entzaubern.

Von Friedrich Wilhelm Graf

Unter dem Titel "Die Sakralität der Person" hatte der in Berlin und Chicago lehrende Soziologe Hans Joas 2011 eine "neue Genealogie der Menschenrechte" veröffentlicht. Ideen vorstaatlicher Rechte des Menschen seien keineswegs nur im Westen, unter dem Einfluss des Christentums oder in der europäisch-nordamerikanischen Aufklärung, sondern auch in anderen Traditionen entwickelt worden. In "Glaube als Option", einem 2012 erschienenen Buch über "Zukunftsmöglichkeiten des Christentums", ging es wiederum um die bleibende Relevanz der Religion in der Moderne.

In seinem neuen Buch "Die Macht des Heiligen" will Joas die diversen Stränge seiner Arbeiten zur "politischen Soziologie der Religion" in einer systematischen Theorie des Sakralen zusammenführen. Es geht ganz klassisch um das spannungsreiche Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Vernunft und religiösem Glauben an die Sinnhaftigkeit individuellen Lebens. Joas, einer der führenden katholischen Intellektuellen im Lande, verfolgt auch ein religionspolitisches Ziel. Er will die oft beobachtbare Sprachlosigkeit zwischen religionskritischen Intellektuellen und vom Heiligen affektiv ergriffenen Frommen überwinden und "eine Sphäre öffnen, in der alle, Gläubige wie Nicht-Gläubige, ihre Erfahrungen und Annahmen artikulieren und aufeinander beziehen können". Dazu muss die eigene Vernunft der Religion transparent gemacht werden.

In einer Art Gegengeschichte will Joas einen der "Schlüsselbegriffe des Selbstverständnisses der Moderne", den Begriff der "Entzauberung", nun selbst "entzaubern". Nicht nur mangele es dem Begriff an Prägnanz und Klarheit. Vielmehr verhindere er es auch, die spannungsreiche religiöse Lage der Gegenwart angemessen zu erfassen. Gerade in ihrer schillernden Vieldeutigkeit suggeriere die Rede von fortschreitender "Entzauberung" nur "falsche Eindeutigkeit".

Wer von "Entzauberung" spricht, kann von Max Weber nicht schweigen. Jahr für Jahr erscheinen weltweit Hunderte Abhandlungen über Webers Verständnis von "Rationalisierung", "Säkularisierung", "Entzauberung" und überhaupt "Modernisierung". Joas will diesen Diskurs konsequent historisieren. Er beschreibt zunächst drei Konstellationen wissenschaftlicher Religionsdeutung. Hätten einst nur Theologen und Philosophen denkende Aufmerksamkeit in den Glauben investiert, seien in und seit der Aufklärung neue Akteure in Sachen Religionsforschung aufgetreten: Religionshistoriker, Religionspsychologen und Religionssoziologen.

In einer Art Gegengeschichte will Joas einen der „Schlüsselbegriffe des Selbstverständnisses der Moderne“, den Begriff der „Entzauberung“, nun selbst „entzaubern“.

(Foto: gemeinfrei)

Die Erkenntnisinteressen der Historiker macht Joas mit Blick auf den religionsskeptischen Universalhistoriker David Hume und dessen Rezeption beim Weimarer Generalsuperintendenten Johann Gottfried Herder sichtbar. Die Psychologie religiöser Erfahrungen verdeutlicht der ausgezeichnete Kenner des nordamerikanischen Pragmatismus am Beispiel von William James' "The Varieties of Religious Experience" aus dem Jahre 1902; die These, dass James entscheidend vom jungen Schleiermacher geprägt sei, lehnt Joas ab, diskutiert aber ausführlich die Schleiermacher-Lektüren George Herbert Meads, John Deweys und der "Transcendentalists" wie Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, durch deren Vermittlung James vom Erlebniskonzept des Berliner Theologen gehört haben dürfte. Aber James' Phänomenologie der Religion sei ungleich reicher als die Schleiermachers.

Für das dritte der modernen religionsdeutenden Konkurrenzunternehmen zur Theologie bezieht Joas sich auf Emil Durkheims "Die elementaren Formen religiösen Lebens" aus dem Jahr 1912; im Spross einer Dynastie französischer Rabbiner sieht er einen "militanten Laizisten", der im Kampf gegen die alten Monotheismen eine universalistische Moral als Inbegriff säkularer Vernunft durchsetzen wollte. Höchst kundig schildert Joas die Vorgeschichten von Durkheims Ritualtheorie bei dem genialen Althistoriker Numa Denis Fustel de Coulanges und dem schottischen Alttestamentler Robertson Smith.

Die ausführliche Beschreibung komplexer Abhängigkeitsverhältnisse soll den schnellen, oft von kulturkämpferischen Konflikten begleiteten Wandel der religionstheoretischen Diskussionslage sichtbar machen. Schon vor der Etablierung von komparativer Religionswissenschaft, Religionspsychologie und Religionssoziologie als eigenständigen Disziplinen sei eine solche Überfülle an religionsbezogenem Wissen produziert worden, dass die Suche nach begrifflicher Durchdringung und Synthese heterogener Wissensbestände unausweichlich geworden sei.

Im vierten und längsten Kapitel, dem "strategisch zentralen Teil" des Buches, führt Joas den Leser ins Heidelberger Gelehrtenmilieu um 1900. Die "Syntheseversuche" der beiden Fachmenschenfreunde und "Rivalen" Ernst Troeltsch und Max Weber deutet er als die damals produktivsten Reaktionen auf die aporetischen Problemkonstellationen in den Religionsdebatten. Joas vertritt eine "Behauptung", die bei orthodoxen Weberianern Entsetzen provozieren dürfte: Der protestantische Theologe Troeltsch habe in seiner historischen Soziologie des Christentums die Probleme ungleich konstruktiver, auch ideenhistorisch informierter und begrifflich klarer bearbeitet als sein langjähriger, oft kranker Soziologenfreund. Beide seien "von substantiellen Fragen so angetrieben, ja besessen" gewesen, "dass sich ihre Arbeit der disziplinären Zuordnung weithin entzieht".

Durch eine subtile Rekonstruktion der "impliziten Methodologie" in den "Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen" von 1912 will Joas Ernst Troeltsch als "Klassiker der Sozialwissenschaften" rehabilitieren. Weber hingegen wird scharf kritisiert. Zwar bestreitet Joas nicht, dass Weber um strengste Begriffsbildung bemüht war. Aber "Entzauberung" sei gerade kein klares Konzept. Weber benutze den schon bei Georg Simmel nachweisbaren Begriff überhaupt erst 1913 und seitdem nur an siebzehn verstreuten Stellen.

In mikroskopisch dichter Lektüre der Texte will Joas zeigen, dass Weber keine konsistente Theorie der "Entzauberung" zu entwerfen vermochte. Bisweilen bedeute "Entzauberung" einen Prozess der Profanierung des einstmals als "heilig" Erachteten. Andernorts gehe es Weber um "Enttranszendentalisierung", also die Aufhebung der religiösen Grundunterscheidung von Immanenz und Transzendenz. Schließlich gebrauche er "Entzauberung" als Synonym für Säkularisierung.

Die oft ignorierten Differenzen zwischen Webers und Troeltschs Theorieprogrammen führt Joas auf ihre unterschiedliche weltanschauliche Grundhaltung zurück. Trotz aller Kirchenkritik habe Troeltsch Chancen für ein "vitales Christentum unter radikal gewandelten Bedingungen in der europäischen Kultur" ausloten wollen, Weber in heroischem Agnostizismus hingegen ein tragisch depressives Gefühl von Glaubens- und Sinnverlust kultiviert.

Joas operiert gern mit dem von Karl Jaspers geprägten Begriff der "Achsenzeit". Gemeint ist ein Zeitraum um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends, in dem alle großen Weltreligionen und auch die griechische Philosophie entstanden seien. Damals habe man ein mythisches Zeitalter durch eine erstmals auf Vorstellungen von Transzendenz bezogene "reflexive Sakralität" abgelöst. Hier bleibt Entscheidendes unklar. Denn Konstruktionen von Denkrevolutionen in fernen Zeiten hängen stark von Vorannahmen des jeweiligen Universalgeschichtsdeuters ab.

Seine Gegengeschichte zum Entzauberungsnarrativ erzählt Joas mithilfe der Rede vom "Faktum der Idealbildung". Menschen seien in ihrem Zusammenleben immer auch von Idealen geleitet, von Vorstellungen über das wahrhaft Gute und das radikal Böse. Dabei lasse sich eine enorme historische Variabilität beobachten.

Wie lässt sich verhindern, dass der Staat zum Gott gemacht wird?

Zudem bildeten Menschen Vorstellungen von "Transzendenz" aus, die über bloß innerweltliche "Sakralität" hinausführten. Erfahrungen der "Selbsttranszendenz" bewirkten ein emotionsstarkes Erlebnis des "Heiligen": "Wir können uns, so klein unsere Stellung im Universum ist, als bedeutungsvollen, in unserer Individualität einmaligen und zur Mitwirkung aufgerufenen Teil eines Ganzen empfinden, bei aller ständigen Gefährdung als berechtigt zum Vertrauen in eine uns tragende Ordnung."

Ganz unterschiedliche Phänomene des Lebens können sakralisiert werden, das Königtum ebenso wie das Volk oder die individuelle Person. Doch trotz ausführlicher Analysen von Prozessen der "Selbstsakralisierung" bleibt unklar, wie Gesellschaften diesen Gefahren begegnen können. Wie lässt sich verhindern, dass der Staat zum Gott gemacht wird? Wie lässt sich seine freiheitsdienliche Säkularität stärken? Im "normativen Schluss" argumentiert Joas dann ganz weberianisch: Der je eigenen Stellungnahme zu den Spannungen zwischen einem moralischen Universalismus und partikularen Verpflichtungen, etwa gegenüber Freunden oder Familienangehörigen, könne niemand entgehen.