Oper "Peter Grimes":Trost ist hier keiner

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Oper "Peter Grimes": Die Bayerische Staatsoper führt "Peter Grimes" auf. Realistisch. Düster.

Die Bayerische Staatsoper führt "Peter Grimes" auf. Realistisch. Düster.

(Foto: Wolfgang Hoesl)

Zwischen Krieg und Corona bringt die Bayerische Staatsoper Benjamin Brittens "Peter Grimes" auf die Bühne. Dezent, aber düster.

Von Reinhard J Brembeck

Kunst in Zeiten des Krieges? Sich an der Bayerischen Staatsoper auf Benjamin Brittens erste Erfolgsoper "Peter Grimes" einzulassen, die Kunst gar zu genießen, während 2000 Kilometer östlich von München gestorben, gekämpft und gelitten wird: Geht das? Das Publikum jedenfalls bejubelt zuletzt Sänger und Musiker, das Regieteam aber zeigt sich nicht - es gibt Coronafälle. Die Seuche hat schon dafür gesorgt, dass die Premiere um eine Woche verschoben werden musste. Zu Beginn hält Staatsopernintendant Serge Dorny eine kurze Ansprache, gedenkt der Unterdrückten und dem Leiden in der Ukraine. Man müsse Kunst und Kultur der Barbarei entgegensetzen. Dorny benennt mit "Freiheit, Demokratie, Brüderlichkeit" die Grundpfeiler westlicher Gesellschaft. Dazu passend spielt das Orchester nicht die ukrainische Nationalhymne, das wäre allzu plakativ, sondern die Europahymne, ein Auszug aus Ludwig van Beethovens Neunter, das Publikum erhebt sich.

Dann hat der bekennende Pazifist Britten das Wort, der in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, im zerstörten Europa den "Peter Grimes" mit einer Musik ausstatte, die im Vokalen gern auf Folklore zurückkommt, in riesigen Chorensembles Giuseppe Verdi eine Referenz erweist, Religiöses als Massenzwang entlarvt und U-Musik als einzige Vergnügung einer sexuell restriktiven Gesellschaft, die ständig von Sex träumt. Dazu zeichnet Britten im Orchester herb unromantische Natur- und Sturmtableaus, die sich hemmungslos gegen alles Menschliche richten. Dirigent Edward Gardner hat für all das ein Faible, er drängt sich nie in den Vordergrund. Letztlich aber bleibt der Dirigent allzu versiert. Er trotzt dieser Musik nichts Neues ab, er deutet sie nicht aus, er putscht sie nicht auf, verleiht ihre keine Dringlichkeit, sucht keine Synthese.

Stuart Skelton gibt den Underdog Grimes, zeichnet ihn schroff zerrissen zwischen unbeholfen, verträumt und brutal, seine Stimme passt sich mühelos all diesen Erfordernissen an. Skeltons Grimes stellt das Publikum vor ein Dilemma. Jeder wird Mitleid haben mit diesem ungebildeten Fischer, der sein bigottes und zur Lynchjustiz bereites Dorf gegen sich hat. Nur die Lehrerin hält zu ihm, auch sie eine Außenseiterin. Rachel Willis-Sørensen zeichnet ihre Liebe zu Grimes sanft, würdevoll und voll verhaltener Verzweiflung, das prägt ihre warmen, weit geschwungenen Linien. Letztlich aber ist diese Frau die Handlangerin des Unglücks.

Das Thema Kindsmissbrauch schwingt untergründig mit

Bei einer katastrophal verunglückten Fangfahrt ist Grimes der Bootsjunge verdurstet. Die Lehrerin verhilft ihm gegen den Widerstand des Dorfes zu einem neuen Bootsjungen, obwohl sie um Grimes Brutalitäten an den Jungen weiß. Ihre Befürchtungen werden schnell wahr. So unterwürfig blind kann Liebe sein. Das Thema Kindesmissbrauch schwingt in dieser Britten-Oper genauso untergründig mit wie später in "The Turn oft he Screw", "Billy Budd" und "Dead in Venice". Grimes selbst, das suggerieren Musik wie Libretto, dürfte das Opfer von Misshandlungen als Kind gewesen sein. Doch Benjamin Britten war ein Gegner von allzu viel Offenheit bei der Aufdeckung sexueller und emotionaler Verstrickungen in seinen Stücken. Auch als Dirigent gab er sich zurückhaltend, war nie exzessiv. Die grandios exzessive Darstellung des Grimes durch den überwältigenden Jon Vickers, er war der bisher letzte Heldentenor der Musikgeschichte, war ihm ungeheuer.

In München hält es das Regieteam um Stefan Herheim eher mit Brittens Dezenz, die auch Gardners Dirigat prägt, als mit Vickers Enthüllungskunst. Ärmlicher Realismus kennzeichnet die Dorfgemeinschaft, sie tummelt sich in einer kargen Versammlungshalle, die einem umgestülpten Schiffsrumpf ähnelt. Die Decke fährt manchmal nach oben, hinten ist gelegentlich das Meer zu sehen. Kärglich und kleingeistig ist hier alles. Herheim trotzt weder dem Stück noch den Figuren tiefere Einsichten ab. Das verhindert schon der von ihm gewählte Realismus, an dem er penetrant festhält. Weshalb die zerstörerischen Abgründe und Psychosen weder von Grimes noch seiner Freundin sichtbar werden.

Pfarrer, Zuhälterinnenwirtin, Gottesfanatiker, Gunstgewerblerinnen, Drogensüchtige, Rechtsanwalt und Quacksalber liefern dazu eine nie über Klischees hinausgehende Folie alltäglicher Niedertracht. Genauso ungreifbar bleibt der von Iain Paterson allzu ungebrochen selbstbewusst und sicher gegebene Balstrode, die zwielichtigste Gestalt des Stücks. Der versucht zwischen dem Dorf und Grimes zu vermitteln, ist seinerseits in die Lehrerin verliebt, und treibt Grimes zuletzt, ein zweiter Junge ist gestorben, in den Selbstmord. Trost ist hier keiner zu haben, auch nicht in der stürmischen Musik.

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