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Persepolis: Iran und das persische Erbe:Persepolis und seine Pilger

Ganz neu ist das alles nicht, ähnliche Gedanken hat Ahmadinedschad immer mal wieder en passant geäußert. Mal erklärte er, die Regierung habe Wichtigeres zu tun, als sich um den korrekten Sitz von Kopftüchern zu kümmern, ein anderes Mal wollte er das Verbot für Frauen, Fußballspiele im Stadion anzusehen, aufheben. Doch der geballte Zorn der orthodoxen Geistlichkeit und eine deutliche Weisung des obersten geistigen Führers, Ali Khamenei, zwangen ihn, ins Glied zurückzutreten. Und natürlich sind seine ellenlangen Briefe an George W. Bush und Angela Merkel als Versuch zu werten, die Isolation seines Landes zu überwinden.

Doch Maschaei wagt sich weiter vor. Er stellt nationale Themen in den Vordergrund und versucht, patriotische Gefühle zu entfachen. Dabei spielt, wie zu erwarten, die prä-islamische Vergangenheit Irans eine große Rolle und damit selbstverständlich Persepolis. Versucht Maschaei die nationalen Gefühle der Iraner zu nutzen und die wachsende Gruppe der Persepolis-Pilger für die Regierung einzufangen? Und lässt sich die Stellung der alten Achämeniden als führende Weltmacht propagandistisch für heutige Großmachtambitionen nutzen?

Gebratene Pfauenzungen zur Jubelfeier

Das hatte schon der Schah in den siebziger Jahren versucht: In einem Wäldchen, dem Eingang zu Persepolis gegenüber, rostet das Gestänge der Zelte vor sich hin, die der Schah 1971 für die tausend Gäste seiner Jubelfeier zum 2500-jährigen Bestehen des Persischen Reichs aufstellen ließ. Mohammed Reza sah sich selbst in einer Linie mit den Achämeniden-Königen, deren Weltreich 331 v. Chr. im Kampf mit dem griechischen Emporkömmling Alexander zu Grunde gegangen war.

Vor dem Eingang zum bescheidenen Totenhaus des Kyros in Pasargadae, nicht weit von Persepolis, salutierte der Schah und rief in den leeren Grabraum hinein: "Schlaf ruhig Kyros, ich wache". Währenddessen goss sein Erzfeind, Ajatollah Khomeini, Hohn und Spott über den Herrscher aus, der den Staatschefs und Monarchen der Welt gebratene Pfauenzungen vorsetzen ließ, während sein Volk in Armut lebte. Um das Maß voll zu machen, führte der Schah 1976 den Sonnenkalender ein, der nicht mehr die Hedschra von Mohammed von Mekka nach Medina zum Ausgangspunkt der neuen Zeitrechnung wählte, sondern die Krönung von Kyros dem Großen. Drei Jahre später fegte die Revolution ihn hinweg.

Persepolis und die glorreiche vorislamische Vergangenheit versetzen seit den Ausgrabungsarbeiten Mitte des 20. Jahrhunderts die iranische Gesellschaft in Schwingungen. 1979, kurz vor der Revolution, erklärte die Unesco die Ruinenstadt zum Kulturerbe der Menschheit. Für die national eingestellten Bürger wirkt die Achämeniden-Herrlichkeit wie ein Aufputschmittel, für die Frommen und Religiösen hingegen ist die Stätte unter dem Zeichen von Zarathustra eher eine Wohnstatt des Bösen. So plante nach der Revolution der sogenannte Blutrichter Ajatollah Khalkhali, Persepolis in die Luft zu jagen, um das Land von allem prä-islamischen Teufelszeug zu befreien. Doch der Widerstand der Bewohner der nahe gelegenen Stadt Shiraz, die auf die Einnahmen durch den Tourismus nicht verzichten wollten, zusammen mit moderaten Geistlichen haben dies verhindert.

Noch in den neunziger Jahren lag Persepolis verlassen da. Außer einigen seltenen ausländischen Touristengruppen, die mit verrutschten Kopftüchern und seltsamen Verhüllungen durch die Ruinenlandschaft wanderten, kam niemand auf die Idee, Persepolis zu besuchen. Der Direktor saß in seinem Büro, hinter sich ein Foto des Revolutionsführers Khomeini, die Wände tapeziert mit Koransuren und der Hand der Fatima zur Abwehr des bösen Blicks, und wünschte sich weit fort von diesem unerquicklichen Ort. Immerhin gingen die Maßnahmen zum Erhalt des archäologischen Wunders, die in der Schah-Zeit begonnen wurden, ohne Emphase und Eile weiter.

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