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Erzählungen von Patricia Highsmith:Die Logik der Gewalt

Portrait of Patricia Highsmith le 25 mai 1976 AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTx

Die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith im Mai 1976.

(Foto: imago stock&people/imago/Leemage)

Einige ihrer besten Storys schrieb Patricia Highsmith, als sie in New York lebte, Affären mit glamourösen Society-Damen hatte und ihre Homosexualität mit Psychoanalyse zu bekämpfen versuchte.

Von Maike Albath

Von Patricia Highsmiths Figuren kann man nicht genug bekommen, selbst wenn sie die schrecklichsten Dinge anrichten. So wie die labile Lucille, die sich endlich aus dem Bannkreis ihrer toten Mutter löst, eine Arbeit als Kindermädchen bei einer netten Familie findet, sehr geschätzt wird und dann aber von der Notwendigkeit einer Heldentat so besessen ist, dass sie das Haus anzündet, aus dem sie ihre Schützlinge retten will. Oder wie die sauertöpfische Mutter, die eine andere bei einem Treffen mit ihrem Liebhaber beobachtet und den beiden ihr Glück missgönnt.

Mit einer Mischung aus Grauen und Faszination verfällt man diesen Gestalten, weil Highsmith die Psyche ihres Personals derartig gleichmütig auffächert, als handele es sich um etwas komplett Alltägliches - wie eine Tierforscherin, die eine fremde Spezies katalogisiert. Normverletzung, Gewalt und Mord entwickeln eine zwingende Logik.

Der Band "Ladies" versammelt frühe Kurzgeschichten der 1921 in Texas geborenen Highsmith, darunter fünf, die zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen. Man entdeckt etliche der zentralen Motive und Konstellationen, die sie später immer wieder variieren wird. Entstanden sind die Erzählungen zum größten Teil in den 1940er-Jahren, als Highsmith in New York lebte, gerade das College absolviert hatte, sich in Affären mit glamourösen Society-Damen verwickelte, sehr viel Gin trank, ein paar Monate lang ihre Homosexualität mit einer Psychoanalyse zu bekämpfen versuchte und einen ersten Job als Texterin in einem renommierten Comicstudio ergatterte. Mit dieser Arbeit, die sie später konsequent verschweigt, hielt sie sich mehrere Jahre lang über Wasser.

Auf einmal ist Angst im Spiel

Es war eine gute Schule, was die Verknüpfung von Handlungssträngen und die Inszenierung von Höhepunkten anging. Die Geschichte "Der Schatz" von 1943 steckt voller comichafter Elemente. Ein Krüppel namens Archie entdeckt eine herrenlose Tasche auf einem Bahnsteig der Subway und schnappt sie sich in dem Moment, in dem ein Mann mit Filzhut und Kamelhaarmantel sie ebenfalls erspäht. Der Kamelhaarmantel-Mann verfolgt den Krüppel, jagt ihm die Beute ab, woraufhin dieser ihm nachstellt.

Auf einmal ist Angst im Spiel, der Krüppel wird für den anderen zu einer Gestalt des Schreckens, und am Ende macht Archie das Rennen. Die Schlusskadenz - in der Tasche sind nichts als Süßigkeiten - lässt die Dramatik in sich zusammenfallen, aber die Verfolgungsjagd besitzt bereits alles, was Highsmith in ihrer Tom-Ripley-Reihe und anderen Romanen zur Perfektion bringen wird: wie das Gegenüber zu einer Projektionsfläche wird, sich eine unkontrollierbare Dynamik entspinnt und das Irrationale Oberhand gewinnt. Geschult an den Kurzgeschichten von Edgar Allen Poe, R. L. Stevenson, Henry James und Hemingway versteht sich die Autorin bereits mit Anfang zwanzig auf erzählerische Ökonomie und verdichtet auf knappstem Raum die Wendungen ihrer Geschichten.

Ungerührt zeichnet Highsmith nach, wie innere Welten ins Rutschen geraten und plötzlich immer abschüssiger werden. Welche Ansteckungskraft wahnhafte Zustände entfalten können, muss ausgerechnet der Psychoanalytiker Dr. Bauer erfahren, obwohl er es als Profi eigentlich hätte ahnen können. Seine Patientin Mrs. Afton wirkt mit ihrer Angst um ihren Ehemann so sehr auf ihn ein, dass er seine Abstinenz vergisst und ihr zu Hilfe eilt. In der Geschichte "Die Weltmeisterin im Ballwerfen", die in der pointierten Übersetzung von pociao erstmals auf Deutsch zu entdecken ist, drückt die Tochter die Panik aus, die ihre Eltern nicht zu zeigen vermögen: Die Familie ist am Vorabend nach New York umgezogen und komplett verloren.

Gnadenloser Blick auf normative Korsette

Mit der Anweisung, Freundschaft zu schließen, wird Ellie auf die Straße geschickt, wo ein fremdes Mädchen virtuos einen Ball an die Wand drischt. Nicht einmal die Kontaktaufnahme gelingt, und Ellie rennt weinend zurück, behauptet aber, die Ballspielerin heiße Helen. Die Lüge gewährt ihr zumindest einen Moment lang das Gefühl, die Dinge in der Hand zu haben. Hier zeigt sich nicht nur das Berauschende einer fiktiven Vorstellung, hier verarbeitet Highsmith auch eine autobiografische Erfahrung, denn sie wurde als Sechsjährige ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen war, entrissen und von ihrer Mutter und dem verhassten Stiefvater von Texas nach New York verpflanzt.

Glänzend in ihrem gnadenlosen Blick auf soziale Milieus und das normative Korsett sind die Erzählungen über Frauen, wie "Blumen für Louisa" oder "Die stille Mitte der Welt", die bereits in der von Anna von Planta und Paul Ingendaay hervorragend edierten Gesamtausgabe enthalten waren. Obwohl Highsmith in der dritten Person erzählt, überlässt sie uns oft der Perspektive ihrer Figuren, aus der man sich kaum zu lösen vermag. Die Intensität der Gefühle gerät immer wieder in einen starken Kontrast zu Highsmiths nüchterner, trockener und schmuckloser Sprache.

Aus dem beiläufig dargebotenen Abgründigen entsteht dann die Beklemmung, die Highsmith, in einer nie nachlassenden Hassliebe zu ihrer Mutter gefangen und Protagonistin etlicher zerrütteter Liebesbeziehungen, schon in ihrer frühen Kurzprosa zu erzeugen weiß. "Obsessionen sind das Einzige, was zählt", hielt sie am 17. September 1942 in ihrem Tagebuch fest. "Am meisten interessiert mich die Perversion, sie ist die Dunkelheit, die mich leitet." Der Reiz besteht aber darin, dass es zugleich um universelle Gefühle geht, die jeder kennt: Neid, Eifersucht, archaische Wut und Angst, aber auch Sehnsucht und eine Ahnung von Glück, wie bei der entrückten jungen Mutter auf der Parkbank oder der aufopferungsvollen Louisa, die auf einmal Wertschätzung erfährt.

Highsmith war eine große Schneckenliebhaberin

Highsmiths Haltung ähnelt der des Schneckenforschers Mr. Knoppert, Held der gleichnamigen Story aus den späten 1940er-Jahren, ebenfalls im Rahmen der Gesamtausgabe erschienen und eine ihrer bekanntesten. Sie bildet den Schlussstein von "Ladies" und passt deshalb so gut, weil hier die Möglichkeiten und Gefahren der Beobachterrolle auf den Punkt gebracht werden. Mr. Knoppert, Broker an der Wall Street, entdeckt eines Abends, wie zwei für das Abendessen gedachte Weinbergschnecken in einer Schüssel aufgerichtet ihre Köpfe gegeneinanderpressen, als küssten sie sich. Fasziniert schaut er zu und nimmt die Tiere mit in sein Arbeitszimmer.

Die fast schon erotische Intensität, mit der sich Mr. Knoppert zum Unwillen seiner Ehefrau den sich rasant fortpflanzenden Tieren widmet und gleichzeitig beruflich immer erfolgreicher wird, entspricht haargenau dem Temperament seiner Erfinderin. Highsmith war selbst eine große Schneckenliebhaberin und hielt später in Suffolk eine Population von dreihundert Weichtieren. Genauso wie Mr. Knoppert in den schleimigen Schneckenkörper hineinkriecht, frisst sich Patricia Highsmith in die dunkelsten Windungen der Psyche hinein. Krude Fantasien ängstigen sie nicht, im Gegenteil. Sie sind ihr Lebenselixier. Und anders als Mr. Knoppert muss sie an den glitschigen Leibern nicht ersticken - sondern formt sie zu Geschichten um.

Patricia Highsmith, Ladies. Frühe Stories. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz, Dirk van Gunsteren und pociao. Diogenes Verlag Zürich 2020, 310 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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