"Panem"-Hauptdarstellerin Lawrence im Porträt Zwei-Milliarden-Dollar-Darling

Erst die Oscar-Nominierung, nun der kommerzielle Durchbruch: Jennifer Lawrence ist spätestens seit dem Erfolg von "Die Tribute von Panem" der Liebling Hollywoods. Lawrence wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass sie künftig mehr im Fokus steht - mit einem Einspielergebnis von 151 Millionen Dollar legte ihr Film den drittbesten Kinostart der US-Geschichte hin.

Von Roland Huschke

Vielleicht hat sie es geschafft und konnte wie geplant ihr letztes Wochenende in Freiheit auf dem Land verbringen. Abgeschnitten von der Marketing-Maschinerie und den nackten Zahlen, die Hollywood in helle Aufregung versetzten. Luft schnappen wollte sie bei der Familie und den Pferden im heimischen Kentucky. Das ist der Plan, den Jennifer Lawrence noch beim Gespräch in London hat, vor dem Filmstart von "Die Tribute von Panem", und der natürlich so kitschig geerdet klingt, dass die Schauspielerin befürchtet, ihre Worte hörten sich "wie ein Country-Song" an.

Hat sie eine Vorstellung davon, was sich nun alles ändern könnte? "Ich blende das Chaos erst mal aus", sagt die 21-Jährige mit der tiefen, lauten Stimme einer erwachsenen Frau, während der Kontrast zu ihren kindlich strahlenden Apfelbäckchen nicht auffälliger sein könnte. "Bisher bin ich noch geschockt, wenn Fremde ein Foto schießen. Ich denke dann, dass hinter mir jemand Prominentes stehen muss, bevor ich merke: Ach, wie schön, die meinen mich."

Lawrence wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass künftig ein paar Leute mehr hinschauen - mit einem Einspielergebnis von 151 Millionen Dollar legte ihr Film "The Hunger Games" (Originaltitel) den drittbesten Kinostart der US-Geschichte hin. Zwar mochte der Rest der Welt noch nicht folgen, als am vergangenen Wochenende eine zwei Jahre orchestrierte Kampagne um "The Hunger Games" den Höhepunkt erreichte (In Deutschland etwa dämpfte Hoch Harry die Kinolust der jungen Zielgruppe). Doch dem Hype um die Teenager-Trilogie wird das dauerhaft nur eine Delle versetzen. Von 600 Millionen Dollar pro Film plus Zusatzeinnahmen geht die Produktionsfirma Lionsgate aus.

Über Nacht ist Jennifer Lawrence so zum Zwei-Milliarden-Dollar-Darling der Branche geworden. Sie soll eine rätselhafte Generation ans lukrative Franchise-Geschäft binden. Erklären kann die Schauspielerin auch nicht, warum die Jugend der Welt gerade die fatalistische Fiktion von "The Hunger Games"-Autorin Suzanne Collins zur Pflichtlektüre erklärt hat. "Wir sind so desensibilisiert durch mediale Gewalt und Reality-Fernsehen", versucht sie es, "dass die Bücher wohl einen Nerv getroffen und unsere kollektive Menschlichkeit angesprochen haben."

Blutiges Spektakel als Zivilisationskritik

Lawrence spielt in dem Erfolgsfilm die unfreiwillige Heldin Katniss Everdeen. In einem diktatorischen Zukunftsregime wird sie als Vertreterin eines proletarischen Randbezirks auserkoren, in den modernen Gladiatorenkampf zu ziehen. Über versteckte Kameras verfolgt die Masse das blutige Spektakel bis in jeden Baumwipfel. Und auch wenn das Zivilisationskritik-Modell wüst variiert wird aus Bewährtem wie "Herr der Fliegen", "Das Millionenspiel" oder "Die Truman Show", so bricht "The Hunger Games" doch reihenweise Erwartungsmuster.

Anders als die andere androgyne Arschkick-Ikone der Gegenwart, die drachentätowierte Lisbeth Salander aus Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie, steht Katniss Everdeen jederzeit im Zentrum eines Überlebenskampfes, der ihr Geschlecht nie als vermeintliche Schwäche thematisiert. "Ich lernte Felsklettern, Stuntarbeit, hatte Lauf- und Pfeilschusstraining, kann jetzt Bäume barfuß erklettern und, ja, wahrscheinlich mehr Männer verprügeln als früher", rattert Lawrence die physischen Vorbereitungen herunter. Kein Problem. Wenn nicht in der Hektik ein Pfeil falsch aufgelegt wurde und ihr der Bogen schmerzhaft ins Gesicht klatschte.

Angesichts dieses Körpereinsatzes wird schon die Löchrigkeit des ewigen "Twilight"-Vergleiches deutlich, mit dem die Industrie einer ergebenen Fangemeinde Stoff für fortgesetzte Obsessionen bieten will. Anders aber als in der Vampirsaga ist die Heldin hier nicht allzeit abhängig von komplizierten Männern. Gut, es gibt zwei samtäugige Verehrer mit verletzten Blicken im sich anbahnenden Dreiecksverhältnis. Doch wenn "The Hunger Games" mit ungewissem Ausgang endet, bleiben romantische Perspektiven ein Randaspekt. Vielmehr hat Lawrence dem Franchise so souverän ihre Persönlichkeit aufgedrückt, dass die Rebellion der Zukunft nur weiblich sein kann.

Beim Interview in London wird Lawrence durch diese Rolle an den Rand schönster Schizophrenie geführt. In einem Moment kann man ihr zusehen, wie sie giggelnd Fragen der Teen-Presse beantwortet - ja, die älteren Brüder hätten sie stets bewacht, und nein, Kochen zähle kaum zu ihren Stärken. Lawrence wirkt nie routiniert, wenn sie der Presse flüchtig private Einblicke bietet. Aber richtig redselig wird sie erst, wenn sie von "Anna Karenina" schwärmt und von Drehpartner Donald Sutherland, mit dem es sich so wunderbar über Walt Whitman diskutieren ließ.

"Schreib doch, ich hätte jeden Kommentar verweigert"

"Oh Gott, ich klinge wie ein Snob", schließt sie und beeilt sich zu versichern, auch einen Stapel Jugendbücher auf der Leseliste zu haben. Doch der Eindruck, einige Jahre und Erkenntnisse reifer als der Rest ihres Jahrgangs zu sein, begleitet Lawrence ohnehin, seit sie für das Familiendrama "Winter's Bone" eine Oscar-Nominierung erhielt. Sie war erst 17 Jahre alt, als sie die abgehärtete Anführerin eines Clans im Drogensumpf spielte, die jagen gehen muss, um die kleine Schwester nicht verhungern zu lassen.

"Es stimmt", vergleicht Lawrence, "die Ähnlichkeiten zwischen beiden Rollen sind wirklich auffällig. Doch der Druck bei ,The Hunger Games' war ungleich größer, weil jeder Leser eine feste Vorstellung von Katniss hat, und ich aufpassen musste, noch für mich selbst zu denken - statt Hoffnungen erfüllen zu wollen." Zumal sie beschäftigt genug damit ist, sich in Rollen hineinzufinden, die für Instant-Stars vorgesehen sind. "Jennifer Lawrence im Body von Dolce & Gabbana!", wirbt das Magazin Interview für sein nächstes Cover mit einer Schauspielerin, die eigentlich "absolut keine Fashionista" ist und nicht mal weiß, von wem die weiße Bluse ist, die ihr die Stylistin für den PR-Tag herausgelegt hat.

Auch die Presseagentin der Schauspielerin rechtfertigt ihr Gehalt, als man von Lawrence wissen möchte, ob sie wirklich ein Projekt von Regisseur Oliver Stone zum Platzen brachte, um frei zu sein für "The Hunger Games". "Stimmt so nicht", murmelt die Repräsentantin, worauf Lawrence zu lachen beginnt und vorschlägt: "Schreib doch, ich hätte jeden Kommentar verweigert, das klingt hübsch geheimnisvoll."

Wie ein Schutzschirm funktioniert die Ironie, mit der sie die Verwicklungen begrüßt, nun neben allem Talent und erfüllten Hoffnungen eben auch eine Ware zu sein, um deren Einsatz prominente Regisseure streiten. "Der Trick ist, so laut zu sein, dass es den Eindruck unerschütterlichen Selbstbewusstseins erweckt", sagt sie und wirkt seelenruhig ob einer Zukunft voller Prestigeprojekte neben Sean Penn oder Robert De Niro. "Meine Freiheit, unerkannt über die Straße zu gehen, mag jetzt eingeschränkt werden - aber als Schauspielerin fange ich gerade erst an, meine Flügel zu spannen."