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Oyinkan Braithwaites Roman "Das Baby ist meins":Ein Buch wie eine Ofenkartoffel

Zugänglicher Stil: die britisch-nigerianische Schriftstellerin Oyinkan Braithwaite.

(Foto: © Studio 24)

Oyinkan Braithwaites "Das Baby ist meins" versucht gar nicht erst, der große afrikanische Emanzipationsroman zu sein. Das ist vielleicht seine größte Stärke.

Von Juliane Liebert

"Das Baby sah aus wie eine Ofenkartoffel" ist einer der Sätze, die einem schon ganz am Anfang zeigen, wo die Reise hingeht, wenn man sich an "Das Baby ist meins" von Oyinkan Braithwaite wagt. Die Autorin lässt ihren Ich-Erzähler - einen Macho namens Bambi - an eine Wiege treten. Er späht hinein und denkt, was schon so mancher wohl heimlich dachte. Nun ist nicht nicht nur das Baby, sondern auch das Buch eine Ofenkartoffel, in gewissem Sinne: ein Snack, ein wenig über 120 Seiten lang, 28 kurze Kapitel. Eher eine wohlgefüllte Kurzgeschichte als ein Roman.

Aber wie bei einer Ofenkartoffel auch kommt es natürlich auf die Füllung an. Das Buch spielt während der Anfänge der Pandemie. Bambi findet den Lockdown an sich erst mal gar nicht so schlecht, bis er von seiner schönen Freundin aus deren schöner Wohnung geworfen wird, weil er nicht ganz so schöne sexuelle Nachrichten an andere schöne Frauen geschrieben hat. Was sie nicht toll findet, obwohl er "ihr immer und immer wieder erklärt hatte, dass ein Mann nicht dafür geschaffen war, sich an eine einzige Frau zu binden. Das verstieß gegen die Naturgesetze". Und wer ist er, der Natur zu widersprechen?

Bambi verkrümelt sich also zu seiner Tante. Sein Onkel ist vor Kurzem an Corona gestorben und hat Tante und deren frisches Baby allein zurückgelassen. Fast allein. Denn da gibt es noch eine weitere Hausbewohnerin ... Mehr der Handlung zu verraten wäre boshaft, denn sie geht von hier schnurstracks ihren kurzweiligen Gang.

Die Autorin sagt, sie schreibe nicht über "nigerianische Erfahrungen"

Die Autorin, Oyinkan Braithwaite, hat ihre Kindheit in Lagos, Nigeria, und London, Großbritannien, verbracht. Ihr letztes Buch, "Meine Schwester, die Serienmörderin", war ein Welterfolg. Sie verweigert sich aber dem Autorinnen wie ihr oft untergeschusterten Auftrag, in ihrer Literatur eine "universell nigerianische" Erfahrung teilen zu müssen.

"Wir haben eine große Kluft zwischen den Klassen und wir haben eine große Kluft zwischen den Kulturen, weil wir aus verschiedenen Stämmen stammen, wir haben verschiedene Religionen. Man muss nicht sehr weit laufen, um jemanden zu sehen, der ein ganz anderes Leben hat als man selbst", sagte sie dem Guardian, "Ich würde keinen Roman schreiben wollen, bei dem die Leute das Gefühl haben, dass ich über eine nigerianische Erfahrung spreche - ich spreche über meine Erfahrung, über die Dinge, die mich interessieren, und das ist alles, was ich tun kann. "

Ihre Grundhaltung ist dabei humorvoll entspannt. So wird in "Das Baby ist meins" die Pandemie, obwohl sie schon in den ersten Sätzen auftaucht, weitgehend ignoriert. Sie dient nur dazu, zu erklären, warum die drei Hauptfiguren das Haus nicht verlassen können. Sie verkleinert die Welt zur Bühne.

Die Frauen werden in dieser Welt nach Alter und Brustgröße bewertet

Die Hauptfigur Bambi steht der Pandemie weder besonders panisch gegenüber, noch leugnet oder überhöht er sie. Nur Sätze wie "Sie schüttelte mir die Hand. Damals war es noch erlaubt, sich die Hände zu schütteln. Die Pandemie war noch nicht ausgebrochen und hatte uns Angst vor jeglichem Körperkontakt eingeflößt" zeigen, dass er sie überhaupt registriert. Die Pandemie hat nicht nur eine Verengung des Bewegungsradius zur Folge, sondern verengt auch den kulturellen Horizont, weil die meisten Menschen mit den Verhältnissen im eigenen Land beschäftigt sind.

Der Flow und die Zugänglichkeit von Braithwaites Stil senken die Schwelle, den Blick auf die fremde Erfahrung zu richten. Laut Klappentext ist das Buch eine "augenzwinkernde Ansage an das Patriachat". Dabei ist die Welt des Protagonisten eine, in der Frauen mit vollkommener Selbstverständlichkeit nach Alter und Brustgröße bewertet werden. So ist Bambis Tante "sicher nicht mehr taufrisch", und Esohe "sah nicht aus wie die Sorte Frau, mit der man seine Ehefrau betrügen würde - ihre Brüste waren kaum auszumachen".

Das ist sicher mit Augenzwinkern gemeint - aber macht es das zu einem Buch "über die Emanzipation junger Afrikanerinnen"? Eigentlich nicht. Aber das scheint Braithwaite auch nicht zu beabsichtigen. Der Witz ist, dass sie Repräsentation gerade durch ihre Weigerung erreicht, "the great nigerian novel" zu schreiben. Jedenfalls, sofern man darunter ein die verschiedensten Milieus durchwanderndes Epos versteht.

Sie beschränkt sich auf überschaubare zwischenmenschliche Konstellationen in der Mittelschicht des Molochs Lagos und vereinfacht den Zugang zusätzlich, indem sie einen etwas unbedarft schwätzenden jungen Mann erzählen lässt. Deswegen nimmt die Story, obwohl sie im Lockdown spielt, einem statischen Setting also, schnell Tempo auf. Immunstärkendes literarisches Workout inklusive, denn die Erzählung verkommt nie zur corona-säuerlichen Bekenntnisprosa. Fiction, not facts.

So liest sich das Buch — wie schon sein Vorgänger "Meine Schwester, die Serienmörderin" — nicht nur ungemein schnell weg. Es gibt einem auch auf spielerische Art einen Einblick in eine Welt, die gerade genauso eng und aufregend ist wie unsere.

Oyinkan Braithwaite: Das Baby ist meins. Roman. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Blumenbar Verlag, Berlin 2021. 128 Seiten, 15 Euro.

© SZ/fxs
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