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"Overgrown" von James Blake:Vielköpfiger Eunuchenchor

James Blake auf dem Cover seines neuen Albums "Overgrown".

(Foto: Universal Music)

Herzzermörsend traurig: Der Brite James Blake hat vor drei Jahren etwas geschafft, das viele längst für unmöglich hielten: Er hat eine neue Musik erfunden - die nicht nur von Eingeweihten geliebt wird. Jetzt erscheint sein zweites Album und zeigt, wie das mit der wahren Sehnsucht funktioniert.

Von Joachim Hentschel

Eben bei Saturn gewesen. In einem dieser riesigen Elektropaläste, in denen die Schallplattenabteilung noch heute so weitläufig und groß ist, voller ächzend gefüllter CD-Regale, voller Vinyl-Stapel und Gesamtwerk-Boxen und roter Rolling-Stones-Zungen, dass man die Krise der Popindustrie für eine nordkoreanische Propagandalüge halten will.

Nach dem neuen James-Blake-Album geschaut. Nichts gefunden.

Okay, später dann schon. Nicht in der Sektion Pop/Rock, auch nicht bei Indie/Alternative, nicht bei Soul/R'n'B. Dafür ganz hinten, im Bereich für die Nachteulen und Nägelkauer, "Elektronische Musik", als ob nicht alles irgendwie elektronisch wäre. Trotzdem, ist das nicht eine reizende Vorstellung? Eine völlig unsichtbare Musik, die man zwar hören kann, von der man weiß, dass sie da ist. Aber wenn man nach ihr sucht, wenn man sie packen und vielleicht sogar schütteln will, beim Schopf oder bei den Wurzeln, dann ist da einfach - nichts. Musik, die die Kraft hat, sich selbst und die Leute und die Apparate verschwinden zu lassen, die sie spielen. Ihnen alle sichtbaren Differenzen auszutreiben, sie zu verklären, unverwundbar zu machen. Möglicherweise ja auch ihre Hörer.

Und in der Tat ist James Blake, 24, aus London, nah dran an diesem Kunststück. Das unscharfe Porträtbild auf seinem 2011 erschienenen unbetitelten Debütalbum sah schon aus wie Geisterfotografie, das Gesicht nicht einfach nur klassisch verwackelt, sondern an mehreren Orten gleichzeitig präsent. "Overgrown" (Polydor/Universal), die neue Platte, zeigt ihn im Mantel in einer Schneelandschaft, wie einen versehentlich von Google Street View Fotografierten, der gleich weggepixelt sein wird. Oder wie eine dieser seltsamen Gestalten, die man im Vorbeizischen aus dem Zugfenster sieht. Figuren, die erst dann verschwinden, wenn man richtig hinsieht.

Schon dringend gebraucht wurde, bevor es sie gab

Dabei ergießt sich auf James Blake derzeit ja die allergrößte Aufmerksamkeit, die überhaupt noch denkbar ist in einer Poplandschaft, die in so unzählbar viele Saturn-Abteilungen sektioniert ist. Blake, der kleine Pilzkopf-Messias, der uns auch ganz schön sauer machen könnte mit seiner Klavier-Musterstudentenattitüde und seinem sicherlich sehr schlaffen Händedruck. Der aber vor nicht allzu langer Zeit eine Musik erfunden hat, die - und das kommt wirklich selten vor - schon dringend gebraucht wurde, bevor es sie gab.

Eine Art von elektronischem Minnesang, anheimelnd spukig, melancholisch zerbröselt, mit einem derart großen Frequenzspektrum zwischen hohem Hundejaulen und dem tiefen Reggae-Bassmurren, bei dem das Lautsprecherplastik mitschnarrt, dass bei ungewöhnlich vielen die Antennen angingen. Bei Freunden von dunkler Clubmusik, von Ambient oder Dubstep. Bei Songliebhabern, die gerne Textzeilen per SMS verschicken. Bei denen, die alles mögen, aber nicht glauben wollen, dass die Lösung im Rustikalen oder im Faksimile-Knistern alter Soulplatten liegt. Obwohl Blakes Musik viel Bewusstsein für die eigenen Quellen in sich trägt.

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