Leseraktion:Ihre Antworten auf Lyrik mit Vokalslalom

Portrait of Georges Perec le 27 novembre 1978 AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxH

George Perec, der Autor von "La disparition", deutsch "Anton Voyls Fortgang", im Jahr 1978.

(Foto: imago stock/imago/Leemage)

Fulminant, Hut ab und Applaus! Anlässlich des 60. Geburtstags der Literatengruppe Oulipo haben wir Leser eingeladen, selbst Texte im Oulipo-Modus zu verfassen. Eine Auswahl.

Von Leserinnen und Lesern der SZ

Eben erst sendete der Sprecher Gedrechseltes betreffs Perec, Texte erbetend...

Na, das wird vielleicht doch zu schwer, nur mit dem e. Jedenfalls: Vergangene Woche haben wir der französischen Oulipo-Gruppe mit einem Dramolett im Stil von "Anton Voyls Fortgang" gehuldigt, George Perecs Roman, der ganz ohne "e" auskommt. Am Ende haben wir Sie eingeladen, selbst mal rumzuprobieren und uns Ihre Ergebnisse zu schicken. Seither sprießen Schönheit, Farbe und Originalität in unserer Feuilleton-Mailbox. Haben Sie alle vielen Dank fürs enthusiastische Mitmachen!

Das Schönste daran finde ich, dass viele von Ihnen ganz im Geiste von Oulipo die Spielregeln weiterentwickelt haben. Einige schafften es tatsächlich zu reimen. Anderen war die Vorgabe, nur das "e" wegzulassen, anscheinend zu leicht, sie haben Mono- oder Bi-Vokalismen fabriziert, also Texte, in denen überhaupt nur noch ein oder zwei Vokale zugelassen sind. Einem Autor gelang es sogar monovokalisch zu reimen, ein anderer kreuzte Lipo- mit Anagramm. Und eine Studierenden-Gruppe der Kunsthochschule Halle hat einen weiteren berühmten Oulipo-Text, die "Stilübungen" von Raymond Queneau, mit Perecs Vokalslalom verschmolzen, das heißt, sie erzählen jetzt die Bus-Anekdote vom Kerl im Bus der Linie S jeweils neu und ohne "e".

Ihnen allen ganz herzlichen Dank und eine schöne Woche,

bzw. im Voyl-Stil: Großgruß vom Blutorgan und habt Spaß von Montag bis Sonntag

Alex Rühle

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So war's in Zwanzig-Zwanzig

Im Frühjahr lag ich da, um mich zu ruh'n

mit Tuch ganz dicht und warm auf mir.

Das Haupt döst sanft auf Samt.

Ich hatt' halt grad mal nichts zu tun,

als plötzlich ich aufwach' und spür:

Oh! Kloß im Hals! Muss ich nun flugs zum Amt?

Oh, Kloß im Hals, hältst Platz für Luft mir ab!

Ich hust' und hust', fühl krank mich schon.

Was ist? Was bricht da aus mir raus?

Ich stöhn' und ächz' und fühl mich richtig schlapp.

Durch's Ohr rauscht's unwirklich im Sing-Sang-Ton

mit Druck und Knick und Knack und Braus.

In mir nun Glut, und Schwitzdrang, tropisch warm,

kommt auf, wo vormals ich noch fror.

Ich ring nach Luft, doch Brustkorb hart und starr

und Atmung flach und spärlich-arm.

Ich saug', ich schnaub', ich schnapp, zuvor

noch fix das Bonbon für'n Katarrh.

Gib Luft mir bald, gib Kraft mir rasch zurück,

doch Organismus fällt zurück aufs Samt ganz schlaff.

Bin krankhaft häuslich nun, fühl mich so lausig, kläglich.

Mag nichts hör'n und tun, aß nicht mal Frühstück.

Positiv war Abstrich nur! Ob ich das raff?

Wodurch das zu mir kam, frag ich mich täglich.

Mir wird ganz Angst und Bang.

Unrast mischt sich mit Furcht vorm Tod,

löst Panik aus, brisant Akut-Situation.

Bis Impfung kommt, wirkt krampfhaft lang.

In Klinik muss ich nicht, 's kommt bald ins Lot.

Nachwirkung wird publik als schlimm' Option.

Mit Ach und Krach klingt ab das Virus, das Symptom.

Noch bin ich mickrig, gar nicht klar.

Was kommt zum Schluss da wohl noch raus?

In Zwanzig-Zwanzig solo, still, ohn' Klag, ohn' Ton.

Kurzatmig nur noch durch das Jahr

mit Lyrik, unnötig und nutzlos für zuhaus.

Verena Frechen

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Haiku

Im Raum häuft Kram sich

Tatz für Tatz tritt Katz hindurch.

Zur Nacht still: Mi-au.

Rochus Wolff

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Vokalchaos auf Papyrus

Im Tagblatt war grad so was drin, da wird man VokalkönigIn.

Prof. sagt zu mir, dann mach halt was. Nun sitz ich da, nix los mit Spaß.

Das Abc klingt sonst so lang, Vokalslalom macht mich ganz bang.

A, I, O, U halt ich für wahr, doch manchmal ist auch gar nichts klar.

Was ist mit Umlaut, Ö in Öd? Falls das nicht darf, wär's ganz schön blöd.

Was tipp ich bloß? Ich kann das nicht! Ich hör dann auf, im Schacht ist Schicht.

Ich knall mich auf das Sofa hin, schau Simpsons an, das hat noch Sinn.

Und Amazon und Ruhm und Bling find ich doch fad, ist nicht das Ding.

Ach so, das Lob als KönigIn. Das ist mir schnurz, schickt Sarah hin.

Markus Blumenstock

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Monovokalismus I

Hallo SZ,

"Lyrik" also. Das vorab fürs Bild im Kopf: 2 Kids am Couchtisch. Marta (9) malt mit Stift. Sandra (6) darf nicht, ist sichtlich unglücklich, schaut nur lustlos zu. Am Schluss vom Flur kocht Mama. Ganz klassisch, bissl blöd. Doch Papa hilft ihr schon auch mal, müht sich rührig. Na ja, nun also los:

Hach! Marta malt am Mandala.

"Mal's da mal an!", sagt Sandra da,

"da passt schwarz, grad da am Rand..." -

"Was hast'n? Quatsch, Mann!", Marta fand.

Krach gab's, arg war Sandras Anfall.

Anstand? Am Arsch. "Radar an! Brandfall!",

warnt Marta, "Sandra rast. Packt an!

Das Aas hat Kraft, krallt hart - Aaaatsch - Mann!"

Papa, Rat am Start, naht standhaft,

halbtags Bahnrad-Star, hat Handkraft,

ward Sandras habhaft dann alsbald,

fragt: "War was, Madls? Hat's da g'knallt?"

"Naja", sagt Sandra, "Marta hat

das Mandala falsch ang'malt, statt

da am Rand mal schwarz..." - "Ach was!",

klagt Marta, "Alta, hass das krass!"

"Halblang", mahnt Papa da handzahm,

"Sagt mal! Lachhaft! Macht mal langsam.

Mama hat bald Lachs parat

an Blattsalat - das passt ja grad."

"Lachs sucks", sagt Marta. "Hahaha",

Sandra lacht's nach - "Achja, achja":

Papa hat's g'ahnt, kratzt matt am Arm,

strahlt Mama an, macht Pasta warm.

Thilo Adam

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Monovokalismus II

Peters Zechexzess

Wenn Herbert, der verfemte Herzensbrecher hehren Herzens gegebene Eheversprechen selbstgerecht "leeres Gerede" nennt, wenn der freche Dreckskerl mehr denn je neben der Ehe schlechtes Benehmen pflegt, be­herrscht Entsetzen Peters edles Denken.

"Elender Flegel, perverses Ferkel, ehrvergessener Frevler", meckert Pe­ter. Herberts verfehlte, verkehrte Werte betreffend entsteht Ekel, weswe­gen Peter der verderbten Welt den Wertesten kehrt.

Brennender Schmerz verzehrt Peters bebende Seele. Peter flennt, er be­gehrt flehend Seelenpflege. Eben erkennt er den erstrebenswerten Weg des Schmerzbeherrschens: der gesegnete, rettende, lebensspendende Zechtempel! Peter denkt, Met werde den Herzschmerz entfernen. Er strebt der Schenke entgegen. Er besetzt den Ecksessel.

Der seelenlesende Tresenbeherrscher des Zechtempels erkennt erregte Weltverbesserer zehn Meter entfernt, deswegen bemerkt er schnell den schwelenden Seelenschmerz des verletzten Peter. Berechnend spendet der verderbte Menschenkenner nett scherzend den ersten Becher Met, denn er denkt, Peter werde mehr Geld verschwenden, wenn der bene­belnde Met den zechenden Deppen enthemmt. Peter leert jenen gespen­deten ersten Metbecher sehr schnell. Des beendeten Tests wegen schleppt der Herr der Schenke rege mehrere Zentner Met her. Der Met enthebt Peter des Schmerzes, deswegen bestellt er gegen jede empfeh­lenswerte Lebensregel mehr. Er zecht vehement. Der Met schmeckt, be­lebend fegt er den letzten Rest des bremsenden Denkens weg, ehe Peter edlen Erdbeersekt nebst herb-leckerem Jever entdeckt.

Peter denkt: je mehr, je besser! Mehrere schnell weggebecherte Jever senken den Stresslevel, erschreckende Mengen Sekt schwemmen Peters Weltschmerz weg - er denkt: Perfekt! Wegen des erhebenden Effekts verzehrt er beherzt extreme Mengen, ehe Peters Seele mehrere beseelt betende Erzengel sehend gen Eden entschwebt. Peters Denken: Gelee. Peter selbst strebt scheppernd der Theke entgegen.

Wehe, Peter, gedenke des Endes!

Gedenke der ehernen Regel: erst essen!

Peters Pegel entsetzt selbst den Herrn der Schenke. Erdbeersekt, Jever, Met zerlegen Peters Lebergewebezellen verheerend, zersetzen jene re­gelrecht! Der Verblendete verfehlt den Zweck des Zechens, denn jetzt geht es Peter sehr schlecht. Extreme Metmengen erwecken den entspre­chenden Brechreflex - echt elend. Ekelerregendes Ende: Peter geht bre­chen.

Philipp und Michael Gewalt

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Reinhard Ammer aus München übt sich schon seit Jahren in der Kunst des Monovokalismus und hat uns gleich einen ganzen Packen solcher Einvokaltexte geschickt. "Elfenfeld - Elf bekennender Schwerverbrecher schreckenerregendes Ende" ist etwas zu lang für diese Sammlung, auch seine nihilistische Etüde "Nichts ist nichts" würde den Rahmen sprengen, aber hier zumindest der Anfang:

NICHTS IST NICHTS

Film-Script

Philipp Lifschitz trifft sich mit Irminhild Knippschild im "Mississippi", Gigi Spiritini's Frischfischimbiss in Rimini's Strich-Distrikt "Intimissimi". Picknick mit Schickimickis ist mit ihm nicht drin! Bis Irminhild mit zig Pflicht-Litschis im Clinch in Gigi's Imbiss flitzt, spricht Philipp mit Dimitri Mitilitis, Wirt Spiritini's Billigst-Hiwi. "Ich find' Litschis irrsinnig diffizil. Litschis sind Glitschis!", sinnt Dimitri dick- bis misslippig. "Find ich nicht!", missbilligt Lifschitz Mitilitis' Litschi-Kritik. "Ich find Litschis ... richtig ... richtig ... sinnlich, ich bin litschiphil! Cincin!" Dimitri zwickt sich fickrig ins Kinn. "Iiiih, litschiphil? Igitt, ich bitt dich! Ich bin kiwiphil!" Wirt Spiritini, Rimini's Gin-Fizz-King, grinst intrinsisch.

/ SCHNITT /

Zigzinnig blinkt Rimini's "Ritz" im Frischwind.

/ SCHNITT /

Sissi Schlichting sitzt mit Kind Kim im "Nil", Tini Pizzighini's Fish-'n'- Chips-Imbiss. Spitz Fips frisst Dill-Chips, Kind Kim isst Risibisi. Sissi schlingt schlicht Klippfisch mit Shrimps. Tini's Dill-Chips sind wirklich himmlisch, Spitz Fips ist richtig knirschwild. Hinsichtlich Tini's Risibisi ist Kind Kim nicht wirklich willig. Sissi schimpft, bis Hinrich Richling spitzkinnig bis gichtfingrig ins "Nil" flitzt. Tini Pizzighini blickt nicht hin.

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Zwischenrein ein kleiner Werbeblock: Aus Frankfurt erreichte uns eine Zuschrift von mme perreq. Dahinter verbirgt sich eine Koproduktion des Designkollektivs Ougrapo und der Schreibwerkstatt Oulipo Frankfurt. Sie haben zwei Kostproben aus Ihrem zum Oulipo-Jubiläum veröffentlichten Buch "mme perreq - 49 vorläufig endgültige Musterbriefe", einem grafischen Briefroman, geschickt.

BITTE UM EINE GEHALTSERHÖHUNG (als Bi-Vokalismus, d.h. nur mit den Vokalen "i" und "e")

(In Anlehnung an: "Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten" von Georges Perec)

sehr geehrte, liebe directrice,

diese niederschrift meines begehrens birgt meinen tiefen grimm in sich - deswegen reiche ich jetzt schließlich diesen bittschrift-brief ein! es ist fies, gemein, elendig, wenn sie mir ein gediegenes entgelt meiner engelsgleichen verdienste verwehren! letztendlich ist mein bestreben: genehmigen sie mir bitte eine fette geldbrise, eine echte erkenntlichkeit meines erwerbseifers!

ich bitte sie hier inniglich: schicken sie mir einen gesetzlichen bescheidzettel per einschreiben, den ich beschriften, mit hinweisen versehen will, wie ich meine energie in mein metier immer wieder gewinnbringend einspeise. diese beweise werden ihnen beim preisbenennen behilflich sein.

ich will keine fehde, keinen krieg. ich will mein verdientes geld. ihr nein gilt nicht!

bye-bye,

ihre

mme perreq

BRIEF AN DEN VERMIETER (ebenfalls als Bi-Vokalismus)

mein sehr geehrter herr vermieter,

der in meiner metzer bleibe nicht geregelten defekte wegen entrichte ich ihnen ein ehrliches merci. erst schien mir dieser energische wegriss der regenrinne ein beschiss. jetzt weiß ich: der wegriss ist der richtige schritt gewesen. denn mit dem regen der letzten zeit siedelte eine reizende bibersippe hierher. sechs lebendige tierchen, die sich jetzt ein regelrechtes freigehege in meiner schwimmzelle einrichteten. ich bin keine erbsenprinzessin, keine meckerkiste mit nicht endenden beschwerden. jetzt steigern die biber den tierweltwert meiner gemieteten bleibe hier.

sie regten sich nicht. nicht einen finger bewegten sie. meine bitte jetzt: geben sie mir ein biber in sicherheit bringendes bittschreiben.

ihre mieterin.

mme perreq

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wird sichtbar am Horizont

(Lipogrammatisches Anagrammgedicht nach einer Zeile des Gedichts "Die gestundete Zeit" von Ingeborg Bachmann)

Am Horizont bricht das Wir.

Ozon ist hart. Bach wird mir

Satz-Horror. Im Wind bat ich

nach Zimt. Ob Hirt' rosa wird?

Bariton zischt: "Hi! War Mord

Tod?" Hai-Zorn schabt wirr im

Darm. Ohr ritzt in Bio-Schwa.

Am Horizont bricht das Wir.

Florian Kranz

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Margit Krieger schickte ihren Dadazoo in Form eines Bildes:

Oulipo
(Foto: Margit Krieger)

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Ich bin, man glaubt's kaum, Kontrabassist. Nicht allzu groß, nicht allzu kräftig: doch ist Musik mir wirklich not und tut mir gut, hauptsächlich mach ich's solo, mal im Duo, manchmal zu dritt. Musik macht mir Spaß - doch oft auch mächtig Krach, vorzüglich das Piano (das hört man dann als Nachbarin/Nachbar nur allzu laut, sorry!).

Auch sonst bin ich aktiv, als Koch z.B. für Sohn Louis: am Samstag und Sonntag, falls das Gymnasium mit Schlafsaal (wo Louis sich sonst aufhält) zu hat. Da isst das Papa-Sohn-Duo dann häufig japanisch bzw. thailändisch (WOK!). Das ist schön scharf und gibt Kraft. Und oft isst man dann Tiramisu als Nachtisch - auch toll! Doch macht mir Angst, was als Traum dann manchmal folgt auf solch üppig Mahl, z.B.:

Stand sonntags oft als Pastor vorm Altar. Was wars, das mich zwang, so fromm zu tun? Das bin ich nicht, fromm! Warum jagt man mich nicht fort? Will man das Faktum nicht schaun? Traut man sich nicht? Ist man zu christlich? Mach' ich das zu gut? Ja, das stimmt! Und obwohl traurig, bin ich doch froh. Das Volk ringsum ist wirklich loyal, das tut mir gut.

Doch dann tobt das Volk, wird aufmüpfig, schart sich zum Agitator, will Gott nun abtun als Diktator und dann: Sturz vom Thron! Was soll ich tun? Ist Gott tatsächlich doch nur'n WORT? Nicht wirklich? Nun, was hält mich noch? Flucht tut not - und das Schiff ist auch schon da.

So fahr' ich nun dahin in Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land, nicht abartig glücklich, doch auch nicht unwohl. Kaum dort, muß ich dann sonntags oft als Pastor vorm Altar...

Man spürt Zwang und Angst, wacht auf und ist furchtsam und traurig! Nur langsam kommt man danach zurück zur Normalität. Ja, ständig fährst du hin und zurück, kaum Stabilität, nur Unrast; bin ich psychisch labil? Doch nicht gar! Louis mon fils (französisch: nur für mich, Louis spricht's nicht), fast zwanzig, sagt: "Du spinnst! Koch' mir das Mittagsmahl zum Sonntag, das wird Dir gut tun." Und tatsächlich, Tun macht glücklich - manchmal.

Und dann lacht das Buch mich an, das ich oft schon zur Hand nahm, Agathas Kriminalfall für Poirot: "Alibi", ja, auch "Nikotin", "Morphium" und manchmal sogar "Vorhang". "Vorhang" ist hart (und traurig), Poirot stirbt. Doch Hastings (auch schon mächtig alt) führt das Drama posthum zur Lösung. Gibt's auch als Film - sah ich schon oft im TV, auch Alibi, Nikotin und Morphium. Protagonist ist - nun, ich sag's nicht laut, und das nicht grundlos, ich darf 's nicht. Vokalbann.

And so on...

Romanus B.

Nov 11 1954 Author and Crooners get together Raymond Queneau Right famous French author sur

Raymond Queneau, auf der nachgebauten Plattform des Bus der Linie S aus seinen "Stilübungen"

(Foto: imago stock/imago/ZUMA/Keystone)

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Kurz vor Schluss noch zehn Variationen von Studierenden in Kommunikationsdesign und Editorial Design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle auf den ersten Text der "Stilübungen" von Raymond Queneau, der im Deutschen so lautet:

"Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedes Mal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich darauf. Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: 'Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.' Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum."

I

Im Bus Richtung S zum Haupttransport Abschnitt. Da ist'n Mann, jung, so circa 25 mit Strick am Hut. Auffällig am Hals, vorn zu groß und auch rückwärtig zu lang. Kopf für Kopf wächst auch ständig das Tamtam im Bus. Mann, 25, ist zornig aufgrund Nachbars Umgangsform. Vorwurf: ständig kommt's zur Kollision. Doch bald schon ward Platz vakant und Mann, 25, stürzt sich drauf. Dann sah ich ihn im Anschluss auswärts nochmal. In Kommunikation mit Kumpan Barts zum Fall "Ausschnitt-Kürzung" aus Anstand.

Nadine Härting

II

Im Autobus Nr. S, "hup hup" drumrum, Fahrbahn ist voll. Typ, ca. 26, trägt Hut mit Schnur anstatt Band, und Hals ist zu lang, so als ob man ihn mal langzog. Volk hüpft aus Bus. Langhals-Typ mit Hut von vorhin, ist zornig auf Sitznachbarn und wirft ihm vor, dass sobald Individuum durchkommt, ihn Nachbar ständig anstößt. Typ hört sich nicht bösartig an, nur traurig und kläglich im Ton. Als Blick von ihm auf Platz fällt, bar von Individuum, stürzt Langhals sich drauf. 2 Stund' danach find ich ihn am Platz vorm Bahnhof Saint-Lazar nochmal. Typ ist mit Kompagnon vor Ort. Kumpan tippt ihn an und sagt: "Lass dir da am Ausschnitt doch noch Knopf an Umhang tun."

Selina Ursprung

III

Mittagslicht fällt durch das Glas auf das Stück Hals vom Mann mit Hut und Schnur. Auffällig dünn und lang, bizarr astähnlich. Nicht normal. Ich sitz im Bus S und guck mir das Fahrgast-Drama an. "Du schubst! Schubs mich nicht!", tönt Mann mit Hut zum Busnachbar. Blick nach links. Da vorn am Rand, nah am Glas. Nur noch Tausch von Ort ist Lösung. Rasch und hastig. Hoffnung auf Raum und Platz. Abgang. Bald darauf, ich bin am Stadtrand. Dort! Nochmals trifft man Mann mit Hut und Schnur und just am Nachmittag auch Mann mit Hut und Schnur und auch Kumpan. Kumpans Rat zum Mann: "Jawohl. Schaust du? Da am Ausschnitt. Näh Zusatzknopf daran. Umhüllung tut ganz gut dafür. Hals ist zu dünn und lang, bizarr astähnlich."

Cam Van Pham

IV

Busfahrt, Bus hat als Buchstab vorn dran: S. Voll ists. Fahrgast um Fahrgast hinaus ausm Bus. Jüngling mit großzügig Hals und Schnur um'n Hut ist grantig. Warum? Vorwurf an'n Nachbarn ist: Nachbar stößt ihn ständig an. Dramatisch klagt Jüngling davon, Wunschwirkung: Jüngling ist bösartig. Sitzplatz wird vakant, Jüngling stürzt hin, sitzt dort. Ich im Trott ausm Bus hinaus. Achtmal Kirchschlagklang danach: nochmal Jüngling, latscht auf mich zu. Hat'n Kumpan mit, Kumpan sagt zum Jüngling: "Du brauchst noch 'n Knopf am Pulli, da!" Kumpan fasst Jüngling an'n Ausschnitt, da!

Paula Schumacher

V

Stadt-Autobus mit Front-Buchstab S, Jüngling, 26 Jahr, sitzt da drin, unglaublich langhalsig mit Band um Hut. Tür auf, Tür zu, Stop and go, Frau und Mann und Kind und Frau und Mann mal hoch mal hinaus, ab und an aufs Trottoir.

Mann im Fokus ist nachbarschaftlich im Duo. Doch Vorwurfshaltung ist Programm, Grund ist brutal und grundlos passiv-aktiv Brustkorb-Stoß. Daraufhin ist Stimmung nicht sinnlich, nur noch grausig ist ihm.

Doch schau an, plötzlich gibts Platz am Rand im Bus, im Luftwurf hin, so ist gut!

Turmuhrzahl schwillt an: Spät am Tag nochmal blick ich ihn an, ist nicht nur mit sich solo zu Fuß, am Cour zu Rom, also am Bahnhofsvorplatz. "Schau mal, Ausschnitt am Anzug ist zu groß, näh dir mal was an, damit dir nicht kalt wird! Hör ich mündlich im Wortfall.

Anna Rupp

VI

Ich bin im Bus. Ich schau' nach links. Dort sitzt Moni, ganz rot und laut, da Frau (45, solo) ihn anfässt, wo man sonst nicht hinfässt. Moni ächzt und blockt Frau ab. Danach macht Bustür "wusch-wusch", Moni läuft trapp hinfort. Frau macht groß Trara: "Moni ist dumm und so." Busfahrt ist sonst gut, trotz Störung durch Frau. Moni ist schön. Schau ihn mir oft an im Zoom-Raum von Unikurs.

Am Nachmittag bin ich auch noch im Bus; mag halt doll Rundfahrt um Stadt. Da schau ich raus aus'm Guckloch. Schau mir an: Haus (schön), Frau (in lila T-Shirt), Hund (Dachshund), Tisch (aus Stahl), Rauch von Ziggi, Haus (alt und staubig), nochmal Haus. Dann: Bistro, Brot, Mann mit Bio-Brot in Hand (nimmt wohl Nahrung auf?), Brot fällt auf Grund, Hund pisst auf Grund, Mann stöhnt, Spatz pickt Brot von Grund auf (happa-happa). Hab auch Kohldampf.

Plötzlich: Moni in Montur à la first class. Moni spricht mit Mann. Hmm... Dubios. Mann in Montur à la "Bock auf Intimität". Hmm... Romantik-Programm? Will auch, doch nun zu spät. Bus ist zu rasch. Abrupt Tür so: "wusch-wusch". Ich rasch raus zu Moni und Mann? OK, hab zwar Bock auf Happa-Happa, doch auch auf Moni...

Dirk Hornschuch

VII

Im Bus S. Wild sind Autos auf'm Asphalt. So'n Typ, zwanzig-halbrum, Hut zu lumpig, Hals zu lang, hängt auch im Bus ab. Bus hält, Tür auf, Fuzzis raus, Tür zu, Bus fährt los. Typ zürnt mit Nachbarn, aufgrund von Schubs. Ton ist knatschig, gar nicht bösartig. Dann nimmt Mann Sitz wahr. Blank ist Sitz. Ganz stürmisch nimmt Typ dort Platz.

Uhr nun auf 8 Uhr Position, als ich ihn aufm Bahnhofsplatz auffind'. So'n Amigo chillt mit ihm ab und sagt: "Du brauchst noch 'n Knopf am Sakko. Schau da, wird sonst kalt!"

Esben Terje Sonne

VIII

Ich war in Paris, fuhr mittags Autobus, als ihr Mann, jung und langhalsig, mit Strick am Hut, 'n Nachbarn garstig ansprach. Trat ihn wohl oftmals. Grimmig zog ihr Mann sich zurück und ging zum Sitzplatz. Ich sah ihn dann nachmittags nochmal mit Kompagnons. Man schlug ihm noch'n Knopf vor, am Ausschnitt vom Umhang.

Lore Elstermann

IX

Story about a guy that I saw in bus who had soft hat with a cord not ribbon wrapping his hair, that guy was angry about a man who also has habitat not far from his habitation.

And I saw him with his buddy in front of sixth big railway station of Paris. His buddy said you should put a button on coat and told him which spot and why.

Suhyun Kim

X

autobus

durchaus laut schwirrt transport rundum

hupt, blinkt,

licht blitzt

zu dicht

zusamm

halt.

nichts,

danach füllts sich

hals

lang

ragt aus flut von kopf an kopf

kling, anruf, hand unruhig

blick ist bös

raus mit mir

ausm autobus

spät danach

hals

lang

ragt nicht nur für sich

aus flut

n knopf brauchts

sagt man.

Anna Skuratovski

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Und ganz zum Abschluss noch Sprachkritik eines Lesers:

'S ist laut SZ "häufigstr Buchstab im AlphaBÄH!t" (Zitat orthografisch & grammatisch aus Not zart fälschlich).

'S ist lustig.

Und Stuss.

'N Haufen Mist.

So "häufigst" sind nämlich auch noch fünfundzwanzig Nachbarn davon.

Tim Stelzer

Recht hat er, der Herr Stelzer. Es hätte heißen müssen, dass das "e" der Buchstabe ist, der am häufigsten in deutschen Texten vorkommt (laut Wikipedia macht er fast 18 Prozent aus. Und raten Sie mal, welcher Konsonant am häufigsten benutzt wird. Auflösung hier.)

© SZ/rueh
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