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60 Jahre Oulipo:Die poetische Arbeiterklasse

Oulipo Literatur Perec

Das Akronym steht für "Ouvroir de Littérature Potentielle", also die "Werkstatt potenzieller Literatur".

(Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR)

Acht Stunden Schreiben, à sechs Zeilen, ergibt '68: Oulipo war nicht nur eine reine Sprachübung. Der Ansatz der Künstlergruppe war vor allem politisch-revolutionär.

Von Johanna-Charlotte Horst

Das Château de Cerisy-la-Salle liegt ein paar Autostunden westlich von Paris. In seinen alten Gemäuern haben schon viele geistige Größen der République miteinander gedacht und gestritten, gegessen und getrunken. Vor sechzig Jahren waren der Schriftsteller Raymond Queneau und der Mathematiker François Le Lionnais zu Gast. Anlass war ein Kolloquium zu Ehren Queneaus. Die beiden müssen sich gut unterhalten haben, denn aus ihrer Begegnung ist Oulipo entstanden, der 'Ouvroir de Littérature Potentielle', auf Deutsch: Werkstatt für potenzielle Literatur.

Es hat eine Weile gedauert, bis die Gründungsväter auf den so sanft wie bestimmt klingenden Namen Oulipo gekommen sind. Ihr Vorhaben stand schnell fest. Sie wollten die noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten literarischen Schreibens erproben. Zu klären blieb, in welchem Rahmen. Zunächst dachten sie an eine Art Seminar, dann kam die Idee eines Labors auf.

Doch beide Settings haben mehr mit Wissenschaft und weniger mit Poesie zu tun. Schließlich einigte man sich auf 'Ouvroir'. Dieses Wort bezeichnet eine Nähstube, genauer: eine Kammer, in der zu wohltätigen Zwecken Handarbeit betrieben wird. In 'Ouvroir' steckt aber auch der Arbeiter und damit die Arbeiterbewegung, "Mouvement ouvrier". Wer die Literatur zwischen Arbeiterschaft und Potenzialität, zwischen Emanzipation und Fortschritt platziert, der wird Kunst kaum als Selbstzweck begreifen. So muss bei aller Sprachakrobatik die politische Dimension oulipotischer Texte im Blick bleiben.

Literatur unter selbstgesetzten Einschränkungen

Was ist das Neue, Umstürzlerische? Oulipo, die Arbeiterklasse unter den Poeten, lehnt das Modell genialer Inspiration als bürgerlich-repressiv ab. Während das Genie nicht weiß, woher die Ideen kommen, eignen die Oulipoten sich ihre Produktionsbedingungen und -mittel an. Sie verzichten auf die scheinbare Freiheit ungehinderter Kreativität und arbeiten unter selbstgesetzten Einschränkungen. Beim Schreiben drängen sich nun Wörter auf, die unter anderen Umständen nicht in den Sinn gekommen wären. Auf diese Weise schiebt das selbstgesetzte Reglement Gewohnheiten beiseite und schafft Spielraum für literarische Experimente.

Das beeindruckendste Werk, das aus der Werkstatt für potenzielle Literatur entstand, ist der 1968 erschienene Roman "La disparition". Georges Perec erzählt darin auf mehr als 300 Seiten eine verschlungene Abenteuergeschichte, ohne dabei ein einziges Mal den Vokal 'e' zu verwenden. Doch damit nicht genug. Er hat seine Arbeitszeit auch noch streng durchgetaktet. Ein Jahr lang schreibt er acht Stunden am Tag sechs Zeilen pro Stunde. Diesen Rhythmus unterbricht er nur, um an den Studentenunruhen von '68 teilzunehmen.

Die Oulipoten nehmen es nicht nur mit den Buchstaben, sondern auch mit den Zahlen sehr genau (unter den Mitgliedern sind auffallend viele Berufsmathematiker). Daher muss eine aufmerksame Leserin selbst ein wenig oulipotisch werden und fragen, was es mit den Zeiteinteilungen auf sich hat.

Bis heute treffen sich Oulipoten in Paris

Die Zahlen 'sechs' (Zeilen) und 'acht' (Stunden) werden unterschiedlich miteinander kombiniert. Sie können einfach nebeneinander gestellt werden, dann erhält man die Jahreszahl 68. Sie können aber auch miteinander multipliziert werden. Dabei kommt nicht nur die Anzahl der am Tag zu schreibenden Zeilen, sondern ein zweites Revolutionsjahr, '48, heraus.

Revolutionäre und künstlerische Arbeit sind in diesem Fall eng miteinander verzahnt. Dass Perecs Roman mit einem Volksaufstand beginnt, kann da kaum verwundern. Auf die Frage, wie Form und Inhalt, künstlerisches und politisches Engagement zusammengehen können, gibt der Roman ein schlagende Antwort. Ästhetisches Engagement liegt hier weniger in der expliziten Meinung des Künstlers, sondern auf gewitzte Weise in seiner Praxis selbst. Angesichts wilder Debatten um das Politische an der Kunst ist es vielleicht an der Zeit, oulipotische Texte auch in diesem Sinn zu lesen.

Seit der Gründung von Oulipo wurde schon häufig dessen Tod ausgerufen. Während seiner produktivsten Phase zählten so bedeutende Künstler wie Marcel Duchamp, Italo Calvino und Oskar Pastior zu seinen Mitstreitern. Diese Zeiten sind vorbei. Doch nach wie vor trifft sich irgendwo in Paris eine Gruppe Oulipoten und bespricht Regeln und Texte. Immer donnerstags. Bonne chance!

© SZ/fxs/khil
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