Oper Rundum gelungenes Experiment

Parascha, Wassili und die "Mavra"-Band; oben spielt Mirjam Mesak als Iolanta das Geschehen unten mit ihren Puppen nach.

(Foto: Wilfried Hösl)

Tschaikowskis "Iolanta" und Strawinskys "Mavra" als Doppelabend des Opernstudios

Von Egbert Tholl

Es gibt Abende, an denen ist das Cuvilliéstheater kein schwierig zu bespielender Ort, ist nicht zu klein, zu eng, zu fordernd mit der ihm eigenen Pracht. Es gibt Abende, da wird eine Aufführung darin zum lustvollen Erlebnis. Wie nun bei der Produktion des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper, bei der Regisseur Axel Ranisch zwei russische Opern, die zunächst einmal wenig miteinander zu tun haben, ineinander verschleift: Tschaikowskys "Iolanta" und die wenig bekannte "Mavra" von Strawinski, einen 25-minütigen Opernstreich.

In "Mavra" schleust die junge Parascha ihren Liebhaber Wassili als vermeintliche neue Köchin Mavra in den Haushalt ein, über den ihre Mutter wacht und auf den die Nachbarin neugierig guckt. Der Plan geht schief, den Liebenden bleibt die Flucht. In "Iolanta" versucht König René von seiner Tochter Iolanta die Erkenntnis fernzuhalten, dass diese blind ist. Leider stolpern der ihr versprochene Robert und sein Freund Vaudémont in den weltabgeschiedenen Zaubergarten Iolantas; Robert liebt inzwischen anderweitig und will die Verlobung lösen, Vaudémont indes verliebt sich auf Anhieb in Iolanta, kapiert ihre Blindheit zu spät, erzählt ihr alles, doch durch die Selbsterkenntnis wird sie geheilt. Eigentlich. Bei Ranisch bleibt sie blind, spielt nur sehend, um den Geliebten vor einer drohenden Hinrichtung wegen Geheimnisverrats zu bewahren. Schließlich blendet sich Vaudémont, die beiden blinden Liebenden entschwinden.

Zunächst ist das musikalisch eine ziemlich zauberhafte Veranstaltung. Alevtina Ioffe dirigiert das Staatsorchester, das für "Iolanta" im kleinen Graben sitzt, mit viel Sinn fürs hier blühende Pathos, ohne dieses je breitzutreten. Bei "Mavra" sitzen sechs Musiker mit müden, herrschaftlichen Zauselperücken auf einem Podium auf der Bühne und spielen supermunter Band: Strawinski nimmt hier alte Gesangsmelodien, unter die er neue Rhythmen legt, das Ergebnis ist herrlich frisch.

Zu Beginn spielt Iolanta mit ihren Puppen. Mirjam Mesak sitzt oben in der halboffenen Tonne, die den Zaubergarten umschließt, und man könnte ihr allein dabei stundenlang zusehen. Wie Mesak blind spielt, erst versunken im Spiel, dann auch auf der Bühne, wie sie später blind die Sehende spielt, das alles ist unfassbar anrührend und von größter Anmut. Dazu ist ihre Stimme reine Poesie, noch nicht sehr belastbar, im Laufe des Abends macht sich eine kleine Beengung bemerkbar, aber sie ist eine Verheißung und als Darstellerin reiner Zauber. Während Iolanta spielt, erwachen auf der Bühne große Puppen zum Leben, das Personal aus "Mavra". Und was für ein Leben ist das, das Anna El-Khashem (Parascha) und Freddie De Tomaso (Wassili) da stimmlich ausbreiten. Enorm.

Dann setzt die "Iolanta"-Handlung ein, zwischen die noch einmal "Mavra" geschobene wird, wieder Puppenspiel, groß und klein, auch das Ende gehört Strawinski - Ranisch entlässt einen nicht mit wohliger Ordnung, sondern ins Offene. Die Verzahnung zuvor gelingt sehr gut, Puppenspiel steht "Mavra" gut, auch wegen der ihr immanenten Skurrilität der Musik. Gleichzeitig übernehmen Sängerinnen wie die sehr souveräne Noa Beinart Partien in beiden Opern, alles ist dicht und überhaupt nicht spekulativ ineinander gefügt, Ranisch darf sich über viel Jubel freuen, ebenso wie Long Long, der fulminant und flamboyant den Vaudémont singt und spielt. Auch die anderen Herren in "Iolanta" beeindrucken, Markus Suihkonen (König), Boris Prýgl (Robert). Ein wirklich gelungener Abend.