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Oper:Das Schweigen der Schwäne

Sciarrinos grandioser "Lohengrin" bei den Osterfestspielen Salzburg

Das Hauptereignis der Salzburger Osterfestspiele mag die Rekonstruktion der 50 Jahre alten "Walküre"-Inszenierung von Herbert von Karajan sein, ein Fest musiktheatraler Museumskultur, die gerade en vogue ist. Im Kern bedeutet eine solche Rekonstruktion, dass man zeitgenössischen Ansätzen, über Regie ein altes Werk an unsere Gegenwart zu binden, nicht traut, und lieber in einer entrückten, vielleicht ikonografisch gewordenen Bildsprache verharrt. Für Ästhetizisten ist dies das Höchste, für Menschen, die vom Opernbetrieb eine Spur Relevanz in der Auseinandersetzung erwarten, ein Graus.

Peter Ruzicka leitet die Salzburger Osterfestspiele. Der Mann hat viele Jahre lang als Leiter der Münchner Musiktheaterbiennale nach einer neuen Moderne gesucht und diese in einzelnen Werken auch immer wieder gefunden. Ruzicka ist kein Museumsdirektor, und deswegen stellt er der Live-DVD, denn nichts anderes ist das Reanactment der "Walküre", ein Werk gegenüber, das Stück von Wagner in unsere Gegenwart fortschreibt, ohne mit Wagner selbst auch nur noch das Geringste zu tun zu haben: "Lohengrin" von Salvatore Sciarrino. Sciarrino vollendete seinen "Lohengrin" Mitte der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, er nennt ihn eine "Azione invisibile", eine unsichtbare Handlung - tatsächlich spielt das Stück im Inneren Elsas.

Elsa, die bei Wagner zu viel fragt, weshalb Lohengrin den nächsten Schwan nimmt und von dannen zieht. Was aus der zurückgebliebenen Elsa wird, interessiert Wagner nicht, Sciarrino macht daraus sein Stück. Bevor es beginnt, lädt Dirigent Peter Tilling mit dem "oenm - österreichisches Ensemble für neue Musik" zu einer Schule des Hörens. Diese fängt mit Stille an, mit Sciarrinos "Lo spazio inverso"; Stille ist für den Italiener wichtiger Bestandteil der Musik. Um sie hörbar zu machen, reichert er sie mit winzigen Klangpartikeln an, die oft an menschliche Lautäußerungen erinnern. Darauf folgen eine Gesualdo-Überschreibung Sciarrinos und ein Monteverdi-Madrigal.

Derartig sensibilisiert ist man bereit für die Kunst von Sarah Maria Sun. Sie ist Elsa. Sie wohnt in einem heruntergekommenen Strandhaus, das die Bühnenbildner Donmartin Supersets mit viel theatralischem Gespür in die Universitätsaula gebaut haben. Der Blick vom Balkon geht in eine unendliche Weite, dort sieht man einen Tag werden und vergehen. In diesem Raum greift der Realismus von Regisseur Michael Sturminger, weil das Werk Realismus ausschließlich als psychologische Dimension sieht. Darin lebt Sarah Maria Sun auf. Die Laute ihrer Elsa sind alle Laute eines verlassenen Menschen. Sun spielt und äußerst in der Erinnerung an Glück die Momente der Koketterie des Kennenlernens, ächzt sich durch Einsamkeit, Verzweiflung, spielt den verschwundenen Liebhaber in viriler Pose mit, zeichnet ein schmerzendes Bild einer Frau, die in ihrer Liebe alleingelassen wurde. Am Ende bringt sie ihr Kind um, das einzige, was ihr von Lohengrin blieb. Sun ist eine Meisterin der Nervenkunst, sie wird durchlässig für einen Schmerz jenseits des Spiels, sie ist wahr.

© SZ vom 15.04.2017
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