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Nachruf auf Okwui Enwezor:Nach dem Krieg

Okwui Enwezor: "Wenn es einen Schock gibt, dann den, dass es keinen einfachen Diskurs mehr über Zentrum und Peripherie gibt."

(Foto: Regina Schmeken)

Für den großen Erneuerer Okwui Enwezor war Kunst stets ein Katalysator für politische Befreiung. Zumindest München dankte ihm diesen Ansatz nicht.

Es gibt Momente, in denen die Zeit anzuhalten scheint. Oder umkehren möchte. So ein Moment hätte die Eröffnung der Münchner Ausstellung "El Anatsui. Triumphant Scale" im Haus der Kunst in dieser Woche sein können. Dann wäre Okwui Enwezor dort aufgetreten und hätte - wie es im Programm vermerkt ist - gemeinsam mit dem Künstler in dessen Werk eingeführt. Doch es ist nicht so gekommen. Okwui Enwezor, einer der bedeutendsten Kuratoren seiner Generation, künstlerischer Leiter der Documenta 11 und bis zum vergangenen Sommer Direktor im Haus der Kunst, musste wegen seiner Erkrankung absagen. Jetzt ist er dieser Krankheit erlegen. Der Abschied von München in seinem Haus der Kunst war ihm nicht mehr vergönnt.

Doch ist diese Ausstellung, an der Okwui Enwezor schon arbeitete, bevor er 2011 nach München berufen wurde, fast emblematisch für die Verdienste dieses Ausnahmekurators. Von Beginn seiner Karriere an arbeitete er an einer Erweiterung und Veränderung des westlich geprägten, allein auf Europa und die Vereinigten Staaten fokussierten Kunstbegriffs. Der im Jahr 1963 im nigerianischen Kalaba geborene Okwui Enwezor, dessen Familie zum Volk der Igbo gehörte, kam Anfang der Achtzigerjahre, nachdem er als Kind mehr als vierzig Mal umgezogen war, nach New York und studierte in den USA Literatur- und Politikwissenschaft. Zunächst machte Enwezor sich als Kunstkritiker einen Namen, wobei er sich auch als Vermittler aktueller afrikanischer und afroamerikanischer Kunst profilierte und ihr mit dem Nka: Journal of Contemporary Art ihr seinerzeit wichtigstes Forum schenkte. Bald fiel Okwui Enwezor auch mit Ausstellungen auf, die künstlerische Medien wie Fotografie und Film berücksichtigten.

Kunst Okwui Enwezor ist tot
Haus der Kunst

Okwui Enwezor ist tot

Der frühere Leiter des Münchner Museums und künstlerische Leiter der Documenta 11 ist im Alter von 55 Jahren gestorben.

Sein Erbe: Es gibt keinen einfachen Diskurs mehr über Zentrum und Peripherie

Die Documenta 11 sollte dann einlösen, was Okwui Enwezor mit Ausstellungen angelegt hatte, die wie "The Short Century" die Kunst als Katalysator für politische Befreiungsbewegungen interpretierten. Die bis dahin auf Kassel ausgerichtete Weltkunstschau inszenierte er als Folge von fünf Plattformen, auf denen in Wien und Berlin, in Lagos, Neu-Delhi oder Santa Lucia über "Demokratie als unvollendeten Prozess" diskutiert wurde. Politik, Geschichte und Wissenschaft wurden mit weltläufiger Selbstverständlichkeit in den Kontext der Kunst gezogen. Die finale Konferenz im Jahr 2002 in Kassel war dann die erste Großausstellung überhaupt, die überzeugend ein Bild von der globalen Kunst zeichnete und einen zeitgemäßen Realismus einforderte. "Wenn es einen Schock gibt", so Enwezor damals, "dann den, dass es keinen einfachen Diskurs mehr über Zentrum und Peripherie gibt."

Seine Berufung als Direktor ans Haus der Kunst galt dann im Jahr 2011 als spektakulärer Coup, mit dem es den bayerischen Politikern gelungen war, eine der Schlüsselfiguren der immer internationaler auftretenden Kunstszene zu verpflichten. Einen Gestalter, der neben seinen Verpflichtungen am Art Institute of Chicago und dem International Center of Photography in New York wie nebenher noch Biennalen in Sevilla und Gwangju kuratierte, Sammlungen beriet und Jurys zwischen Kairo und Shanghai angehörte. Umgekehrt zeigte sich Okwui Enwezor in humorvoller Weise stolz, "nun auch noch ein deutsches Museum zu leiten", als er zusagte. Nachdem seine Vorgänger Christoph Vitali und Chris Dercon das Haus der Kunst bereits als Ort der zeitgenössischen Avantgarde etabliert hatten, war es vor allem Okwui Enwezor, der das Publikum mit dem von Adolf Hitler als "Haus der Deutschen Kunst" eröffneten Bau versöhnte. Zunächst, indem er ohne viel Berührungsangst die wuchtige Eingangshalle des NS-Baus freilegte und ein "Archiv" einrichtete, das immer wieder neue Aspekte der Geschichte ausbreitete. Eine von ihm verantwortete Renovierung durch den Architekten David Chipperfield hätte den Monumentalbau modellhaft modernisiert.

Die Kunstwelt nahm nicht nur solche Entwürfe als visionär auf, Okwui Enwezor war auch deswegen weiterhin gefragt, weil die von ihm etablierten Künstler und Themen in Zeiten von Migration, globalen Krisen und Flüchtlingsströmen an Relevanz gewannen. Bei der von ihm verantworteten Biennale in Venedig 2015 mit dem Titel "All The Worlds Future" inszenierte er eine Lesung von Karl Marx' "Das Kapital", die sich über die gesamte Dauer der Ausstellung vom Frühjahr bis in den Herbst zog. Das Projekt, das Okwui Enwezor während der Vorbereitungen dieser Biennale begonnen hatte, verstand die Kunstwelt schon bei der Eröffnung im Herbst 2016 als sein Vermächtnis. "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945.1965" war der Versuch, die Nachkriegszeit aus der Perspektive der Kunst zu gewichten.

Die Ausstellung von El Anatsui kann man als Kommentar auf den Skandal lesen

An dieser Ausstellung arbeitete Okwui Enwezor schon vom Krankenbett aus, der körperliche Stillstand, zu dem der Globetrotter verurteilt war, korrespondierte mit einer geistigen Umtriebigkeit, die seine Kollegen sprachlos machte. Doch die Schau wurde zum Wendepunkt seiner Karriere: Von der internationalen Kritik begrüßt, in Deutschland schlecht besprochen, fiel sie beim Publikum durch; die beiden angedachten Folgeprojekte "Postkolonialismus" und "Postmarxismus" wurden gar nicht mehr angegangen. Dass das Haus der Kunst in dieser Zeit defizitär war, kreidete man der Ausstellung an. Zur Diskussion um die Finanzlage kam ein Personalskandal, der auch den künstlerischen Direktor Enwezor beschädigte. Im vergangenen Sommer gab er dann seine Position auf, aus "gesundheitlichen Gründen" wie es hieß. Dass sich Okwui Enwezor noch todkrank gezwungen sah, seinen Ruf gegen die Nachrede bayerischer Kulturfunktionäre zu verteidigen, ist rückblickend erschütternd: Einer der profiliertesten Kulturmanager der Welt musste erklären, warum ein Münchner Museumsdirektor nicht unbedingt Deutsch sprechen muss.

Die Ausstellung von El Anatsui, die noch bis Juli im Haus der Kunst zu sehen ist, kann man durchaus als Kommentar dazu lesen. Statt wie sonst einer Fassade eines seiner charakteristisch glitzernden Gewänder aus Kronkorken, Dosenblech oder Flaschenringen überzuwerfen, hat El Anatsui die Kolonnaden mit ausgemusterten, mattgrauen Offset-Druckplatten von Kunstkatalogen und Tageszeitungen verhängt. Nach dem traurigen, frühen Tod von Okwui Enwezor erscheint es passend, dass die Säulen Trauer tragen - der düstere Vorplatz war der Ort, an dem der elegante Okwui Enwezor besonders zu strahlen schien, ganz gleich, ob er von einem seiner viel zitierten Spaziergänge durch die Stadt zurückkehrte, unprätentiös sein Fahrrad an einer Säule sicherte oder einem Besucher die Ehre erwies, ihn vor dem Eingang zu erwarten. So aufmerksam, so entgegenkommend wird man ihn in Erinnerung behalten: Okwui Enwezor, der Kurator, der Museumsdirektor und weltläufige Intellektuelle, er hat die Gegenwartskunst nicht nur durch seine Schriften und Ausstellungen geprägt, sondern auch durch seinen tief empfundenen Respekt vor der Kunstszene, den Künstlern und der Kunst.

Okwui Enwezor Welches Gefühl kann man sich von Kunst erhoffen?
SZ-Magazin

Sagen Sie jetzt nichts, Okwui Enwezor

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