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Österreich:Große Operette

In Theresa Prammers Roman "Wiener Totenlieder" ist die Protagonistin ein wildes Huhn. Dem Roman, in dem Tote am Vorhang der Opernbühne baumeln, tut das sehr gut.

Wo ließe sich schöner morden als auf der Opernbühne? Mit Orchestermusik. Vor Publikum! Theresa Prammer hat das messerscharf erkannt und einen Krimi geschrieben, der jedes Libretto alt aussehen lässt, die "Fledermaus" genauso wie die düstersten Shakespeare-Opern Verdis, die traurigsten Melodramen Puccinis und die spritzigsten Mozart-Kracher. Wenn der Titel "Wiener Totenlieder" heißt, ist das eine klare Ansage: Totenlieder - da wird's schaurig. Aber Wiener - das ist das Attribut des potenziellen Irrsinns und auch ein Versprechen: Es bedeutet, dass das Buch normalerweise irrsinnig abgefahren wird, wenn sich die Autorin mit Wien auskennt und das Versprechen einzulösen gedenkt.

Die Geschichte beginnt nach einem makabren Vorspiel wie eine Komödie, ziemlich plötzlich knallt dann aber ein dramatischer Strang in die Handlung, und wo er zuvor munter dahinplätschert wie ein Divertimento, wird der Krimi von da an zum Thriller. Zum Glück vergisst Theresa Prammer beim Ausdehnen ihres Spannungsbogens nicht, wo sie herkommt und welchem Humor sie durch ihre Provenienz verpflichtet ist: Prammer ist Wienerin, 1974 kam sie hier zur Welt. Deswegen bleibt ihr Debüt-Krimi mit vielen bizarren Kleinideen wohltuend wienerisch und unskandinavisch. Wo Mankell und seine schwedischen Kollegen ausgebeutete Grubenarbeiter oder radioaktiv verseuchte Kinder nach Luft schnappen lassen würden, fällt der Österreicherin noch ein Schlenker ins Komische, eine Slapstick-Szene oder ein saftiger Liebesdialog ein. Folgerichtig wird der Roman auch extrem schnulzig, und zwar genau da, wo er extrem schnulzig sein darf: am Ende.

"Könnten Sie wohl schauen, ob sie da sind? Sie werden keinen Ärger wegen mir bekommen."

(Foto: Hans Hillmann/Avant-Verlag)

Ihre Protagonistin und Ich-Erzählerin Lotta Fiore ist ein wildes Huhn. Mitte, Ende zwanzig, verwaiste Tochter und Opfer einer weltweit gefeierten Opernsopranistin, eine Preisklasse mit der Callas und der Netrebko. Bei der Aufnahmeprüfung der Polizei gescheitert, promiskuitiv, Trinkerin. Finanziert sich ihren Schnaps als Kaufhausdetektivin in einem Möbelgroßmarkt, wo sie täglich Besuch bekommt von der dicken Henriette, einer offenbar geistig behinderten Frau aus dem städtischen Versorgungsheim, die klaut, um mit Lotta Kaffee trinken zu dürfen. Wie Prammer die beiden Frauen am Ende wieder zusammenführt, ist meisterhafte Webkunst.

Durch diesen Teppich aus Ereignissen ziehen sich drei Hauptfäden: die Morde auf der Bühne der Wiener Oper, die Übergriffe eines Psychopathen, den Lotta zufällig zum nächtlichen Zeitvertreibssex abschleppte, und die Geschichte Lottas mit ihrem wesentlich älteren Co-Undercover-Ermittler Konrad. Die Leser ahnen schnell, dass Lotta die Tochter sein könnte, die Konrad seit Jahren sucht - und wegen der er den Polizeidienst quittierte. Aber je offensichtlicher für Außenstehende, wie es Leser nun mal sind, das Tochter-Vater-Verhältnis wird, desto spannender wird die Frage, wie Prammer dieses Problem noch plausibel oder zumindest glaubwürdig löst. Sie schafft es. An einem Sterbebett natürlich.

Theresa Prammer: Wiener Totenlieder

Theresa Prammer: Wiener Totenlieder. Verlag Marion von Schröder, Berlin 2015. 384 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 14,99 Euro.

Was für ein wunderbar pietätloser Soundtrack für den Bühnentod, den echten!

Und selbstverständlich ist dieser Krimi auch nicht jugendfrei. Man hat von Balletttänzern schon viel gehört, dass sie sich gegenseitig vor Premieren Pferdesalbe ins Suspensorium schmieren zum Beispiel, meistens aus Jux. Dass sie sich dann aber vor dem Auftritt vibrierende Küglein in den Unterleib praktizieren, die dann explodieren und den Körper der Ballerina gleich mit in die Luft jagen, das spricht dann wohl doch für die Fantasie der Autorin. Was ein Unfall ist, was ein Mord, es ist irgendwann egal. Das größte Scheusal des Buches, eine Natter von Bühnenbildner, der Lottas Glück auf dem Gewissen hat, baumelt am Bühnenvorhang. Und die Wiener Oper ist endlich wieder voll. Zauberflöte, West Side Story, Fledermaus, Land des Lächelns - was für ein wunderbar pietätloser Soundtrack für den Bühnentod, den echten!

Wie in den meisten Kriminalromanen dominieren auch in Theresa Prammers Geschichte Dialoge. Als österreichische Schriftstellerin hat sie allerdings den unschätzbaren Vorteil gegenüber allen anderen, dass man sich ihre Zwiegespräche auf Österreichisch vorstellen kann. Der einfache Satz "Das Arschloch von Kostümbildner, mit dem ich heute morgen gestritten habe" klingt dann gleich nach dem Fernseh-Klassiker "Kottan ermittelt" und nach Josef Hader, dem Darsteller des Brenner aus den Wolf-Haas-Romanen.

Fieser Vergleich mit einem Giganten? Keineswegs. Wenn Haas' Brenner ein weibliches Pendant suchte oder, noch besser, eine Partnerin zum Duett, voilà: Theresa Prammer kann ihre Lotta Fiore sofort zum Vorsingen schicken. Und wenn sie dann scheitert, entspricht das nur ihrem Naturell.

© SZ vom 14.04.2015

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