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Santigold mit neuem Album:Frau Whites Gespür für Beats

Popstar, Musikethnologin, Trendscout: Santigold, die mit bürgerlichem Namen Santi White heißt, füllt mit ihrer Musik das Vakuum zwischen Underground und Pop aus. Wenn sie nicht selbst singt, schreibt sie Hits für M.I.A., Beyoncé oder Jay-Z. Für den Rapper klingt ihr Sound nach Revolution.

Jan Kedves

Wen ruft Beyoncé an, wenn sie eine rabiat trommelnde Single aufnehmen will und dafür noch eine Beat-Empfehlung braucht? Wen laden sich die Beastie Boys ins Studio, wenn auf ihrem neuen Album noch eine raffinierte Hookline fehlt? Und wer wiederum kann auf die Mithilfe der Yeah Yeah Yeahs-Sängerin Karen O bauen, wenn sie selbst noch Input für ihr eigenes Album braucht? Santigold, die aus Philadelphia stammende Sängerin, bürgerlich Santi White, hat sich in den letzten Jahren zur vordersten Managerin des Global Cool hochgearbeitet - nicht zuletzt, weil sie eigentlich nur nebenbei Sängerin ist.

Sängerin Santigold bei einem Auftritt in Los Angeles im April 2012

Santigold bei einem Auftritt in Los Angeles am 19. April 2012.

(Foto: AFP)

White arbeitet als Songschreiberin für andere, ist studierte Musikethnologin mit Schwerpunkt westafrikanische und haitianische Rhythmik und gilt als bestens vernetzte Trendforscherin. Ihr neues Album "Master of My Make-Believe" (Warner) steht exemplarisch für eine Verschiebung der Hierarchien im Pop, in dem die Wege erstaunlich kurz geworden sind.

Früher konnte man im Pop mit einiger Bestimmtheit zwischen Absahnern und Zulieferern unterscheiden. Es waren Zeiten, in denen die Hierarchie zwischen Mainstream und dem sogenannten Underground noch intakt war. Unten wurden neue Kniffe und Soundästhetiken zwar entwickelt, abgeschöpft aber wurden sie oben.

Heute kann man kaum noch guten Gewissens von einem Underground im progressiven Sinne sprechen, denn dieser hat sich in Trilliarden Subszenen aufgesplittet, in denen dann zum Teil biederstem Retroismus und den Mainstreams der Vergangenheit gefrönt wird. Das Vakuum wird von Figuren wie Santigold gefüllt, die als Agenten des Neuen auftreten, dabei aber von vornherein mit Akteuren des Mainstreams paktieren.

So ist es längst Routine, wenn sich R&B-Superstar Usher seine neue Hitsingle von Diplo produzieren lässt, einem DJ aus Santi Whites Heimatstadt Philadelphia, der bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt war. Santigold arbeitete schon früh mit Diplo zusammen. Und genauso überrascht es nicht, wenn Santigold neuerdings von Jay-Zs Firma Roc Nation vertreten wird.

Der Managementvertrag wird nur eine Belohnung dafür gewesen sein, dass Santi White Jay-Zs Gattin Beyoncé mit der Musik von Major Lazer vertraut gemacht hat, einem Diplo-Projekt, woraufhin Beyoncé ihren feministisch angehauchten Song "Run The World (Girls)" auf einem Major-Lazer-Beat aufgebaut hat. Außerdem wird es ein Dankeschön dafür gewesen sein, dass Jay-Z selbst mit "Brooklyn Go Hard" einen Hit hatte, der auf Santigolds "Shove It" basiert.

Songs, die nach Revolte klingen

Ihr neues Album nennt White "Master of My Make-Believe" - "Herrin meiner eigenen Gaukelei". Das klingt zwar, als traue sie ihrer Position selbst noch nicht so ganz, allerdings gibt sie sich auf dem Cover dann doch sehr selbstsicher: Dort sitzt sie - verkleidet als Mann - auf einem Thron. Spätestens, wenn sie im ersten Stück "Go!", unterstützt von Karen O, dann davon singt, "all the way to Paris" zu stürmen, muss man an Jay-Z und Kanye West denken. Auf deren grandios größenwahnsinnigem Kooperationsalbum "Watch The Throne" ging es im letzten Jahr ebenfalls darum, Frankreich zu beherrschen ("Niggas in Paris").

Nichts zu verlieren

In Interviews zu "Master of My Make-Believe" erzählt Santigold, ihr Boss Jay-Z sei der Ansicht, es klinge nach Revolution. Das soll wohl gut zu Occupy Wall Street und der politisierten Grundstimmung in den USA passen. Andererseits hat Jay-Z schon recht: Die neuen Santigold-Songs "sind" zwar keine Revolution, zumindest rufen sie nicht verbal explizit zu einer auf, aber sie "klingen" nach Revolte mit ihren scharf geschmirgelten Sounds, mit der geradezu kirre machenden Dauerspannung zwischen hochfrequentem Gebritzel und tief stampfendem Bassdonner, mit den Marschtrommeln und nervösen "Hey! Hey! Hey!"-Chören. Es ist eine Mischung, die für eine Daueragitation des Trommelfells sorgt. Es stellt sich beim Hören ein Affekt der Unmittelbarkeit, Bissigkeit und ja, Radikalität ein.

Hier liegt dann wohl der entscheidende Unterschied zu Maya Arulpragasam alias M.I.A., mit der Santigold ja gerne in einen Topf geworfen wird. Zwar mochte es anfangs zwischen beiden durchaus Parallelen geben, etwa in der Art und Weise, wie sie Hip-Hop, Punk und Dubstep mit Rhythmen aus Angola oder Brasilien verquickten. Doch M.I.A. scheint in letzter Zeit immer mehr zu ihrer eigenen Karikatur zu werden.

Als sie sich von Madonna zuletzt für einen Gastauftritt auf deren Single "Give Me All Your Luvin'" einkaufen ließ, schien es vor allem darum zu gehen, am Ende eines lustlosen Zweizeilers noch einmal die Pistolenschüsse abzufeuern, die sich seit ihrem eigenen Hit "Paper Planes" als Behauptung perkussiver Radikalität etabliert haben. Auch macht M.I.A. neuerdings Musik für Julian Assanges Talkshow. Es fällt zunehmend schwer, sie ernst zu nehmen. Santi White hingegen surft gewieft auf den klanglichen Oberflächen des Radikalen, ohne sich inhaltlich zu verheddern.

Als Chartmaterial betrachtet, erscheint ihr Album "Master of My Make-Believe" mutig. Als Avantgardemusik ist es zu poppig. Man könnte sagen: Santigold besetzt ein sehr interessantes Dazwischen. Wenn es gut läuft, könnten sich einige der Songs zu Hits entwickeln, "Disparate Youth" beispielsweise eignet sich mit seinen hochfrisierten Postpunk-Gitarren und dem Dub-Reggae-Bass vorzüglich als Sommerfestivalhymne. Ebenso "The Keepers", ein Song, der auf der beschleunigten Rhythmusspur von Kate Bushs "Running Up That Hill" basiert, wobei er dem Zitat jegliche Sentimentalität austreibt, indem er einen herausgeschrieenen Refrain über brennende Häuser in Amerika addiert.

Songs für Rihanna und Beyoncé

Wenn es hingegen nicht so gut läuft - und das ist eine Option, die Santigold und ihr Management vermutlich zumindest mit einkalkuliert haben -, dann eignen sich die Stücke immer noch bestens als Samplematerial für Hits anderer Leute. Für die Künstlerin würde sich damit gar nicht viel ändern, sie würde wieder nur ihrem Ruf als Trendscout gerecht.

Da ist zum Beispiel Rihanna, die ebenfalls bei Roc Nation unter Vertag steht: Die braucht dringend neue Impulse. Nach ihrer Serie von Eurodance-Hits steckt sie tief in der Kirmestechno-Falle. Tatsächlich war vor einigen Tagen in der New York Times zu lesen, Rihanna sei im VIP-Bereich des kalifornischen Coachella-Festivals Santigold vertraulich um den Hals gefallen.

Und auch Beyoncé wird bald - nach ihrer Babypause, zwischen eigenem Modelabel und der nächsten Hollywood-Rolle - wieder jemanden brauchen, der ihr beim Finden des momentan avanciertesten Beats zur Seite steht. Es sieht aus, als gäbe es auf dem Thron der rundum vernetzten Pop-Gaukelei, den Santi White sich selbst errichtet hat, rein gar nichts zu verlieren.

© SZ vom 04.05.2012/mapo
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