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Neues Jazz-Album:Aaron Parks

Pianist Aaron Parks.  "Parks Favorit". Fotografin: Deneka Peniston, Für Pressezwecke frei.
(Foto: Deneka Peniston)

Als das Sentimentalische in der Musik längst in den Ruf gekommen war, es gehe dabei um die Erzeugung falscher Gefühle, bestand Friedrich Nietzsche auf der "harmonischen Kinderei": "Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisäer des guten Geschmacks: es ist so", so nämlich, dass man bezaubert ist und hinwegschmilzt. Dabei hatten es Nietzsche vor allem die Melismen der italienischen Oper angetan, also das Singen vieler Töne auf nur einer Silbe. Der amerikanische Pianist Aaron Parks gehört einem anderen Genre an, nämlich dem Jazz, und er singt auch nicht. Einer Art von "Melismen" ist er dennoch zugetan: In seinen kleinen Kompositionen, wie man sie auf seinem jüngsten Album "Dreams of a Mechanical Man" (Ropeadope Records, 2020) findet, entwickelt er eine Leidenschaft für gestreckte Melodien. Meist liegen ihnen relativ einfache Elemente zugrunde, wie es sie nicht nur im Jazz, sondern auch im Pop gibt. Sie sind nicht länger als zwei oder vier Takte und von der singbaren Art. Aber dann variiert er diese Elemente, setzt sie voneinander ab und lässt die Variationen ineinandergreifen, als müsste es durch den gesamten Quintenzirkel und am Ende einmal um den Mond herumgehen. Pat Metheny hatte einst ähnlich angefangen, als er noch mit dem Pianisten Lyle Mays spielte, doch gehören Aaron Parks und seine drei Mitmusiker entschlossen zu einer anderen, jüngeren Zeit. Sentimental sind diese langen Melodien in jedem Fall: Der Hörer lässt sich an diese fast unendliche Linie binden, sie hält ihn fest. Und während er so in seinen Gefühlen versinkt, wird er immer weiter gezogen, bis eine Gitarre mit Gejaul oder das Schlagzeug mit ein paar Schlägen gegen den Takt dazwischenfährt, sodass man auch noch die Gelegenheit hat, die schöne Melodie zu vermissen, wodurch sie dann noch schöner wirkt. Nicht alle Stücke auf diesem Album sind so beschaffen wie "Here", "Solace" oder "Unkown". Manchmal treibt es den Klavierspieler und sein Quartett in den Groove oder in hypnotische Metren, wie sie eher zur elektronischen Musik zu gehören scheinen. Aber dann ist die lange Melodie doch wieder da, wie von allein gekommen und ohne dass der Hörer bemerkt hätte, wie sie sich näherte, als Moment schieren Glücks.

© SZ vom 30.05.2020

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