Neues Buch von "The Circle"-Autor Eggers:Der Boy next door als American Psycho

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Für die ist erst einmal Thomas zuständig, so etwas wie ein großer Bruder des kleinen Max aus den "Wilden Kerlen", der sich sein Wolfskostüm angezogen hat und den wilden Mann spielt. Ein bockiger Schreihals und Gernegroß, der Boy next door als American Psycho und zorniger junger Mann in der Version 2.0. Schade nur, dass ihn seine Mutter nicht wie im Kinderbuch von Maurice Sendak zur Strafe ohne Essen ins Bett schicken kann. Denn seine eigene Mutter hat Thomas ebenfalls entführt und in Ketten gelegt.

Außer ihr und dem Astronauten hält Thomas einen Kongressabgeordneten gefangen, einen Lehrer, einen Polizisten und eine junge Tierärztin, die er am Strand angesprochen hat. Er will Antworten von ihnen, ehrliche Antworten auf Fragen, die keiner stellt außer ihm, gute und weniger gute Fragen: Warum wurde das Space-Shuttle-Programm eingestellt? Warum stecken wir Millionen in irakische Klimaanlagen statt in unser marodes Bildungs- und Gesundheitssystem? Warum macht man pädophile Männer zu Erziehern und schießwütige zu Cops? Und warum verlassen Väter ihre Kinder?

Das ist überhaupt das überwölbende Thema in diesem Buch: die ideelle Vaterlosigkeit. Thomas, ein Mann mit Moral und Prinzipien, wie er immer wieder beteuert, klagt Amerika an, ein Land, das seiner Jugend keine Ideale mehr zu vermitteln vermag, keine Werte, für die es sich zu leben lohnt. Keine Ziele, mit denen es noch begeistern kann. Der Kontinent ist erschlossen, das Land gerodet, die Mondlandung ein Traum von gestern.

Klassensprecher einer sich nutzlos fühlenden Generation

"Wie lange ist es her, dass wir zuletzt irgendetwas gemacht haben, das irgendwen inspiriert hat?", fragt Thomas, dass wir "bei irgendeinem universalen Kampf mitgemacht hätten, bei irgendwas, das größer ist als wir selbst". Er verspürt eine in ihm wie in Millionen anderen aufgestaute Energie, ohne zu wissen, wie er sie in etwas Nützliches verwandeln kann, fühlt sich "wie ein Raubtier ohne Beute". Er weiß nur, dass "wir uns als Volk bessern müssen." Und dies: "Wenn ihr nichts Großes habt, woran Männer wie wir mitwirken können, werden wir all die kleinen Dinge auseinandernehmen. Wohnviertel für Wohnviertel. Gebäude für Gebäude. Familie für Familie."

Ob er schon von Geburt an so verdreht gewesen sei oder ob er es erst durch die dauernden Wohnungswechsel und die prekären Lebensverhältnisse seiner Kindheit geworden sei, fragt ihn seine Mom einmal. Solche individualpsychologischen Fragen reißt Eggers an, um sie offenzulassen. Denn sie dienen ihm nur als biografischer Notausgang. Im Grunde aber stören sie sein wir-gefühliges Konzept, den lebensuntüchtigen Nesthocker Thomas zum Klassensprecher seiner sich nutzlos und von den Eltern verraten fühlenden Generation zu machen.

Hat man die ihrerseits verdrehte Logik dieses Buches einmal akzeptiert, passt allerdings auch das, was eigentlich überhaupt nicht passt: dass Eggers aller Rollenprosa zum Trotz seine Figuren, die sich in Alter, Herkunft und sozialer Stellung erheblich unterscheiden, nicht einmal ansatzweise über individuelle Sprechweisen zu charakterisieren versucht. Er verordnet ihnen vielmehr den Einheitssound einer mit Okays und Irgendwies gespickten Fernsehserien-Rhetorik, den Konversationston der Mainstream-Unterhaltung.

Umblättern nützt hier nichts, in jeder Diskurs-Baracke läuft dasselbe Sprachprogramm. Damit entlarvt Eggers seine Dialog-Dramaturgie als Popanz, denn letztlich ist es immer nur der Autor, der hier das große Wort führt. "Finden Sie nicht, dass das Chaos auf der Welt zum weitaus größten Teil von einer relativ kleinen Gruppe enttäuschter Männer verursacht wird?", fragt Thomas einmal. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass Dave Eggers auf dem besten Weg ist, einer von ihnen zu werden.

Dave Eggers: "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?"

Dave Eggers: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? Roman. Übers. von U. Wasel und K. Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. 224 S., 18,99 Euro.

(Foto: Kiepenheuer & Witsch)
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