Süddeutsche Zeitung

Neues Buch von "The Circle"-Autor Eggers:Guantanamo eines Moralapostels

Lesezeit: 4 min

Ein junger Mann hält mehrere Personen gefangen, darunter seine eigene Mutter. Und alles nur, damit er ihnen erklären kann, was alles nicht stimmt mit dieser Welt. Wie viel Dave Eggers steckt in seinem neuen Roman?

Von Christopher Schmidt

Wenn ein Buch mit der Klage darüber beginnt, dass Astronauten heute nicht mehr zum Mond fliegen, dann ist dieses Buch entweder eines für Leute, die sich nach Allmachtsgefühlen sehnen, oder für solche, die sich das naive Gemüt eines Kindes bewahrt haben, oder für Amerikaner, also ausgemachte Patrioten. Bei Dave Eggers, der schon ein Buch über Max, ein Kind, das zum König wird ("Bei den wilden Kerlen", 2009), geschrieben hat, eines über einen Durchschnittsamerikaner, der nicht verstehen kann, warum sein Land nicht mehr Weltspitze ist ("Ein Hologramm für den König", 2013), und eines über die gottgleiche Macht der Internet-Konzerne ("Der Circle", 2014), kommen all diese drei Zuschreibungen in einer einzigen Person zur Deckung.

Mit dem zuletzt genannten Megaseller ist Eggers zur Lichtgestalt aufgestiegen, zum Evangelisten der Internetkritik und zu einem Menschenfischer mit einer planetarischen Lesergemeinde. Und leider auch zu einem fürchterlichen Moralapostel. Diese Entwicklung hat sich offenbar vorbereitet in einem Buch, das den ebenso komplizierten wie pathetischen, ein Bibelwort zitierenden Titel "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" trägt. Dass Eggers schon vor "Der Circle" daran gearbeitet hat und es sich bei dem neuen, nun erschienenen Buch eher um ein nachgereichtes Nebenwerk handelt, ist bereits das Beste, was man zu dessen Verteidigung vorbringen kann.

Zunächst einmal ist zu sagen, dass man es hier mit einem merkwürdigen Wechselbalg zu tun hat. Das Buch besteht ausschließlich aus Dialogen, will aber kein Theaterstück sein, sondern nennt sich Roman. Wer aber die direkte Rede als durchgängige Form wählt, will Nähe zu den Figuren herstellen, nicht die Distanz einer objektivierenden Instanz, die ja auch dann, wenn der Erzähler kein allwissender, sondern ein subjektiver ist, niemals identisch ist mit dem Autor. Und er will, dass sich die Figuren, anders als in der Epik, nicht in Situationen bewähren, sondern im Gespräch miteinander. Diese Konfrontation übernimmt im Drama dieselbe Aufgabe, die im Roman die Erzählerstimme erfüllt, nämlich die, konkurrierende Wahrheitsansprüche zu relativieren.

Bei Widerworten drohen Elektroschocks

Gerade in Amerika haben große Dramatiker wie Tennessee Williams oder Eugene O'Neill vorgemacht, wie lange, nervenaufreibende Rededuelle letztlich zu einer Läuterung führen. Zu diesem kathartischen Effekt kann es bei Eggers gar nicht erst kommen, weil es seine Figuren immer nur mit ein- und derselben Person zu tun haben, dem 34-jährigen Thomas, der jedoch die Unterhaltung stets abbricht, sobald er argumentativ in die Defensive gerät.

Technisch gesehen wird ihm dies dadurch erleichtert, dass er seine sechs Gesprächspartner an den Stützpfeilern verschiedener, durchnummerierter Baracken eines aufgegebenen Militärstützpunkts in der Nähe des kalifornischen Monterey festgekettet hat. Außerdem droht er ihnen bei mangelndem Wohlverhalten oder Widerworten mit Elektroschocks.

Diese sechs Personen sind Geiseln, nicht nur des Protagonisten, sondern auch des Autors, der hier Verhöre führt. Denn man muss Eggers Versuchsaufbau als eine Strategie verstehen, die objektivierenden Faktoren beider Gattungen, Roman und Drama, gleichermaßen auszuhebeln. Die quasi-dokumentarische Direktheit entpuppt sich als das genaue Gegenteil: die totale Kontrolle eines Marionettenspielers. Und der scheinbar unsichtbare Autor hat hier in Wahrheit seine Machtfülle verabsolutiert.

Mit diesem Buch hat sich Dave Eggers so etwas wie ein narratives Privat-Guantanamo geschaffen, abgeriegelt gegen alle Einwürfe und Fragen, einen Hochsicherheitstrakt nicht des Erzählens, vielmehr der einsamen Rechthaberei.

Der Boy next door als American Psycho

Für die ist erst einmal Thomas zuständig, so etwas wie ein großer Bruder des kleinen Max aus den "Wilden Kerlen", der sich sein Wolfskostüm angezogen hat und den wilden Mann spielt. Ein bockiger Schreihals und Gernegroß, der Boy next door als American Psycho und zorniger junger Mann in der Version 2.0. Schade nur, dass ihn seine Mutter nicht wie im Kinderbuch von Maurice Sendak zur Strafe ohne Essen ins Bett schicken kann. Denn seine eigene Mutter hat Thomas ebenfalls entführt und in Ketten gelegt.

Außer ihr und dem Astronauten hält Thomas einen Kongressabgeordneten gefangen, einen Lehrer, einen Polizisten und eine junge Tierärztin, die er am Strand angesprochen hat. Er will Antworten von ihnen, ehrliche Antworten auf Fragen, die keiner stellt außer ihm, gute und weniger gute Fragen: Warum wurde das Space-Shuttle-Programm eingestellt? Warum stecken wir Millionen in irakische Klimaanlagen statt in unser marodes Bildungs- und Gesundheitssystem? Warum macht man pädophile Männer zu Erziehern und schießwütige zu Cops? Und warum verlassen Väter ihre Kinder?

Das ist überhaupt das überwölbende Thema in diesem Buch: die ideelle Vaterlosigkeit. Thomas, ein Mann mit Moral und Prinzipien, wie er immer wieder beteuert, klagt Amerika an, ein Land, das seiner Jugend keine Ideale mehr zu vermitteln vermag, keine Werte, für die es sich zu leben lohnt. Keine Ziele, mit denen es noch begeistern kann. Der Kontinent ist erschlossen, das Land gerodet, die Mondlandung ein Traum von gestern.

Klassensprecher einer sich nutzlos fühlenden Generation

"Wie lange ist es her, dass wir zuletzt irgendetwas gemacht haben, das irgendwen inspiriert hat?", fragt Thomas, dass wir "bei irgendeinem universalen Kampf mitgemacht hätten, bei irgendwas, das größer ist als wir selbst". Er verspürt eine in ihm wie in Millionen anderen aufgestaute Energie, ohne zu wissen, wie er sie in etwas Nützliches verwandeln kann, fühlt sich "wie ein Raubtier ohne Beute". Er weiß nur, dass "wir uns als Volk bessern müssen." Und dies: "Wenn ihr nichts Großes habt, woran Männer wie wir mitwirken können, werden wir all die kleinen Dinge auseinandernehmen. Wohnviertel für Wohnviertel. Gebäude für Gebäude. Familie für Familie."

Ob er schon von Geburt an so verdreht gewesen sei oder ob er es erst durch die dauernden Wohnungswechsel und die prekären Lebensverhältnisse seiner Kindheit geworden sei, fragt ihn seine Mom einmal. Solche individualpsychologischen Fragen reißt Eggers an, um sie offenzulassen. Denn sie dienen ihm nur als biografischer Notausgang. Im Grunde aber stören sie sein wir-gefühliges Konzept, den lebensuntüchtigen Nesthocker Thomas zum Klassensprecher seiner sich nutzlos und von den Eltern verraten fühlenden Generation zu machen.

Hat man die ihrerseits verdrehte Logik dieses Buches einmal akzeptiert, passt allerdings auch das, was eigentlich überhaupt nicht passt: dass Eggers aller Rollenprosa zum Trotz seine Figuren, die sich in Alter, Herkunft und sozialer Stellung erheblich unterscheiden, nicht einmal ansatzweise über individuelle Sprechweisen zu charakterisieren versucht. Er verordnet ihnen vielmehr den Einheitssound einer mit Okays und Irgendwies gespickten Fernsehserien-Rhetorik, den Konversationston der Mainstream-Unterhaltung.

Umblättern nützt hier nichts, in jeder Diskurs-Baracke läuft dasselbe Sprachprogramm. Damit entlarvt Eggers seine Dialog-Dramaturgie als Popanz, denn letztlich ist es immer nur der Autor, der hier das große Wort führt. "Finden Sie nicht, dass das Chaos auf der Welt zum weitaus größten Teil von einer relativ kleinen Gruppe enttäuschter Männer verursacht wird?", fragt Thomas einmal. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass Dave Eggers auf dem besten Weg ist, einer von ihnen zu werden.

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Quelle:
SZ vom 10.04.2015
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