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Neues Album von "The Dillinger Escape Plan":Sophisterei, zu Klump geprügelt

Und immer, wenn es allzu verkopft zu werden droht, prügelt ein Punk- oder Metalriff die ganze Sophisterei zu Klump. Sollte auch das nicht helfen, springt Sänger Greg Puciato von hohen Gerüsten ins Publikum oder kackt live auf die Bühne.

Zwar erreicht das neue Album nicht ganz die Qualität früherer DEP-Meilensteine wie "Miss Machine" (2004), dessen atmosphärisches Spektrum von bitterem Zynismus über hymnisches Pathos und Generation-X-Nihilismus bis hin zur Tobsucht reicht und seinesgleichen sucht.

Dennoch kommt man nicht umhin zu konstatieren: DEP sind und bleiben eine der wichtigsten und inspirierendsten Bands der jüngeren Popgeschichte, insofern sie dem nie versiegenden "Unbehagen in der Kultur" (Sigmund Freud) eine zeitgemäße Form verleihen. Die Komplexität, Schnelligkeit, Überreiztheit und Aggressivität, aber auch die Energie, Kreativität und Freiheit des Lebens in den urbanen Zentren wurden wohl selten besser zur Darstellung gebracht als in dieser Musik - so alternativ wie utopiefrei, so inspiriert wie resigniert, so obszön wie raffiniert. Ähnlich wie die Lust im professionellen Pornofilm eine hochgradig artistische und streng reglementierte Sache ist, bricht sich die Wut bei DEP ausschließlich auf kontrollierte Weise Bahn.

Herrschaft des Abstrakten und Kult des Vitalen

Die Vielzahl der Kontexte, die DEP dabei aufrufen, spiegelt nicht zuletzt den Pluralismus innerhalb der Band wider. Während Weinman ein Vegetarier und Abstinenzler mit einem ausgeprägten Bewusstsein für Ethik ausgestattet ist, konsumiert Puciato Fleisch und Drogen, betreibt Hardcore-Bodybuilding und ist mit der Pornodarstellerin Jenna "Anal Starlet" Haze liiert.

Im Math Core von DEP treffen gleichsam jene beiden Grundelemente zusammen, die für das Leben in den modernen, städtisch geprägten Gesellschaften typisch sind. Einerseits das, was Oswald Spengler die "reine Zivilisation" nannte: die Herrschaft des Anorganischen, Abstrakten, Technischen, Inhumanen, Numerischen. Andererseits das, was die US-amerikanische Kultur der Postmoderne mit sich brachte: den Kult des Vitalen, Entgrenzten, Innovativen, Individualistischen.

Vor allem aber beweisen DEP eindrucksvoll, dass Pop längst mehr ist als Jugendkultur und bloße Party. Pop ist zugleich die Überwindung und die Totenmesse seiner selbst, ein ätzender Abgesang auf die süßen Verheißungen der Spaßgesellschaft - bezeichnenderweise haben DEP unlängst die Plattenfirma "Party Smasher Inc." gegründet. Die alte Party ist tot, nun ist eine neue Party im Gange, bei der sie wirklich alle miteinander tanzen: die heiteren Gespenster des Jazz, die Untoten des Metal, die sentimentalischen Gemüter des Emocor, die kunstaffinen Intellektuellen. Mit DEP bewahrheitet sich, was der Kunsthistoriker Beat Wyss einmal über den Pop schrieb: "Pop braucht keine Kunst, da er die Kunst ersetzt."

© SZ vom 06.07.2013/khil
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