Neuer Spider-Man:Der Obama der Comicwelt

Die Verschnaufpause für Comicfans mit Spinnenangst ist vorbei: Der neue Spider-Man "Miles Morales" hat das Prädikat Superheld verdient: Er verfügt über Spinnenkräfte, ist halb Latino und halb Schwarzer. So manches verbindet ihn mit dem amerikanischen Präsidenten.

Johannes Schnös

Niemand hat es so richtig mitbekommen, doch es ist die traurige Wahrheit: Spider-Man ist tot. Der Spinnenmensch krepierte im Juni 2011 beim Versuch seine Tante aus den Klauen seines Erzfeindes, des grünen Kobolds, zu befreien. Der Todesfall ereignete sich in Heft Nr. 160 der Reihe "Ultimate Comics Spider Man".

Handout shows new Spider-Man for Obama-age -- a half-black, half-Latino nerd named Morales, as unveiled by Marvel Comics

Schwarzer, Hispano, Amerikaner, Spinnenmutant: Ein Superheld mit Superkombination.

(Foto: Reuters)

Spider-Man starb den Superheldentod. Was nun? Ein neuer Spider-Man muss her und den hat sein Verlag "Marvel Comics" jetzt vorgestellt. Bereits in der Ausgabe Nr. 4 des Marvel Comics "Ultimate Fallout", die seit dieser Woche erhältlich ist, zieht eine neue Spinne die Fäden der privaten Strafverfolgung in New York und beendet das Sicherheitsvakuum in der Stadt. Erstmals in der gut 50-jährigen Geschichte der Figur heißt Spider Man nicht mehr Peter Parker.

Der neue Spider-Man trägt den Latino-Namen Miles Morales. "Er ist jünger als Peter Parker, er kommt aus völlig anderen Verhältnissen und hat ein ganz anderes Weltbild", so der Marvel-Texter Brian Bendis, der bisher für alle Episoden von "Ultimate Spider Man" verantwortlich war.

Und noch etwas ist neu. Spider-Man Nr. 2 ist Afro-Amerikaner. Mit bloßer Publicity habe dies nichts zu tun: "Es ist Ausdruck der reflektierten Denkweise eines Unternehmens, das mit der modernen Gesellschaft Schritt hält", so Marvels Chefredakteur Alex Alonso. Schon zuvor gab es schwarze Superhelden und-heldinnen, aber keinen in der amerikanischen Topliga der Comicstars. Der neue Spider-Man ist darüber hinaus nicht nur schwarz, er ist auch Hispano-Amerikaner. Ein Superheld mit Migrationshintergrund, der damit dem amerikanischen Integrationsideal des Schmelztigels besser entspricht.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied zu Peter Parker. Dieser wurde durch Zufall, infolge eines Spinnenbisses zum Superhelden mutiert und stellte anschließend seine spinnenhaften Superkräfte in den Dienst der Gerechtigkeit. Morales hingegen setzt sich aus freien Stücken für Recht und Ordnung ein und tritt explizit die Nachfolge seines Vorgängers an: "Es ist der Tod von Peter Parker, der diesen Teenager dazu bewegt, für das Gute einzutreten", so Bendis.

Anpassung der Figur an die Gellschaft des 21. Jahrhunderts

Die Neueinführung der Figur eröffne für die Geschichte neue Entwicklungsmöglichkeiten, die sich vor allem aus dem persönlichen und kulturellen Hintergrund der neuen Hauptfigur ergäben, so Alonso: "Als wir einen ganz neuen Spider-Man schaffen konnten, sollte es eine Figur sein, die die Kultur und Vielfältigkeit das 21. Jahrhunderts widerspiegelt." Morales trete nicht nur die Nachfolge von Peter Parker an, sondern zeige auch, warum er als neuer, einzigartiger Charakter den Namen Spider-Man verdiene.

Der Tod von Peter Parker beendete zunächst eine Ära des Action-Comics. Seit dem Jahr 2000 gelang es der Serie "Ultimate Spider Man" die Figur Spider-Man in moderner Form aufzubereiten und für jüngere Zielgruppen zugänglich zu machen. Mit Miles Morales wird die Serie neu gestart, was sich auch bei der Nummerierung bemerkbar macht. Das erste Heft wird im September erscheinen. Parallel und unabhängig zur Serie "Ultimate Spider Man" existiert bereits seit 1962 die Comicserie "The Amazing Spider Man", in welcher Peter Parker übrigens noch lebendig ist und sich weiterhin gekonnt durch Manhatten schwingt.

Gesellschaftliche Funktion von Comics

Das Comic-Genre ist in den USA kulturell weitaus bedeutsamer als in Europa. Zum einen ist die Kunstform Comic Ausdruck einer US-Kultur, die von Anfang an demokratisch geprägt war, damit jedoch auch kommerziellen Ansprüchen genügen musste. Zum anderen greifen die gezeichneten Heldengeschichten ideologische Muster der US-Gesellschaft auf, wie den Patriotismus oder das Streben nach Gleichheit und Freiheit. Hierdurch erfüllen sie eine gesellschaftliche Funktion.

Bereits 1962 beschäftigte sich der italienische Philosoph Umberto Eco in einem Buch mit der mythologischen Wirkung eines weitaus bekannteren Comichelden - Super-Man. Von Gesellschaftskritik und der Verarbeitung gesellschaftlicher Thematiken in Comics handelt auch die Ausstellung "Holocaust im Comic", die noch bis 19. August in München gezeigt wird.

Der fiktive Held Morales kommt für die Amerikaner zu einem günstigen Zeitpunkt. Denn im Moment scheint es in den realen USA an Heldentaten zu mangeln. Auffällig sind die Verbindungslinien zwischen Barack Obama und der neuen Marvel-Figur. Beide sind schwarz - was jeweils ein historisches Novum ist. Beide sind so Ausdruck der Chancengleichheit in der Gesellschaft. Und von beiden geht eine gewisse Aufbruchsstimmung aus, sie sind Ausdruck einer neuen Zeit, ihr Wirken stellt die Zäsur einer alten Ordnung dar. Kurz vor der Amtseinführung Obamas gab Marvel sogar ein Spider-Man Sonderheft heraus, das Obama auf dem Cover zeigt und von seinem Einzug ins Weiße Haus handelt.

Der immer wieder kolportierte Unterstellung, Obama sei gar kein Amerikaner, hat der US-Präsident im Oktober 2008 auf einer Dinnerrede in ironischer Weise entgegengestellt: "Tatsächlich wurde ich auf dem Planeten Krypton geboren. Mein Vater, Jor-El schickt mich um den Planeten Erde zu retten." Obama bezieht sich damit auf den, auch in Deutschland bekannten Super-Man-Comic.

Und tatsächlich: All die Dramatik von Obamas Wahlkampf, all das "Change" und "Yes we can", das ohnehin wie der Ausspruch eines Superhelden wirkt, verlieh dem Präsidenten eine geradezu übermenschliche Aura, überhöhte ihn medial in einem Maße, dass er wie ein Superheld wirken musste. Eigentlich ist er der erste schwarze Superheld der Vereinigten Staaten.

Doch nach dem wochenlangen Tauziehen in der US-Schuldenkrise wirkt Obama entzaubert. Verletzlich irgendwie. Hilflos auch. Darf ein Superheld überhaupt verletzlich sein? Oder ohnmächtig? Wiederspricht das nicht eigentlich seiner Natur und seiner Funktion? Ein Superheld wendet sich nicht an die Öffentlichkeit, um die Schurken zu bezwingen, wie Obama. Vielmehr bittet ihn die Öffentlichkeit um Hilfe. Und er ist stets zur Stelle.

Nicht perfekter Held für nicht perfekte Leser

Doch auch Spider-Man war ein verletzlicher Held, zumindest Peter Parker. Körperlich und seelisch. Sein ganzes Leben lang warf er sich vor, dass er seinen Onkel nicht retten konnte, als dieser bei einem Überfall starb. Doch kurz vor seinem Tod rettet er seine Tante. Mit seinem letzten Atemzug haucht er ihr entgegen: "Onkel Ben. Ich konnte ihn nicht retten, egal, was ich tat. Aber ich habe dich gerettet. Ich habe es geschafft." Und in Beziehungsfragen hatte Spider-Man alias Peter Parker dieselben Probleme wie jeder andere Teenager auch. Sobald Mary-Jane ins Spiel kommt, ist auch Spider-Man aufgeregt, tollpatschig, schüchtern. Ein nicht perfekter Superheld für nicht perfekte Leser. Superhelden sind eben auch nur Menschen.

Das Comic-Universum ist einfacher und bietet mehr Identifikation, vielleicht ist es deswegen manchmal faszinierender als die Wirklichkeit. In einer Welt, die nur gut und böse, Recht und Unrecht kennt, fällt die persönliche Parteinahme leicht. Natürlich ist man auf der Seite des Helden.

Dieses schwarz-weiß Denken ist auch in den echten USA eine wiederkehrende Erscheinung der politischen Kultur. Das Einteilen der Welt in Gut und Böse, in freie Welt und evil empire, wie es Ronald Reagan formulierte. Oder wenn George W. Bush die Welt zu einer ultimativen Entscheidung aufforderte: "Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für die Terroristen". Doch die echte Welt ist für die Menschen komplexer, zäher, undurchsichtiger. Zwischen schwarz und weiß gibt es viele Grauwerte.

Wäre Obama ein Comic-Held, er hätte wohl die Schuldenkrise der USA einfach mit einer flammenden Rede beendet, die Nation geeint und am Schluss "Yes we can" in die frenetische Menge gerufen. Und anschließend mit allen seinen 50. Geburtstag gefeiert. Das wäre ein "change" gewesen.

Doch in der echten Welt kam er an seine Grenzen. Diese werden definiert durch die Komplexität der politischen Kommunikation, durch die gespaltene Ideologie des Landes und der Menschen. Durch die Begrenztheit der eigenen Macht. Und durch die "Antihelden" von der Tea-Party. Diesen "Hobbits", wie sie der republikanische Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain vor einigen Tagen bezeichnete.

Das ist wohl der wahre Unterschied zwischen Fiktion und Realität. Fiktion muss Sinn ergeben. Vielleicht sind Comics, egal ob neuer oder alter Spider-Man, deswegen so beliebt. Sie ergeben einfach mehr Sinn als die Wirklichkeit.

© sueddeutsche.de/AP/js/pak
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