Neuer Roman von John le Carré Idiot vom Dienst in heikler Mission

Die HMS Bulwark der British Royal Navy im Hafen von Lissabon, kurz vor dem Auslaufen nach Gibraltar: Dort lässt John le Carré seinen neuen Roman "Empfindliche Wahrheit" beginnen.

In seinem Roman "Empfindliche Wahrheit" konstruiert John le Carré einen Geheimdienstplot in der schönen neuen Welt der elektronischen Überwachung - und rechnet nebenbei mit Tony Blair und "New Labour" ab.

Von Franziska Augstein

Ein britischer Rezensent hat sich über John le Carrés neuen Roman geärgert. Denn gleich am Anfang ist darin von den "ausgesprochen britischen Gesichtszügen" eines Mannes die Rede - was das denn wohl sein solle, mokierte sich der Rezensent: britische Gesichtszüge?!

Der so beschriebene Gentleman heißt Kit Probyn und ist ein anständiger, ehrpusseliger Beamter des Britischen Außenministeriums, der zwar in kein Fettnäpfchen steigt, wohl aber in jede Falle tappt. Das Adjektiv "britisch" hat John le Carré tatsächlich ungeschickt gewählt: Auch Menschen pakistanischer oder jamaicanischer Abstammung sind Briten, weshalb die deutsche Übersetzerin Sabine Roth umsichtigerweise schreibt, die Züge des Mannes verrieten "den Engländer". Im übrigen aber ist klar, wie wir uns Kit Probyns Äußeres vorstellen dürfen: ein bisschen so wie das des Autors John le Carré; David Cornwell, wie er eigentlich heißt, sieht wirklich ehrbar aus und hat, wie er in einem Interview andeutete, mit Kit Probyn eine Facette von sich selbst geschildert.

Unverständlich ist schon eher, was John le Carré meint, wenn er von einer "typisch englischen" Handschrift redet, ohne sie näher zu beschreiben. Der Autor ist seinem Land so verbunden, dass er das für überflüssig hält. Die Ereignisse und psychologischen Verwicklungen in seinem neuen Buch schildert er hingegen plausibel: Erstere basieren, wie stets, auf Recherchen und Hintergrundgesprächen; und was das menschliche Mit- und Gegeneinander angeht, kann Cornwell sich auf die Erfahrungen seines langen Lebens verlassen.

Feigenblatt namens Kit Probyn

Ob nun "britisch" oder "englisch": Kit Probyn, ein guter Patriot, gerät in einen fürchterlichen Schlamassel. Der korrupte Außenminister Fergus Quinn, ein New-Labour-Mann, sucht einen Idioten vom Dienst für eine heikle Mission. Probyn steht am Ende seiner Karriere und hat noch nie durch gehobenen Scharfsinn auf sich aufmerksam gemacht. Er ist also ideal für den Job.

Fergus Quinn hat beste Kontakte zu einer amerikanischen Söldnerfirma. Die Leser dürfen annehmen, dass Quinn über deren Chef schon viel Geld privat einsacken konnte, im Austausch gegen die Übergabe einer Menge ungefilterter Geheimdienstinformation. Söldner dieser Firma sowie einige Angehörige der britischen Streitkräfte sollen nun in der Kronkolonie Gibraltar einen Terroristen entführen. Das Ziel: den Mann irgendwohin verfrachten, wo er so lange mit ungewöhnlichen Maßnahmen behandelt wird, bis er redet - "extraordinary rendition" ist das Stichwort. Für diese Operation braucht der Minister ein Feigenblatt, es heißt Kit Probyn und wird nach Gibraltar geschickt: Seine Anwesenheit soll den - aufrechten - britischen Soldaten das Gefühl geben, dass alles mit rechten Dingen zugehe. Außerdem muss der miese Minister von New Labour seinem Apparat vorspiegeln, dass er nach Recht und Gesetz vorgehe.