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Dust Devil

Sie raste mit einem Käfer durch die Wüste von Namibia, er stand am Straßenrand: Szene aus "Dust Devil".

(Foto: Verleih)

Der Filmregisseur Richard Stanley ist ein Außenseiter, im Leben wie im Kino. Jetzt sind seine beiden wichtigsten Filme auf DVD erhältlich.

Von Fritz Göttler

Ein einsamer roter Käfer in der Wüste von Namibia, irgendwo zwischen Zielstrebigkeit und Verlorenheit. Der Regisseur Richard Stanley, geboren 1966 in Südafrika, kennt diesen Zwiespalt, er ist ein Außenseiter, im Leben wie im Kino. Mit seinem erfolgreichen neuen Film "Die Farbe aus dem All", nach H.P. Lovecraft, schaffte er voriges Jahr ein Comeback, sein legendärer "Dust Devil", von 1992, ist nun auf DVD erschienen.

"Dust Devil" ist ein Genrefilm, das heißt, er testet die Regeln seines Genres und formt sie um. Die Frau, die den Käfer fährt, kommt aus Südafrika, sie weiß nicht wohin, sie will nur weg von ihrem Mann. Der Film beginnt als road movie, er folgt der Geschichte eines berüchtigten Serialkillers in Namibia. Plötzlich steht eine mysteriöse Gestalt am Straßenrand vor dem VW, ein Mann im langen Italowestern-Staubmantel und mit schmalen Koteletten, seinen Auftritt untermalen metallische Morricone-Klänge.

Richard Stanley ist ein Nachkomme des Afrikaforschers Henry Morton Stanley, er hat die Riten seines Landes studiert und gefilmt und sich politisch engagiert, gegen die Apartheid, ging dann nach London und hat Musikvideos gedreht. "Ich war ein creepy kid", sagt er und erzählt, wie sein Vater eine Kopie von "King Kong" kaufte und sie zuhause vorführte, Richard war vier. Die erste Nacht in London, erzählt er weiter, habe er, weil die Hotels so schrecklich teuer waren, im Scala Kino verbracht, das die ganze Nacht Filme von Dario Argento spielte. Argento wurde sein Mentor, mit seinem ersten Spielfilm "Hardware", einer finsteren Zukunftsfantasie mit mörderischen Robotern und Iggy Pop, flog Richard nach Rom, um ihn Argento zu zeigen. Stanley glaubt an die Existenz von Dämonen, ist Anhänger von Aleister Crowley.

"Dust Devil" hatte, wie viele Kultfilme, eine turbulente Entstehungsgeschichte. Stanley drehte erst mal auf 16 Millimeter, mit Freunden, der rote Käfer war schon dabei, aber der Film blieb unvollendet. Nach dem Erfolg von "Hardware" waren Produzenten auch an "Dust Devil" interessiert.

Robert James Burke ist ein magnetischer Killer, engelhaft und unerbittlich, ein Heiland, der selber Erlösung sucht. In allen von uns steckt ein Licht, erklärt er, das herauswill, da helfe er durch einen kleinen Schnitt - eine Hebammenkunst. Aber dann erzählt er der Frau auch, während sie beide im Bett in einem Motel liegen, von den Stürmen, die in seinem Kopf brausen und dass er sich nach Ruhe sehnt. Wendy heißt die Frau, wie das Mädchen, das der verlorene Junge Peter Pan anbetet.

Der Dust Devil ist ein 'nachtloper', den man nur mit einem besonderen Stab in seiner windigen Mobilität bannen kann

Während des Drehs ging die Produktionsgesellschaft pleite, Stanleys Zweistundenversion wurde auf eineinhalb getrimmt, und für Amerika gar eine ganz eigene Version gefertigt, achtzig Minuten. Der mythische Kontext des "Dust Devil" wurde komplett rausgeschnitten, den schwarzen Ermittler, Zakes Mokae, der den Spuren des Killers folgt, unter anderen Marianne Sägebrecht begegnet, die in der Anatomie tätig ist, und dem geheimnisvollen Joe Niemand, der ein Drive-in-Kino in der Wüste betreibt und weiß, dass der Dust Devil nicht menschlich ist, sondern ein böser Geist, der sich die Körper aussuchen kann, ein 'nachtloper', den man nur mit einem besonderen Stab in seiner windigen Mobilität bannen kann.

1996 war Richard Stanley an einem weiteren Herzensprojekt dran, einer Neuverfilmung der "Insel des Doktor Moreau", von H.G. Wells, mit Marlon Brando. Nach wenigen Tagen wurde er aber gefeuert und durch John Frankenheimer ersetzt, trieb sich weiter im Dschungel herum, mischte sich unter die Tiermenschen, mit denen der Doktor experimentierte. Dann verschwand er für Jahre auf den Montsegur in den französischen Pyrenäen.

Voriges Jahr hat er, wider alle Erwartungen, einen neuen Film gedreht, "Die Farbe aus dem All", mit Nicolas Cage und Joely Richardson, nach Lovecraft. Als er dreizehn war, hatte seine Mutter ihm die wichtigsten Lovecraft-Erzählungen vorgelesen. Ein Meteorit schlägt ein im Vorgarten einer Familie, die in den Wäldern um Arkham lebt, der Stadt im Zentrum des Lovecraft-Universums, verseucht das Wasser, macht die Menschen irre. Eine Mutter will sich wieder mit ihrem Sohn vereinen, physisch, es gibt eine Alpaka-Zucht, das Necronomicon, monströse Transformationen.

Es ist das Gegenstück zur Leere von "Dust Devil", die wilde Unzugänglichkeit der Wälder um Arkham, unzugänglich selbst für die Sonnenstrahlen, wo Amerika seine trügerische Balance absolviert zwischen Traum und Wirklichkeit.

"Dust Devil" und "Die Farbe aus dem All" sind erschienen bei Koch Films.

© SZ vom 04.05.2020

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