bedeckt München

Neu auf DVD:Jagd auf die Abgehängten

Rot gegen Blau, Blau gegen Rot: "The Hunt" ist ein blutiger Splatterfilm, der gut zur Trump-Ära passt.

Von Fritz Göttler

Ist das der Heidsieck, fragt der junge Mann die Flugbegleiterin, die gerade eine Flasche für ihn öffnet, und erklärt gleich, wie er zu der Frage kommt: Ein deutsches U-Boot habe einst ein Schiff versenkt, das unterwegs zum Zaren Nikolaus II. war, nach Jahrzehnten habe man das Wrack entdeckt, darin sei eine Kiste Heidsieck Jahrgang 1907 gewesen, man habe einen Roboter runtergeschickt und die Kiste geborgen. Athena hätte drei Flaschen gekauft für jeweils 200 000 Dollar - "und niemand weiß, wie das Zeug schmeckt." Die Flugbegleiterin bedauert, sie hat nur gewöhnlichen Champagner. Den Kaviar, den sie dann anbietet, lehnt der junge Mann ab, er habe erst gestern welchen gehabt.

Der Typ ist schrecklich blasiert. Seine Bekannte, Athena, nimmt ihn und ein paar andere in ihrem Flugzeug mit auf einen exklusiven Jagdtrip in ihr Landhaus, um ein Dutzend "deplorables" abzuschlachten. Aus allen Gegenden der USA wurden Leute gekidnappt und ins Jagdrevier gebracht.

In "The Hunt" (als DVD erschienen bei Universal) geht es um die Jagd auf Menschen, das denkbar gefährlichste und edelste Wild. Der Sport dient dem Lustgewinn einer dekadenten Elite jenseits der Moral. Das Drehbuch stammt von Damon Lindelof und Nick Cuse, produziert wurde der Film von Jason Blum, der schon mit kleinen Horrorfilmen erfolgreich war.

Das Jagdfieber im Film ist ein hitziges Produkt der sozialen Medien

Deplorables, das war ein unglücklicher Begriff von Hillary Clinton im Wahlkampf 2016. Die Kläglichen, die sie damit meinte, sind Anhänger von Donald Trump. Clinton beschrieb sie als rassistisch, sexistisch, homophob und fremdenfeindlich. Mit brutaler Ironie erzählt der Film von der ultimativen Konfrontation von Liberalen und Konservativen - Rote gegen Blaue, Demokraten gegen Republikaner. Diese Farben bestimmen die Bilder des Films.

Filmstill The Hunt

Spröde Heldin mit Afghanistan-Erfahrung: Betty Gilpin als Crystal.

(Foto: Universal)

Es ist ein blutiger Splatterfilm mit Revolvern und Sturmgewehren - und mit einer blonden spröden Heldin, die in Afghanistan im Einsatz war (Betty Gilpin). Er reflektiert die Zerrissenheit von Trumps Amerika, doch das Jagdrevier ist wie Alices Wunderland mit trügerischen Versatzstücken durchsetzt. Immer wieder werden Löcher in die Eindeutigkeit gerissen. "The Hunt" macht es einem unmöglich, sich auf eine Seite zu schlagen. Die Sprache bekommt eine unangenehme Aura von Phrasenhaftigkeit. "Nur dass du es weißt", zischt einer der Jäger, bevor er eins der Opfer erledigt, "der Klimawandel ist wirklich." Politische Korrektheit kann mörderisch sein. Ob sie verschont werden wolle, weil sie eine Frau sei, wird eine Jägerin gefragt, als sie selbst gestellt wird und eine Waffe auf sich gerichtet sieht. Natürlich verneint sie die Frage. Gleichberechtigung und Fanatismus.

Trump, als er von dem Film erfuhr, tweetete im August 2019: "Der Film wurde gemacht, um Chaos zu entflammen und zu schaffen. Sie schaffen ihre eigene Gewalt und versuchen dann, anderen dafür die Schuld zu geben." Der Film stand unter einem unglücklichen Stern, sein Start wurde verschoben, weil der Sommer 2019 in Amerika unter dem Eindruck der mörderischen Anschläge von Dayton und El Paso stand. Im Frühjahr 2020 hatte dann die Pandemie das Land im Griff.

Das Jagdfieber des Films ist ein Produkt der hitzigen Entwicklung der sozialen Medien. Auch die gejagten Opfer sind alles andere als dumpfe Rednecks, sondern Blogger, radikal und antiliberal. Sie wissen um die Gesetze der Kommunikation heute. Wir werden berühmt, wenn wir dieses ganze Komplott aufdecken, sagt einer, wir kommen ins Fernsehen, zu Hannity, also zu einem erfolgreichen und trumpnahen Moderator. Das erinnert an die zwei Jungs, die Nixon entlarvten.

Im Herzen ist das, wie könnte es anders sein bei Damon Lindelof, eine vertrackte Geschichte, wie man sie aus der Antike kennt. Von elitären Göttern, die von gewöhnlichen Menschen heruntergemacht und angegriffen werden. Und die sich dafür rächen, mit all ihrer Potenz und ihrem Hochmut. Athena heißt die Frau an der Spitze, gespielt von Hilary (!) Swank. Man weiß, wie zynisch und gemein und unerbittlich die Götter in ihrer Rache sein können.

© SZ vom 07.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite