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"Nathan der Weise" in München:Haut euch nicht im Namen eures Gottes die Köpfe ein

Nathan der Weise

Szene aus dem Stück "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing, das unter der Regie von Christian Stückl am 24.01.2015 am Volkstheater München Premiere feierte.

(Foto: dpa)

Islam, Christentum, Judentum - welche Religion ist die richtige? Christian Stückl hat Lessings "Nathan der Weise" am Münchner Volkstheater inszeniert. Bei all den Glaubenskriegen in der Welt ist es das Stück der Stunde.

Von Christine Dössel

Ist sie das nun, die Islamisierung des Abendlandes? Im nachtblauen Halbdunkel der Bühne - wir befinden uns in einem gutbürgerlichen deutschen Stadttheater - rollen Moslems ihre Gebetsteppiche aus. Sie tragen Turbane und lange Gewänder, einige sehen mit ihren Kampfwesten wie Gotteskrieger aus. Andachtsvoll ziehen sie ihre Schuhe aus, knien langsam nieder - und dann beten sie gen Mekka.

Es ist dies eine bemerkenswerte, betont befremdende, ein bisschen auch bedrohliche Szene (man denkt unwillkürlich: Dürfen die das spielen? Das wird doch wohl hoffentlich keinen Ärger geben . . .). Eine Szene, die rein gar nichts Denunziatorisches, Satirisches, Überzogenes hat, sondern die, im Gegenteil, gerade durch ihren so würde- wie wirkungsvollen Ernst vom Fremdem, vom Anderen, von etwas vielleicht unüberbrückbar Höherem kündet.

Bei den betenden Muslimen im Münchner Volkstheater handelt es sich um Sultan Saladin und die Seinen. Sie sind in Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama "Nathan der Weise" die islamischen Vertreter im Wettstreit der drei großen monotheistischen Weltreligionen, den dieses "dramatische Gedicht" zu schlichten versucht. "Nathan der Weise", geschrieben 1779 mit dem Vernunftoptimismus der Aufklärung, ist Lessings humanistischer Appell an die Menschheit: Leute, haut euch nicht im Namen eures Gottes die Köpfe ein. Jeder bete nach seiner Fasson - und lebe friedvoll seine eigene Religion.

Lessing führt Absolutheitsanspruch jeder Religion ad absurdum

Es ist die berühmte "Ringparabel", genau in der Mitte des Dramas, mit der Lessing den Absolutheitsanspruch jeder Religion gleichnishaft ad absurdum führt. Der Sultan fragt Nathan in dieser zentralen Szene nach der "wahren" Religion, und dieser behilft sich mit einem Gleichnis. Er erzählt von einem Königreich im Osten, dessen Herrscherhaus seit Generationen im Besitz eines kostbaren Ringes ist, der die Eigenschaft hat "vor Gott und den Menschen angenehm zu machen". Dieser Ring wird vom amtierenden König jeweils an den Lieblingssohn weitergereicht.

Nun aber ist da ein Herrscher, der drei Söhne hat, die er alle gleich liebt. In seiner Entscheidungsnot lässt er zwei komplett identische Kopien von dem Ring anfertigen und übergibt sie bei seinem Tod den Söhnen. Unter denen bricht sofort ein Riesenstreit aus: Was ist das Original? Das Urteil spricht ein kluger Richter: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!", dann werde sich "der rechte Ring" schon erweisen - in ethischem Handeln, Nächstenliebe, praktizierter Humanität. Das ist Lessings Weisheit. Folgt am Ende des Dramas eine utopistische Zusammenführung der drei Weltreligionen unter einem Menschheitsfamiliendach: Alle sind irgendwie verwandt. We are family.

Uraufgeführt wurde "Nathan der Weise" erst 1783, da war Lessing schon zwei Jahre tot. Er hatte ohnehin nicht mit einer Bühnenkarriere des explizit als Argumentationsdrama konzipierten Stücks gerechnet, es mehr als Lesedrama betrachtet. Als solches ist es humanistische Pflicht- und Schullektüre geworden. Generationen von deutschen Schülern sind mit dem "Ringparabel"-Klassiker traktiert worden und verbinden damit nicht selten: Langeweile.

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