Süddeutsche Zeitung

"Nathan der Weise" in München:Haut euch nicht im Namen eures Gottes die Köpfe ein

Islam, Christentum, Judentum - welche Religion ist die richtige? Christian Stückl hat Lessings "Nathan der Weise" am Münchner Volkstheater inszeniert. Bei all den Glaubenskriegen in der Welt ist es das Stück der Stunde.

Von Christine Dössel

Ist sie das nun, die Islamisierung des Abendlandes? Im nachtblauen Halbdunkel der Bühne - wir befinden uns in einem gutbürgerlichen deutschen Stadttheater - rollen Moslems ihre Gebetsteppiche aus. Sie tragen Turbane und lange Gewänder, einige sehen mit ihren Kampfwesten wie Gotteskrieger aus. Andachtsvoll ziehen sie ihre Schuhe aus, knien langsam nieder - und dann beten sie gen Mekka.

Es ist dies eine bemerkenswerte, betont befremdende, ein bisschen auch bedrohliche Szene (man denkt unwillkürlich: Dürfen die das spielen? Das wird doch wohl hoffentlich keinen Ärger geben . . .). Eine Szene, die rein gar nichts Denunziatorisches, Satirisches, Überzogenes hat, sondern die, im Gegenteil, gerade durch ihren so würde- wie wirkungsvollen Ernst vom Fremdem, vom Anderen, von etwas vielleicht unüberbrückbar Höherem kündet.

Bei den betenden Muslimen im Münchner Volkstheater handelt es sich um Sultan Saladin und die Seinen. Sie sind in Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama "Nathan der Weise" die islamischen Vertreter im Wettstreit der drei großen monotheistischen Weltreligionen, den dieses "dramatische Gedicht" zu schlichten versucht. "Nathan der Weise", geschrieben 1779 mit dem Vernunftoptimismus der Aufklärung, ist Lessings humanistischer Appell an die Menschheit: Leute, haut euch nicht im Namen eures Gottes die Köpfe ein. Jeder bete nach seiner Fasson - und lebe friedvoll seine eigene Religion.

Lessing führt Absolutheitsanspruch jeder Religion ad absurdum

Es ist die berühmte "Ringparabel", genau in der Mitte des Dramas, mit der Lessing den Absolutheitsanspruch jeder Religion gleichnishaft ad absurdum führt. Der Sultan fragt Nathan in dieser zentralen Szene nach der "wahren" Religion, und dieser behilft sich mit einem Gleichnis. Er erzählt von einem Königreich im Osten, dessen Herrscherhaus seit Generationen im Besitz eines kostbaren Ringes ist, der die Eigenschaft hat "vor Gott und den Menschen angenehm zu machen". Dieser Ring wird vom amtierenden König jeweils an den Lieblingssohn weitergereicht.

Nun aber ist da ein Herrscher, der drei Söhne hat, die er alle gleich liebt. In seiner Entscheidungsnot lässt er zwei komplett identische Kopien von dem Ring anfertigen und übergibt sie bei seinem Tod den Söhnen. Unter denen bricht sofort ein Riesenstreit aus: Was ist das Original? Das Urteil spricht ein kluger Richter: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!", dann werde sich "der rechte Ring" schon erweisen - in ethischem Handeln, Nächstenliebe, praktizierter Humanität. Das ist Lessings Weisheit. Folgt am Ende des Dramas eine utopistische Zusammenführung der drei Weltreligionen unter einem Menschheitsfamiliendach: Alle sind irgendwie verwandt. We are family.

Uraufgeführt wurde "Nathan der Weise" erst 1783, da war Lessing schon zwei Jahre tot. Er hatte ohnehin nicht mit einer Bühnenkarriere des explizit als Argumentationsdrama konzipierten Stücks gerechnet, es mehr als Lesedrama betrachtet. Als solches ist es humanistische Pflicht- und Schullektüre geworden. Generationen von deutschen Schülern sind mit dem "Ringparabel"-Klassiker traktiert worden und verbinden damit nicht selten: Langeweile.

Das dürfte sich geändert haben. IS, Boko Haram, Pegida, die Anschläge auf Charlie Hebdo: In Anbetracht der politischen Weltlage, in der der Kampf der Religionen sich fatal verschärft und sich in menschenverachtendem Terror ebenso entlädt wie in dumpfen Ängsten und Vorurteilen, ist die Wiederbegegnung mit Lessings Toleranzparabel eine hochaktuelle, hochspannende Angelegenheit.

Der Volkstheater-Intendant Christian Stückl, als Leiter der Oberammergauer Passionsspiele so etwas wie ein Berufskatholik, kam auf den Text, als er letzten Sommer in Indien den heftigen Streit zwischen Hindus und Moslems erlebte. Während der Proben in den zurückliegenden Wochen haben sich die Ereignisse derart zugespitzt, dass "Nathan der Weise" als das Stück der Stunde erscheint. Das Interesse daran ist enorm. Schon vor der Premiere waren die kommenden zehn Vorstellungen ausverkauft. Und es lohnt sich tatsächlich, sich unter Stückls sensibler, respektvoll kluger Anleitung in Lessings aufgeklärte Gedankenwelt zu begeben. Und traurig zu merken: Wir waren schon mal viel weiter.

Stückl und sein hoch motiviertes multikulturelles Ensemble stellen sich mit Hirn und Herz in den Dienst des Stückes, da gibt es keine Moden und Mätzchen, keine krampfhaften Gags oder Zwangsaktualisierungen. Gezeigt, gespielt, intensiv durchdacht wird: der Text - der Text in seinem hoffnungsvollen Wünschen und Wollen, seinem kultivierten Reden und Überzeugen. Das Stück spielt im Jerusalem der Kreuzzüge. Dass Krieg herrscht, deuten eingangs flackernde Videobilder aus einem alten "Nathan"-Film an, ein Hauen und Stechen. Mit den Kostümen wiederum dockt die Inszenierung an die Gegenwart an. Die Szenerie ist karg, kaum Requisiten.

August Zirner sieht als Nathan wie Steven Spielberg aus

Stefan Hageneiers gewellter Bühnenboden erzeugt Weite, lässt an Wüste und Dünen denken. Subtil auch der Musikeinsatz von Tom Wörndl, da mischen sich Muezzin-Gesänge und Kirchenglocken. Der formidable August Zirner sieht als Nathan wie Steven Spielberg aus, trägt Blouson und Alltagshosen wie ein Regisseur am Set. Graues Wuschelhaar, Bart, Intellektuellenbrille - das ist kein "Weiser", kein Besserwisser, eher ein Skeptiker, ein Realist. Einer, der durch den Wind gegangen ist. Manchmal steht er da und schaut, als stünde er neben sich. Der denkt viel, dieser Mann. Aber das Denken macht ihn nicht bitter, nicht schwer, sondern leichtfüßig, federnd. Ein tänzelnder Nathan. Einer, der das Leben liebt. Trotz allem.

Vor allem liebt er seine Tochter Recha (Constanze Wächter), die gar nicht seine leibliche Tochter ist, sondern ein Christenmädchen. Nathan hat sie aufgezogen, obwohl die Christen seine Familie ausgelöscht haben. Statt Rachedurst eine gute Tat, die weiter wirkt und Kreise zieht - Lessings Ideal. Diesem entspricht auch der Tempelherr, der Recha, die vermeintliche Jüdin, aus dem Feuer gerettet hat. Ausgerechnet er, ein Ultra-Christ und Antisemit! Anfangs hadert er damit, will nicht wahrhaben, dass er das Mädchen liebt, gibt sich zackig, patzig, burschikos. Und wechselt dann doch auf die Seite der Liebe und Vernunft.

"Leckt mich doch alle am Arsch!"

Schön, wie Jakob Gessner das spielt, aufbrausend, zweifelnd, hin- und hergerissen. Wenn sich am Ende die Geliebte als Schwester herausstellt, ruft er genervt: "Leckt mich doch alle am Arsch!" Saladin, bei Pascal Fligg ein sorgenvoller, nachdenklicher Mensch von Kultur, fehlt es an Geld und an Wahrheit. Eine Wohltat, wie gepflegt er und Nathan miteinander umgehen.

Aber es gibt auch die "Fanatiker", wie Saladin sie nennt, die "Extremisten, die er "nicht mit allen Christen über einen Kamm scheren" will, das wäre "unpolitisch, kurzsichtig, stupid". Der Patriarch von Jerusalem ist so einer (Thomas Kylau hat einen grandiosen Auftritt als Schreckgespenst). Aber auch Saladins Bruder Memlek, der hier die Figur der Sittah ersetzt, ist ein Hardliner. Sohel Altan G. spielt ihn mit blitzender Schärfe als einen wirklich gefährlichen Mann. Seine Schergen schauen wie Dschihadisten aus. Ihm gehört das letzte Wort. "Na, Nathan", spottet er leise, "willst du der Welt nicht noch ein Märchen erzählen?" Dann geht er lachend ab. Zurück bleibt Nathan, alleine.

Im Hintergrund flackert schon wieder: Krieg.

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SZ vom 26.01.2015/fie
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