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"Narziss und Goldmund" im Kino:Irdische Gelüste sind nichts fürs Kloster

'Narziss und Goldmund'

Zwei unterschiedliche Männer, eine große Freundschaft: Sabin Tambrea als Narziss und Jannis Niewöhner als Goldmund.

(Foto: dpa)

Der österreichische Regisseur und Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky hat Hermann Hesses Erzählung "Narziss und Goldmund" aus dem Jahr 1930 verfilmt. Nur warum eigentlich?

Von Susan Vahabzadeh

Vom ersten Moment an hat Goldmund keinen auf der Welt, außer vielleicht Narziss. Der junge Novize steht dabei, als ein Mann einen kleinen Jungen vor dem Kloster abwirft, Goldmund, dessen Mutter nicht mehr da ist, und den er nicht mehr haben will. Die Mutter wird Goldmund sein Leben lang suchen, in Madonnenfiguren, in lebenden Frauen, in seinen Gedanken.

Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky, der vor zwölf Jahren den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekommen hat für "Die Fälscher", hat einen Klassiker für seinen neuen Film adaptiert, Hermann Hesses "Narziss und Goldmund". Die Geschichte folgt dem jungen Mönch und dem Kloster-Findling, die beste Freunde werden, zwei Menschen wie Yin und Yang. Der eine ein Asket, der das, was er am besten kann, nur hervorbringt, wenn er sich selbst quält; der andere ein Lebemann, dessen Kunst, die Bildhauerei, die Lust und die Liebe und den Exzess braucht. Nicht mal sesshaft will er werden auf seinen späteren Reisen, er bleibt ein Getriebener, während Narziss dem Kloster alles unterordnet. Man kann das lesen als Geschichte über die gegensätzlichen Aspekte einer Biografie, die das Schaffen befeuern, in sehr unterschiedlichen Menschen, oder in ein und derselben Person.

Es ist irgendwie eine Liebe auf den ersten Blick, ganz unschuldig zunächst, aber zutiefst empfunden von zwei Jungen, die keine richtige Bezugsperson haben. Diese Beziehung wird später, wenn auch nur von einer Seite, durchaus homoerotisch werden; das war schon in der Vorlage von Hermann Hesse so.

"Narziss und Goldmund" schildert überwiegend die Erlebnisse von Goldmund, der mit seinen sehr irdischen Gelüsten bald nicht mehr ins Kloster passt. Narziss wird Abt - und später, wenn sich Goldmund um Kopf und Kragen geliebt und gelebt hat, rettet er den alten Freund, den er so innig liebt, vor der Verfolgung durch einen betrogenen Ehemann. Ruzowitzky lässt das als Rahmenhandlung um Goldmunds Erinnerungen herumfließen, sodass Narziss fast genauso präsent ist. Sabin Tambrea spielt ihn als Erwachsenen, er hat beim Berliner Ensemble angefangen und war unter anderem als junger König "Ludwig II." zu sehen in Peter Sehrs letztem Film. Jannis Niewöhner, der in Marco Kreuzpaintners "Beat" dabei war - eine der ersten deutschen Amazon-Produktionen - spielt Goldmund. Und meist nimmt man ihnen das Mittelalter eigentlich ab, gerade weil Ruzowitzky sie einigermaßen natürlich agieren lässt. Wahrscheinlich waren zwei Jungs im Mittelalter eben gar nicht so viel anders als zwei Jungs es heute wären.

Hermann Hesse empfand Literaturverfilmungen als "Degradierung und Barbarei"

Die Burg Hardegg spielt das Kloster jedenfalls sehr gut, aber dafür ist sie ja auch eine echte Burg aus dem 12. Jahrhundert. Die mittelalterliche Klosterkulisse ist wahrscheinlich gar nicht so schwer herzustellen, die Burg in Niederösterreich sieht so ähnlich aus. Mariabronn heißt das Kloster im Film; und Hesse hat vielleicht das Evangelische Seminar Maulbronn bei seiner Ankunft als 14-Jähriger als ebenso aus der Zeit gefallen empfunden. Eine schöne Zeit war es nicht. "Unterm Rad" ließ Hesse dort spielen, ein begabter Student kann sich einfach nicht einordnen, denkt an Selbstmord, das war sehr nah dran an den Zuständen, die Hesse selbst in Maulbronn erlebte. Und später, 1955, schrieb er einen kleinen Text mit dem Titel "Ein Maulbronner Seminarist". Da geht es um einen Möchtegern-Dichter namens Alfred, der in derselben Stube wohnte wie einst sein Vorbild Hermann Hesse, sich aber nicht wehrte gegen die Auflagen der Eltern; im Dritten Reich wollte er dann aber ganz bestimmt nicht mitmachen und stirbt in einer Irrenanstalt.

Was nun Stefan Ruzowitzkys Verfilmung angeht, diese fremde Epoche lässt er ganz gut aufleben. Die Schauspieler, die ganze Atmosphäre, das geht alles in Ordnung. Aber es fehlt ein Quäntchen zusätzliche Inspiration, an dem man erkennen könnte, weshalb er eigentlich unbedingt dieses Buch, jetzt, verfilmen wollte. Da ist eine Geschichte über Freundschaft und Loyalität; eine weitere über unterschiedliche Ansätze der Kreativität, aber sehr deutlich wird sie nicht. Liebt er dieses Buch? Als Liebesdienst an Hesse wäre die Verfilmung nachgerade eine unerfüllbare Mission. Jede Hesse-Verfilmung steht vor der zusätzlichen Hürde, dass der Autor der Vorlage Literaturverfilmungen nun mal ablehnte.

"Eine Dichtung", schrieb er, "die rein mit den Mitteln der Dichtung arbeitet, rein mit der Sprache also, darf nach meiner Auffassung nicht als 'Stoff' verwendet werden und von einer anderen Kunst mit deren Mitteln ausgebeutet werden. Das ist, in jedem Falle, Degradierung und Barbarei." Mit anderen Worten: Je mehr "Narziss und Goldmund" in Bildern schwelgt, desto weniger hätte der Film Hesses Zustimmung gefunden. Die "Steppenwolf"-Verfilmung mit Max von Sydow als Harry Haller hätte ihm auch nicht gefallen. Aber irgendwie ist es ja auch so: Jede Verfilmung hilft der Literatur, mit mehr oder weniger Erfolg, gegen das Vergessenwerden. Hermann Hesse jedenfalls ist längst nicht mehr so in Mode wie in den Siebzigern und Achtzigern.

Die Geschichte vom Maulbronner Seminaristen lässt Hesse übrigens mit der Erklärung enden, warum er sie aufgeschrieben hat: Zu den Aufgaben des Dichters gehöre ja auch "das Bewahren und Erhalten und der Protest gegen Vergänglichkeit und Vergessenheit". Ganz ähnlich ist es bei Filmemachern auch.

Narziss und Goldmund, Deutschland 2020 - Regie und Drehbuch: Stefan Ruzowitzky, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse. Kamera: Benedict Neuenfels. Mit: Sabin Tambrea, Jannis Niewöhner, Emilia Schüle, Uwe Ochsenknecht, Jessica Schwarz, Matthias Habich, Georg Friedrich. Sony, 118 Minuten.

© SZ vom 16.03.2020

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