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Nachruf:Zum Tod von Herb Stempel

Herb Stempel, geboren 1926 in New York, wurde mit einem Skandal berühmt. Robert Redford verfilmte seine Geschichte 1994 in "Quiz Show".

(Foto: Getty images)

Als die Lüge begann: Er war der erste Champion der Quiz­shows - und ihr Whistle­blower.

Herb Stempel war schon fast vergessen, als Robert Redford 1994 den Skandal, mit dem er berühmt wurde, für seinen Film "Quiz Show" wieder ausgrub. Für Redford war der Moment Ende der Fünfzigerjahre, als Herb Stempel der ersten Ära des amerikanischen Fernsehens den Garaus machte, wegweisend für die Zukunft - eine Krise der Glaubwürdigkeit, vor allem aber ein Schlag gegen die Idee des amerikanischen Traums, gegen die Fantasie, die soziale Ungleichheit, die in den Jahrzehnten danach nur noch schlimmer wurde, sei nicht von vorneherein festgelegt. Außerdem war es, so Redford, eine Geschichte über Gier.

Herb Stempel, den in Redfords Film John Turturro spielte, stand exemplarisch dafür, dass schon vorher feststeht, wer Sieger sein darf.

Stempel, dicke Brille, schon in der Schule ein Überflieger, war ein unwahrscheinlicher Fernsehstar, aber sieben Wochen lang durfte er träumen. 1956 war das Fernsehen jung, die populärsten Sendungen waren Quizshows, es gab beachtliche Summen zu gewinnen, aber sie galten nicht als Glücksspiel. Herb Stempel, 29 Jahre alt, geboren in der Bronx, Mutter alleinerziehend, ausärmlichen Verhältnissen, Abschluss am City College in Queens, bewarb sich für eine Sendung namens "Twenty-One", die erst kurz zuvor gestartet war. Er wurde der erste Champion der Sendung, er gewann insgesamt 49 500 Dollar - dann kam die achte Folge. Welcher Film hat 1955 den Oscar gewonnen?Auf die Frage gab Stempel dann die falsche Antwort, "Die Faust im Nacken" murmelte er und stammelte, er könne sich nicht erinnern. "Marty" wäre die richtige Antwort gewesen. Stempel gab auf, Charles van Doren gewann, der zu einem richtigen Star stilisiert wurde - wohlhabende Eltern, Lehrauftrag an der Columbia University, ein gut aussehender Golden Boy, ein amerikanischer Siegertyp.

Danach hätte sich Stempel nach Queens zurückziehen sollen, das Publikum hätte nie wieder von ihm hören sollen. Stattdessen wurde er ein früher Whistleblower, erzählte Journalisten, dass alles abgekartet und gespielt war: das Stammeln, die richtigen Antworten, die falschen Antworten - nicht einmal der schlecht sitzende Anzug war sein eigener gewesen. Das Gleiche galt natürlich auch für Charles Van Doren.

Das amerikanische Fernsehen hatte seinen ersten Skandal, sogar der Kongress schaltete sich ein. Herb Stempel war sein Geld bald wieder los, er wurde Lehrer in New York, als wäre nichts geschehen; der amerikanische Traum aber erholte sich nie wieder. Wie jetzt bekannt wurde, ist Herb Stempel am 7. April im Alter von 93 Jahren gestorben.

© SZ vom 02.06.2020

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