Nachruf Wladimir Woinowitsch ist tot

Der regimekritische russische Schriftsteller und Satiriker Wladimir Woinowitsch (1932 – 2018) ging 1980 ins Exil nach München.

(Foto: imago/Sergienko)

Mit seinen Satiren auf die Sowjetmacht eckte der Schriftsteller an.

Von Frank Nienhuysen

Sein größter Romanheld war ein Rotarmist im letzten Dienstjahr, abkommandiert zur Kolchose "Rote Ähre", um im Sommer 1941 ein kleines abgestürztes Flugzeug zu bewachen. Und Iwan Tschonkin tat, wie ihm befohlen war, "ein kleiner, krummbeiniger Bursche in einer zerknitterten Uniformbluse, stand mit auf die großen roten Ohren geschobenem Käppi und herabrutschenden Wickelgamaschen vor Hauptfeldwebel Pesskow stramm und blickte diesen aus entzündeten Augen verschreckt an."

Tschonkins Schöpfer, der Schriftsteller Wladimir Woinowitsch, ließ den tollpatschigen Kauz im Roman von seinen Vorgesetzten jedoch in Vergessenheit geraten - und dann hinein in die Wirren des Weltkriegs. Tschonkin hielt ungewollt und allein ein ganzes sowjetisches Regiment in Schach - eine Persiflage auf die heiligen Säulen der Sowjetmacht: Armee, Partei, Geheimdienst. Der SZ sagte Woinowitsch einmal kokett, eine Karikatur des Systems sei nicht von vorherein seine Absicht gewesen, "erst als ich so etwa 50 Seiten geschrieben hatte, dachte ich mir: Das wird wohl niemand veröffentlichen."

Woinowitsch hatte "Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin" mitten im Kalten Krieg geschrieben, und wer solch einen antisozialistischen Protagonisten erfand in jener Zeit, bekam natürlich Ärger. Der Autor, der Anfang der Sechzigerjahre mit seiner Kosmonautenhymne noch dem Zeitgeist der Moskauer Supermachtstrategen entsprochen hatte, eckte zunehmend an. "Tschonkin" wurde im westlichen Ausland gedruckt, daheim aber kursierten die satirischen Abenteuer nur illegal im Samisdat, im Selbstverlag. Wegen "Parasitentums" schloss ihn der sowjetische Schriftstellerverband 1974 aus, das Land musste der Künstler 1980 verlassen. Woinowitsch zog nach München und schaute eben von dort aus mit kritischem Dissidentenblick in die versperrte Heimat. Im Exil entstand 1987 sein Roman "Moskau 2042", eine Karikatur des verrotteten sowjetischen Systems, das Geschehen nur eben weit in die Zukunft verpflanzt.

Schon kurz darauf änderte sich für Woinowitsch alles. Die Sowjetunion zerbrach, er durfte wieder Moskau besuchen, er durfte gedruckt werden, der Schriftstellerverband nahm ihn wieder auf. Er kehrte zurück nach Russland, zumindest pendelnd. Für den Roman "Aglaja Rewkinas letzte Liebe" erhielt Woinowitsch sogar den Staatspreis für Literatur. Er hatte nun eine Stimme in seiner Heimat. Und er erhob sie.

Woinowitsch wurde zum Kritiker von Wladimir Putins "gelenkter Demokratie", in der die Gewaltenteilung sich "als reine Dekoration" erweise und die "oppositionellen" Parteien selber nicht wüssten, "worin ihre Opposition besteht", wie er in einem Gastbeitrag für die SZ vor drei Jahren schrieb. Bis zuletzt äußerte er sich kritisch, über die Annexion der Krim, die Haft für den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow, zuletzt auch über die Rentenreform. Am Wochenende ist Wladimir Woinowitsch im Alter von 85 Jahren an einem Herzanfall gestorben. "Sein Schaffen war immer ein Schnitt der Wirklichkeit", sagte Russlands Kulturminister Wladimir Medinskij, "meisterhaft vermittelt mit einer lebendigen und unterhaltsamen Sprache." Am Montag wurde Woinowitsch in Moskau beigesetzt.