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Nachruf:Verschollenes Genie

Stilles Vorbild für Generationen: Peter Green.

(Foto: imago images/BRIGANI-ART)

Der Bluesgitarrist und Gründer von "Fleetwood Mac" Peter Green ist gestorben, der nach einem Besuch in München für eine Zeit den Verstand verlor.

Von Thomas Steinfeld

Zum Blues gehört, mehr als die wunderbaren Begegnung und der erlösende Augenblick, die Vorstellung vom Leben als Leidensweg. An seinem Rand liegen die vielen Musiker, die früh und oft in Armut starben, Robert Johnson zum Beispiel oder Blind Willie Johnson. Zahllos sind die Geschichten der Sänger, die, getrieben vom Alkohol oder von anderen Drogen, zumindest vorübergehend in der Psychiatrie landeten. "When the blues creep on you and carry your mind away", klagte Leroy Carr, "wenn der Blues dich überwältigt und deinen Verstand mit sich nimmt". Zum Blues gehören der Fluch, die verpfändete Seele und das eine, mit magischen Fähigkeiten ausgestattete Instrument. Und diese Metaphysik blieb erhalten, als weiße Musiker in den Sechzigern den Blues elektrifizierten und als ihr musikalisches Idiom übernahmen, zuerst in Großbritannien, dann auch in den Vereinigten Staaten.

Peter Green (Greenbaum), der Sohn eines jüdischen Briefträgers aus dem Osten Londons, hatte eine Schlachterlehre abgebrochen, bevor er mit fünfzehn Jahren begann, in Bands zu spielen, zuerst am Bass, dann an der Gitarre. Er war achtzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal mit John Mayall in dessen Band The Bluesbreakers spielte, in Vertretung des "göttlichen" Eric Clapton, dessen Posten er bald fest übernahm. Im Jahr 1967 war er zwanzig. Damals gründete er, mit Mick Fleetwood am Schlagzeug, Peter Green's Fleetwood Mac, eine Band, an die man sich heute hauptsächlich erinnert, weil sie, mit verkürztem Namen, in den späten Siebzigern zu einer Großmacht des Pop wurde. In den Anfängen indessen war Fleetwood Mac eine Bluesband gewesen, sehr britisch, zu Zeiten beliebter als die Rolling Stones und fest einem schwarzen musikalischen Erbe verpflichtet. Fünf Alben nahm Peter Green, der schüchterne Frontman, mit dieser Gruppe auf. Sie enthielten mehrere Lieder, die bis heute im Repertoire des Classic Rock zirkulieren, allen voran "Albatross", die Ballade, in der eine gänzlich unverzerrte Gitarre über einem "ternär" angelegten Bass dahinsegelt, aber auch Stücke wie das stampfende "Oh Well" und das seit der Aufnahme durch Carlos Santana allseits unvermeidliche "Black Magic Woman".

Die Rolle des charismatischen Vorsängers hatte Peter Green nie gelegen

Gäbe es einen Song, der mehr als alle anderen Kompositionen für Peter Green stünde, so wäre es "Man of the World" (1969), das Klagelied eines verzweifelten Mannes, der alles hat, dem aber offenbar nicht nur die Frau fürs Leben fehlt. Warum Peter Green von vielen Gitarristen bewundert wird, damals wie heute, ist in dieser Ballade in D-Dur deutlich zu hören: sein zurückgenommenes, sauberes und melodisch einfallsreiches Spiel, eine weiche, auch bei gezogenen Tönen präzise Intonation und, vor allem, sehr viel Gefühl. "I just wish that I'ld never been born", lautet die dramatischste Zeile des Textes, "Ich wünschte, ich wäre nie geboren". Es dauerte danach nicht mehr lange, bis Peter Green die Gruppe verließ und einige Zeit lang gar keine Musik mehr machte und die Gitarre, eine Gibson Les Paul, bei deren Tonabnehmern die Polung vertauscht worden war, seinem Freund Gary Moore vermachte. In den folgenden Jahrzehnten lebte er als Legende fort, mit gelegentlichen, manchmal beinahe gelungenen, manchmal erratischen Auftritten, die seinen Ruf als verloren gegangenes Genie nur festigten. "Man of the World" lautet passenderweise auch der Titel eines Dokumentarfilms, den die BBC im Jahr 2009 veröffentlichte.

Die Rolle des charismatischen Vorsängers hatte Peter Green nie gelegen. Bei Auftritten ging er gern an die Seite. Einen großen Teil seiner Honorare verschenkte er. Zum Verhängnis soll ihm indessen ein Aufenthalt in München im März 1970 geworden sein, in dessen Verlauf er Gast einer von Uschi Obermaier und Rainer Langhans betriebenen Kommune war. Die dort verabreichten Drogen sollen dafür gesorgt haben, dass Peter Green von seinem Verstand verlassen wurde, für viele Jahre. Nach den Konzerten in München nahm er noch ein Lied mit Fleetwood Mac auf. Es trägt den Titel "The Green Manalishi" und erzählt von einer Begegnung mit dem Teufel. Im Dokumentarfilm sieht man einen rundlichen älteren Herren von großer Bescheidenheit, der mit sich selbst im Reinen zu sein scheint.

Im Februar dieses Jahres veranstaltete Mick Fleetwood im Londoner Palladium ein Konzert, das der Erinnerung an Peter Green gewidmet war. David Gilmour, John Mayall, Bill Wyman und Kirk Hammett waren dabei. Der Gefeierte aber saß nicht einmal im Publikum. Peter Green starb am vergangenen Sonntag, im Alter von 73 Jahren.

© SZ vom 27.07.2020
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