Nachruf Unerhörte Ereignisse

Ernst Schulin hat maßgebliche Werke über deutsche, englische und französische Geschichte geschrieben - und war ein großer Geschichtsdenker.

Von Gustav Seibt

Als Ernst Schulin rechtzeitig zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution eine bemerkenswert knappe und erstaunlich umfassende Darstellung vorlegte, fing er nicht von vorne an. Er begann mit dem Nachleben der Revolution in einer Geschichtsschreibung, die ihr Bild vielfarbig schwanken ließ. Dann folgte fanfarenhaft das sich überstürzende Geschehen der Jahre 1788 bis 1792. Und dann die große Verlangsamung: "Zur Vorgeschichte der Revolution", eine systematische Prüfung der lang- und mittelfristigen Voraussetzungen: Soziales, Ökonomie, Verfassungs- und Geistesgeschichte.

Was für ein raffinierter Aufbau! Wir sind Erben von Bildern. Wir lassen uns von einem verwickelten Geschehen überraschen. Erst danach suchen wir nach Ursachen. Nicht Strukturen bringen Ereignisse zwangsläufig hervor, sondern unerhörte, nie geahnte Ereignisse verlangen gebieterisch nach Erklärungen. In so einer Erzählfolge verschlingen sich Zufall und Notwendigkeit so offen auflösbar, dass immer eine andere Gedankenmöglichkeit in Sichtweite bleibt. So zitierte Schulin Sozialdiagnosen vom Vorabend der Revolution, die Bilder der Krise zeichnen und zugleich versichern, ein Aufstand sei völlig ausgeschlossen. Schulins großes Vorbild Jacob Burckhardt sprach von der "Verblüffung", die der Auftritt der Massen in der Revolution auslöste. Schulin suchte nach solchen Verblüffungsmomenten und war darum auch ein Historiker der Historiografie.

Damit hatte er sogar begonnen, mit einer Dissertation zur "Weltgeschichtlichen Erfassung des Orients bei Hegel und Ranke" - ein Kernproblem des europäischen Selbstverständnisses, dessen Tragweite erst heute ins allgemeine Bewusstsein dringt. 1999 wurde die Arbeit von 1956 ins Englische übersetzt. Schulin kam aus der Schule der Göttinger Nachkriegshistorie, seine Lehrer waren Hans Heinrich Schaeder, der Doktorvater von Arno Borst, die Mediävisten Percy Ernst Schramm und Hermann Heimpel. Von ihnen lernte er die späthistoristische Doppelgleisigkeit von Geschichtsschreibung und Reflexion darüber, die in seinem Buch zur Revolution 1988 formbildend wurde.

Schulin besaß als Kenner auch der englischen und französischen Geschichte den unbefangenen Blick, der ihn eine erstrangige Tatsache der deutschen Geschichte entdecken ließ: Sie brachte keine kanonische Erzählung von sich hervor. Diesem Rätsel spürte Schulin nach, als er die Fragmente seines Lehrers Heimpel zu einer deutschen Geschichte 1998 für die Heidelberger Akademie edierte. Heimpel hatte einen kühnen Neuansatz versucht, indem er Zeit verräumlichte und die Epochen nach Orten wie "Aachen" oder "Weimar" anordnete - heute spricht man von Erinnerungsorten.

Schulin erkannte darin die Selbstkritik eines Nationalgedankens, der allzu sehr auf Volk, Staat und Erbfeindschaften gesetzt hatte - das war fruchtbarer als die moralischen Abfertigungen Heimpels als Ex-Nationalsozialist. Dabei bekannte Schulin bei aller Dankbarkeit für seine eigenen Lehrer, dass er die Historiker der Emigration für die vertrauenswürdigeren Meister gehalten habe - mit solchen Ambivalenzen brillierte er in der Kardinaltugend der Historiker, der Gerechtigkeit.

Umso schwerer wog 1991 eine mit ruhiger Fassungslosigkeit formulierte Rezension von Ernst Noltes Hauptwerk zum Geschichtsdenken des 20. Jahrhunderts. Er referierte Noltes Idee, Hitler sei "auf höherer Ebene" ein "glückloser Verteidiger der europäischen Vielfalt" gewesen, und die geschmacklose Formulierung von Israel als "dem einzigen Staat nach dem Herzen Hitlers", nicht ohne hinzuzufügen: "Ich habe den Gedankengang verkürzen müssen, versichere aber, dass er in Noltes Text noch unglaublicher klingt."

Das Werk Ernst Schulins, der am 13. Februar im Alter von 87 Jahren in Freiburg im Breisgau verstorben ist, ist verzweigt und großartig. Eine Rathenau-Biografie gehört dazu und ein Buch über Karl V. Solche Themen- und Gedankenfülle wird man so schnell nicht wiedersehen.