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Nachruf:Tunnelblick auf das Böse

Zufriedener Fatalist: William Gass 2011 vor seinem Haus.

(Foto: jhl)

Der US-Schriftsteller William Gass ist gestorben. Er gehörte zu den postmodernen Autoren Amerikas, liebte die Form- und Gattungsexperimente.

Von Jörg Häntzschel

Man kann nicht behaupten, dass William Gass einem große Lust gemacht hat, ihn kennenzulernen. Für seine Schriftstellerkollegen hatte er nur Verachtung übrig. Hoffnung und Glaube an das Gute hielt er für naiv und gefährlich. Gott? "Ein Krimineller." Die Künste? "Haben noch nie jemandem genützt." Ganz zu schweigen von den Büchern, allen voran "Der Tunnel". Gass bekniete den Verlag, es in Fraktur zu setzen. "Es sollte aussehen wie Stacheldraht."

Dass sich auch ohne typografische Abschreckung nur wenige an dieses Ungeheuer eines Romans wagten, war Gass nur recht: "Ich siebe die Furchtsamen aus. Ich habe vielen Leuten viel Zeit gespart." Nur sich selbst nicht. 26 Jahre lang hatte er an diesem Großwerk geschrieben, bis es 1995 endlich fertig war. (Die deutsche Übersetzung dauerte weitere 16 Jahre).

Beklommen klingelte man an also an der Tür seines Hauses in St. Louis, in der sicheren Erwartung, gescholten und heruntergeputzt zu werden; hoffend, die Lawine aus Verbitterung und Hochmut, die einen jetzt träfe, spülte einen auch bald wieder auf die Straße. - Nur um dann von einem der sanftesten und liebenswürdigsten Menschen hereingebeten zu werden.

William Gass war mit dem Unheil des 20. Jahrhunderts vollgesogen wie ein Schwamm. Geboren wurde der amerikanische Schriftsteller 1924 in Fargo, North Dakota, als Sohn eines gewalttätigen und rassistischen Vaters und einer trinkenden Mutter. Später zogen sie nach Ohio, doch dort war es auch nicht besser. Er sah die amerikanischen "Braunhemden" und den Ku-Klux-Klan, die Armen, die während der Great Depression um Brot anstanden - und flüchtete sich in die Bücher. Doch kaum hatte er es gegen den Widerstand seiner Eltern an die Universität geschafft, wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, seine schlimmsten Jahre. Nach seinem Studium - unter anderem bei Ludwig Wittgenstein - wurde er 1969 Philosophieprofessor.

Doch bekannt wurde Gass in den späten Sechzigern für seine literarische Arbeit: für Kurzgeschichten, für den Roman "Omensetter's Luck" und für "Willie Masters' Lonesome Wife", eine "Essay-Novelle". Von da an rechnete man Gass den Postmodernen zu, Autoren wie William Gaddis und Thomas Pynchon, die damals gerade den amerikanischen Roman neu erfanden. Wie diese liebte Gass selbstreferenzielle Spiele, Form-und Gattungsexperimente. Er durchsetzte seine Texte mit Grafik oder ließ sie in Typografie aufgehen. "Willie Masters' Lonesome Wife" wurde sogar auf unterschiedlichen Papiersorten gedruckt.

Doch während seine Kollegen ihre frühen Erfolge in solide Karrieren münden ließen, vergrub Gass sich zweieinhalb Jahrzehnte lang in seinen "Tunnel", den 700-seitigen Monolog des Historikers, Nazi-Sympathisanten und Allround-Widerlings William Frederick Kohler, vermutlich eine der abstoßendsten Romanhelden der Literaturgeschichte. Dessen fiktive Studie "Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland" ist vollendet, nur das Vorwort fehlt noch. Über der Aufgabe, diese paar Seiten zu schreiben, bohrt sich Kohler nun immer tiefer ins Herz der eigenen Dunkelheit.

"Der Tunnel" ist kein Buch über Deutschland, auch keines über Amerika, sondern eines über die universale Bosheit des Menschen, von der Gass überzeugt war und der wir, so glaubte er, viel zu selten ins Auge sehen: "Meistens konzentrieren wir uns auf die Opfer. Die Geschichte des Schurken wird entweder gar nicht erzählt, oder sie wird romantisiert. Ich wollte aus der Sicht des Schurken schreiben, aber ohne ihn zum Opfer zu stilisieren."

Ihm ist das erstaunlicherweise gelungen, ohne darüber selbst boshaft oder bitter zu werden. Am Mittwoch ist Gass im Alter von 93 Jahren in St. Louis gestorben.

© SZ vom 09.12.2017
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