Zum Tod von Nino Cerruti:Wahre Eleganz

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Zum Tod von Nino Cerruti: Mode ist ein Denkprozess: Der Unternehmer und studierte Philosoph Nino Cerruti 1985 bei der Eröffnung seiner Boutique in Nizza.

Mode ist ein Denkprozess: Der Unternehmer und studierte Philosoph Nino Cerruti 1985 bei der Eröffnung seiner Boutique in Nizza.

(Foto: Ralph Gatti/AFP)

Er galt als Vorreiter einer eleganten Herrenmode der Sechziger Jahre: Der Modedesigner und Armani-Lehrer Nino Cerruti ist gestorben. Ein Nachruf.

Von Julia Werner

Richard Gere trug in Pretty Woman Cerruti. Jack Nicholson in Die Hexen von Eastwick auch. Und in American Psycho flippt der Investment-Banker Patrick Bateman in der Reinigung aus, weil die Mitarbeiterin seinen "Cerruti" bleichen will. Niemand hat bekanntlich weniger Stil als durchgeknallte Finanztypen mit Geld, aber sie sind nicht unschuldig daran, dass italienische Eleganz zu einem popkulturellen Statussymbol umgedeutet worden ist. Alle glauben, sie könnten das auch. Bis sie über den Brenner fahren und sich schlecht angezogen fühlen. Diese elegante Lässigkeit lässt sich nicht in Worte fassen und den Nichtitaliener in einem Gefühl unüberwindbarer Grobschlächtigkeit zurück. Die weitverbreitete Meinung ist leider, dass der etravagante Gianni Agnelli diese Lässigkeit erfunden hat. Dabei muss man das Nino Cerruti zuschreiben, um den es in den letzten Jahren still geworden war, auch, weil er seine Marke längst verkauft hatte. Wahre Eleganz ist nun mal leise.

Man muss die Stilregeln beherrschen, um sie zu brechen

Giorgio Armani, der bis heute als Erfinder des dekonstruierten Herrenanzugs gilt, sagt, er habe in Sachen Softness alles von Nino Cerruti gelernt. Und in der Tat, alles, was die Bewegung einschränkte, physisch und gedanklich, war diesem Stofffabrikanten aus Biella ein Graus. Mit gerade mal 20 Jahren musste er das Erbe seines Vaters antreten und dafür sein Studium der Philosophie abbrechen. Daraus machte er, der 1955 das Debattenmagazin L`Espresso mitbegründete, kein Drama. Auch Mode ist ein Denkprozess. Wenn sie gut ist, antizipiert sie gesellschaftliche Entwicklungen. Also antizipierte er. Mit seinem Label "Hitman" erfand er 1956 die Prèt-à-Porter für Herren, also den guten Anzug von der Stange. 1965 eröffnete er eine - von Vico Magistretti entworfene - Boutique, pardon, Markenwelt in Paris, mit dem Namen "Cerruti 1881". Dort lancierte er Damenmode, als erster Designer mit Fokus auf Hosen. Und das zu einer Zeit, in der in Paris in vielen Restaurants Frauen in ebenjenen der Eintritt verwehrt wurde. Die hochbetagte Coco Chanel wurde Fan, aber Nino Cerruti war keine dieser Designerfiguren mit Monster-Ego, eher Teamplayer. Neben Armani gehen die Karrieren von der ehemaligen Hermès-Designerin Véronique Nichanian, die er mit 19 Jahren entdeckte, oder von Narciso Rodriguez auf seine Kappe. Den engagierte er 1995. Ein Jahr später wurde er mit Caroline Bessette-Kennedys schlicht umwerfendem Hochzeitskleid berühmt.

Zum Tod von Nino Cerruti: Der Mann, der die Stars anzog: Nino Cerruti mit Catherine Deneuve (Mitte) und Fanny Ardant in Paris.

Der Mann, der die Stars anzog: Nino Cerruti mit Catherine Deneuve (Mitte) und Fanny Ardant in Paris.

(Foto: JACK GUEZ/AFP/AFP)

Natürlich war dieser Unternehmersohn aus Biella auch ein ausgezeichneter Stratege. Er globalisierte seine Marke früh mit Parfum- und Lizenzverträgen in Übersee. Heute ist das normal, allerdings ist das Geschäft mit der Mode ein brutaler Kampf geworden. "Die Suche von poetischen Designern nach Sensibilität, nach mehr Freiheit wird massakriert. Meine Zeit war romantisch, heute ist alles nur noch Business", sagte er 2016 in einem Playboy-Interview.

Die Ausstellung "Signor Nino" 2015 in Florenz nähert sich seiner Bedeutung für die italienische Mode über seine persönliche Garderobe. Dekonstruierte Jacken mit buntem Innenfutter. Ein weißer Einreiher mit angedeutetem Nadelstreifen. Ein löchriges Jackett, jede Menge unorthodoxe Farbkombinationen. Es sind eben genau diese feinen Asymmetrien und Fehlermeldungen, die italienische Eleganz ausmachen. "Mode ist Gleichgewicht, mit einem Schuss Theater", das war sein Lieblings-Bonmot. Ein schwarzes T-Shirt unter einem weißen Hemd: Man muss die Stilregeln beherrschen, aber sie nicht zu brechen, wäre American Psycho. Das ist das Vermächtnis von Nino Cerruti und der Grund, warum Wildledermokassins an bleichen, reichen Münchner Füßen eben noch keinen gentiluomo machen. "Luxus ist kein Klassismus", sagte er einmal. Es sei ihm in seinen Anfängen um den Respekt von Qualität gegangen. "Er war nicht nur für Leute da, die Geld ausgeben konnten. Sondern für Leute, die eine Idee verstanden."

Nino Cerruti starb am Samstag im Alter von 91 Jahren in Vercelli, wo er sich einer Hüftoperation unterzogen hatte, während der gerade laufenden Männermodenschauen.

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