Nachruf Enno Patalas

Sein Lieblingsplatz: Enno Patalas am Schneidetisch im Münchner Filmmuseum.

(Foto: Regina Schmeken/Sueddeutsche Zeitung Photo)

Er hat das Filmmuseum München zum international bedeutenden Player unter den Kinematheken gemacht, mit großen Restaurierungen, von Murnaus "Nosferatu" oder Fritz Langs "Metropolis". Am Dienstag ist Enno Patalas im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Fritz Göttler

Auf große, vertrackte Deals hat er sich verstanden, das war sein Metier als Direktor des Münchner Filmmuseums in den Siebzigern und Achtzigern, und gern hat er seinem Publikum darüber berichtet vor Beginn einer Vorführung. Wie er eine Kopie von "Kriemhilds Rache", Teil zwo von Fritz Langs "Nibelungen", aus dem Moskauer Filmarchiv bekommen hatte und den Russen dafür ein paar Bondfilme schickte, die sie nicht selber kaufen durften.

Auf deutschen Stummfilm hat sich Enno Patalas konzentriert und damit eine große Sammlung aufgebaut, Murnau, Lang, Lubitsch, von denen es erstaunlich wenige Kopien in den deutschen Archiven gab, und nur wenige gute. Er hat in jahrelanger Arbeit "Nosferatu" restauriert, "Metropolis" und die "Nibelungen". Er war bestens vernetzt, international, mit den europäischen Kinematheksleitern, auch mit den jungen deutschen Filmemachern, die eine zweite Abteilung der Sammlung bestückten, Wenders, Schlöndorff, Herzog, Kluge, Achternbusch (der jahrelang bei ihm in den 18-Uhr-Vorstellungen saß). Mit Leni Riefenstahl machte er einen Deal, dass er ihre Filme zeigen durfte im Filmmuseum.

In seinem Programm zog er großflächig durch die Kinogeschichte, Horror und Film noir, Zweiter Weltkrieg und ethnologisches Kino, Nouvelle Vague, Ozu Yasujiro und John Ford, Marcel Pagnol und Leo McCarey, amerikanische Experimente und Jean-Marie Straub & Danièle Huillet. Es war nicht immer einfach, in seiner Mannschaft zu arbeiten, bei seiner Leidenschaft fürs Kino, der Besessenheit fürs Detail, all den autokratischen Selbermacher-Qualitäten, die er anfangs entwickeln musste - mit denen er das Filmmuseum (das eigentlich gar keine selbständige Institution, sondern eine Abteilung des Stadtmuseums ist) zu einem wichtigen Player machte in der FIAF, dem internationalen Kinemathekenverband.

Enno Patalas war Museumschef mit Leib und Seele. Geboren ist er 1929 in Quakenbrück, er studierte Publizistik und Germanistik in Münster, war Mitgründer der Zeitschrift Filmkritik und lange ihr Chefredakteur, brachte politische und soziologische Impulse in die Filmkritik. Als dann Adorno im Diskurs allmählich ersetzt wurde durch Walter Benjamin, gab es Widerstand und Rebellion, Patalas ging. Mit seiner Frau, der Kritikerin Frieda Grafe, übersetzte er viel aus dem Französischen, Godard und Rohmer, Buñuel und Almodóvar. Der große Coup war das legendäre Hitchcock-Buch von François Truffaut, das heute omnipräsent ist in allen möglichen und unmöglichen Kontexten. Viele Verlage klapperten die beiden vergeblich ab, um das Buch anzubringen, schließlich wäre Truffaut auch bereit gewesen, ihnen die Rechte zu geben, um das Buch selber herauszubringen ... "Damit wären wir reiche Leute geworden."

Es war harte Arbeit damals, das Kino als Medium selbstverständlich zu machen, seine Position zwischen Kommerz und Kunst. Enno Patalas machte diese Arbeit über Jahrzehnte, ohne das Kino an die Eventkultur zu verkaufen, die heute herrscht. Es war ein dialektisches Arbeiten mit der Zeit - Filme restaurieren, Kopien unermüdlich immer weiter verbessern, niemals die Hoffnung verlieren und einen Film verloren geben: "das Durchspielen verschiedener Möglichkeiten, sie nacheinander auszuscheiden, eine noch unverbrauchte zu finden ...". Variation, Serialisierung, Lernprozesse - das Grundmuster hat er von Lubitsch, einem seiner Lieblingsregisseure. Eine Szene aus der "Austernprinzessin": "Der Abgesandte von Prinz Nuki, der, um die Wartezeit beim Austernkönig zu überbrücken, die Linien des Sternornaments auf dem Fußboden entlang hüpft, so lange bis alle Möglichkeiten erschöpft sind." Am Dienstag ist Enno Patalas im Alter von 88 Jahren in München gestorben.