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Nachruf:Drei Schritte voraus

DIE AUßENSEITERBANDE - Die Aussenseiterbande Bande à part Au-pair Mädchen Odile (ANNA KARINA) wird in einen Diebstahl v

Anna Karina 1964 als Hausmädchen Odile in „Die Außenseiterbande / Bande à part“ von Jean-Luc Godard.

(Foto: imago images/United Archives)

Anna Karina ist tot. Die dänische Schauspielerin wurde zum Gesicht der Pariser Nouvelle Vague, besonders mit ihren sieben Filmen für Jean-Luc Godard, der auch für ein paar Jahre ihr Ehemann war - darunter "Eine Frau ist eine Frau", "Die Geschichte der Nana S." oder "Elf Uhr nachts".

Von Fritz Göttler

Sie war die Geburtshelferin der Pariser Nouvelle Vague, sie hat den Jungs auf die Sprünge geholfen, die eben ihre Kritiker-Schreibtische verließen und auf die Straßen stürmten, um dort ihre eigenen Filme zu drehen, wie sie es beim Filmesehen gelernt hatten: Jacques Rivette, François Truffaut und an der Spitze Jean-Luc Godard.

Der hatte sie in Werbespots für Cardin, Coco Chanel und Palmolive gesehen, im Schaumbad, und wollte sie für seinen ersten langen Film haben, "Außer Atem/A bout de souffle", und zwar nackt. Anna Karina, geboren im dänischen Solbjerg, am 22. September 1940, aber wollte nicht: "In dem Spot habe ich doch einen Badeanzug an", sagte sie zu Godard. "Nackt hast du mich nur in deiner Fantasie gesehen."

Kurz danach fanden sie dann doch zusammen, und mit "Une femme erst une femme/Eine Frau ist eine Frau" erregten sie Aufsehen, einem ersten spielerischen Versuch über die zwei oder drei Dinge, die man über eine Frau wissen könnte. Anna Karina hat bei der Berlinale einen Bären für die Rolle bekommen. Sieben Filme haben die beiden zusammen gemacht und eine Episode, von 1961 bis 1965 waren sie verheiratet.

Die reine Anarchie herrscht in "Die Außenseiterbande" von Jean-Luc Godard

Die Filme wechseln dabei zwischen strengen, traurig-verhaltenen Etüden und bunter Emotion. "Vivre sa vie /Die Geschichte der Nana S." führt lehrstückhaft streng das Leben einer Prostituierten vor, die sich mithilfe von Statistiken und Gesprächen mit einem Philosophen ihre Situation klar machen will. "Alphaville" ist eine düstere Science Fiction-Vision aus dem nasskalten, lieb- und lichterlosen Paris, mit Eddie Constantine als Privatdetektiv Lemmy Caution. Der Super-Computer Alpha 60 regiert die Stadt.

Die reine Anarchie herrscht dagegen in "Die Außenseiterbande /Bande à part", und sie kommt ganz spontan zum Ausdruck in der berühmten Szene im Café. Anna Karina, in schwarz und mit Pferdeschwanz, versucht ihrem Freund Claude Brasseur mit den Fingern ein paar Tanzschritte zu erklären, schließlich schieben sie die Tische weg, ein weiterer Freund kommt dazu, Sami Frey, er setzt Anna seinen schwarzen Hut auf, und gemeinsam fangen sie an, die Schritte in Wirklichkeit zu tanzen, zwei zur einen, zwei zur anderen Seiten, mit den Fingern schnipsen, mit den Händen klatschen. Eine Freiheit wird spürbar, eine Zukunft, ein Glück.

Godard selbst hat diese Freiheit womöglich nie selber spüren können, er war ein Anarchist, aber irgendwie auch verklemmt. Die alten gesellschaftlichen Muster waren auch in dieser Beziehung virulent. Karina spricht manchmal im Zusammenhang mit ihm von Pygmalion, nennt sich seine Eliza Doolittle. Manchmal, erinnert sie sich, ging er los, um Zigaretten zu holen, und kam erst nach Wochen zurück. Man wusste nicht, wo er war, vielleicht hatte er Ingmar Bergman besucht oder William Faulkner in Hollywood oder Roberto Rossellini in Italien.

Das Kino, hat Frieda Grafe geschrieben, zu "Le Mépris / Die Verachtung", ist Godards Umweg zu den Frauen. Raoul Coutard, sein Kameramann, hat es so ausgedrückt - der Film sei ein Brief von Godard an dessen Frau, der den Produzenten eine Million Dollar gekostet habe. Die Frau im Film war zwar Brigitte Bardot, aber die Sätze, die sie spricht, stammen von Anna Karina - das hat diese später bestätigt.

Später kamen Luchino Visconti, George Cukor und auch Rainer Werner Fassbinder

Es gab für sie dann durchaus ein Leben nach Godard - sie drehte mit Luchino Visconti, "Der Fremde" nach Camus, an der Seite von Marcello Mastroianni; oder mit George Cukor, "Justine" nach Lawrence Durrell. Und mit den Deutschen: Rainer Werner Fassbinders "Chinesisches Roulette", Volker Schlöndorffs "Michael Kohlhaas" und Hans W. Geißendörfers "Carlos" (Schiller als Western). Sie sang Chansons, die Serge Gainsbourg für sie schrieb, spielte in dem Musical "Anna" von Pierre Koralnik, schrieb vier Romane und inszenierte selbst zwei Filme, "Vivre Ensemble" von 1973 und "Victoria" von 2008.

Mit Jacques Rivette hat Karina 1966 "La religieuse / Die Nonne" gedreht, nach dem Buch von Denis Diderot. Eine Familie steckt, weil sie sich eine Verheiratung nicht leisten kann, ihre Tochter ins Kloster. Die folgt zuerst, rebelliert aber dann gegen das Regime dort. Rivette inszeniert ihren Leidens- (und später dann Freuden)weg mit strengster Konsequenz, wie er es kannte aus den Frauenschicksalen bei Kenji Mizoguchi. Später durfte sie dann bei ihm in "Haut bas fragile" agieren, musicalleicht, beschwingt.

Die höchste Anarchie hat Anna Karina in "Pierrot Le fou / Elf Uhr nachts" entzündet, an der Seite von Jean-Paul Belmondo, einem Liebesfilm, einem Actionfilm,einem film Noir in glühenden Farben, vor allem in Rot und Blau, die Godards Farben werden sollten (und die auch zu den französischen Nationalfarben gehören). Auch ein politischer Film, es ist die Zeit der Vietnamproteste. Karina ist das Kindermädchen von Belmondo und seiner Frau, sie zieht mit ihm los in den französischen Süden, ans Meer. Sie hantiert mit einem Karabiner, sie verkleiden sich, schmieren sich Farbe ins Gesicht, lehnen sich aus ihren Cabriolets und küssen einander. Belmondo nervt es furchtbar, dass sie ihn immer Pierrot nennt, und er ist in diesem Film, wie wohl auch Godard, Karina immer zwei, drei Schritte hinterher, er kommt mit angesichts der Energie, die sie entfaltet.

Wenn dann am Ende nur das Meer bleibt und das Nichts, hat man jenes Gefühl von Unwiederbringlichkeit, das es nur noch im Kino gibt. Was auch ein Moment des Glücks bedeutet. Am Samstag ist Anna Karina im Alter von 79 Jahren gestorben.

© SZ vom 16.12.2019
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