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Nachruf:Der Weichensteller

Wolfgang Frühwald

Wie Bertolt Brecht stammte auch Wolfgang Frühwald (1935 - 2019) aus Augsburg, stand aber auf der anderen Seite der Literatur: Er war Germanist.

(Foto: Karlheinz Egginger, SZ Photos)

Der Germanist Wolfgang Frühwald begriff sein Fach bis zuletzt als ein Nacherzählen großer Literatur, seine Lieblinge waren Toller und Goethe. Jetzt ist er 83-jährig gestorben.

Tief im vorigen Jahrhundert und mitten in einer Romantik-Vorlesung unterbrach sich der Professor und beklagte vor der überfüllten Aula, dass nun auch die letzten der reich verzierten gusseisernen Stützpfeiler am Augsburger Hauptbahnhof durch schlichte Eisenträger ersetzt würden. Den Professor schmerzte diese (bis heute munter fortschreitende) Zerstörung des Bürkleinbaus schon deshalb, weil er aus einer Eisenbahnerfamilie stammte; sein Bruder diente der deutschen Bahn bereits in vierter Generation. Die Klage war vorgetragen in diesem gewöhnungsbe-dürftigen, leicht nasalierten augschburgschwäbischen Idiolekt, der so verräterisch sonst nur noch durchschlug, als Bert Brecht 1947 vor dem Senatsunterausschuss für unamerikanisches Treiben auf Englisch aussagen musste.

Der Professor Wolfgang Frühwald wurde nämlich wie Brecht in Augsburg geboren, blieb aber anders als der viele Städte bewohnende Stationsvorstandsenkel Brecht die meiste Zeit auch dort wohnen. Ein Zimmer in München wäre die Familie so bald nach dem Krieg zu teuer gekommen, und so fuhr schon der Student von 1954 an jeden Morgen mit dem Pendlerzug zur Universität. In seinem Elternhaus hingen natürlich keine Gainsboroughs, das Musische lieferte die Trivialliteratur, die nicht so hieß, sondern bändeweis verschlungen wurde. Nichts Besonderes, Erdkundelehrer wollte er werden, den Schülern erzählen, wie schön die Welt ist, die er aus den Büchern so gut kannte. Daraus wurde nichts und Frühwald Literaturwissenschaftler.

Als er seinem Lehrer Hermann Kunisch die Geburtsanzeige für das zweite Kind überreichte, verlangte der von seinem Assistenten endlich auch ein "geistiges Kind", also die Doktorarbeit. Das war das Biedermeier der deutschen Germanistik, als die Professoren noch wussten, wer vor ihnen saß, zumal sie von jedem Hörer Kolleggeld bezogen und ihn jederzeit auch rausschmeißen konnten. Frühwald promovierte mit einer fleißigen mediävistischen Arbeit über den St. Georgener Prediger. Die spätere Habilitation ermöglichte ihm ein Glücksfall, wie er einem nur alle hundertfünfzig Jahre zustößt.

Für Frühwald war dieser Ernst Toller ein "Fremdling in seinem Vaterland".

Im Redemptoristenkloster Gars am Inn drückte ihm ein erfreulich literaturferner Mönch die zwei Zentner Aufzeichnungen in die Hand, die der altersfromme Clemens Brentano zu Füßen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick verfertigt hatte. Die arme, fast lebenslang lägrige Frau erlebte in Visionen den Kreuzestod Christi am eigenen Leib, und wenn das nicht schon schauerlich genug war, dichtete Brentano noch das Seine dazu. Aus dem poetischen Bankrott entstanden die vermutlich erfolgreichsten Bücher des 19. Jahrhunderts, deren Wirkung bis in die Gegenwart anhält, wie Mel Gibsons filmisches Sadistical "Die Passion Christi" belegt.

Kunisch, Brentano, die blutende Nonne: Manchem Kollegen galt Frühwald als "Hundhammer-Agent" mit besten Verbindungen nach Rom; von einem Konkordatslehrstuhl wurde bald geraunt. Doch war es der praktizierende Katholik Frühwald, der einen der ersten germanistischen Aufsätze über einen Dichter veröffentlichte, der 1919 in der Münchner Räterepublik ungefähr eine Woche lang als Oberbefehlshaber der Roten Armee gewirkt hatte. Für Frühwald war dieser Ernst Toller ein "Fremdling in seinem Vaterland", ihm hielt er die Treue, brachte bei Hanser eine Werkausgabe heraus und veröffentlichte noch 2011 eine ausführlich kommentierte Edition von Tollers Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland".

Auf seiner akademischen Laufbahn überstand Frühwald den architektonischen Horror der Ruhruniversität Bochum und in Trier die Tätlichkeiten radikaler Studenten, ehe er den Lehrstuhl in München einnahm, auf dem er bis zu seiner Emeritierung 2003 verblieb. Weitgehend unberührt von allen Methodendiskussionen verstand er Literaturwissenschaft als redliches Nacherzählen großer Literatur und wurde damit in der Nachfolge Benno von Wieses eine Art Reich-Ranicki der Germanistik.

1992 wurde Frühwald zum Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewählt und von einem Tag auf den andern Bildungslobbyist. Diese Arbeit setzte er erfolgreich bei der Alexander-von-Humboldt-Stiftung mit einer beinah bundespräsidentiellen Geschmeidigkeit fort, wenn er sich zu Fragen der Pränataldiagnostik oder zur Gentechnik äußerte, zu Pisa natürlich, zur Wissensgesellschaft und überhaupt zu allem, was in der schönen wie der trivialen Literatur mit weniger Ernst und erheblich höherer Komplexität verhandelt wird. Zur Literatur fand er bei Max Frisch und Reiner Kunze und immer wieder Goethe zurück. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Wolfgang Frühwald am 18. Januar 83-jährig gestorben. Die Stadt Augsburg schuldet ihm wenigstens einen vernünftigen Bahnhof.