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Musiktheater:Arien über Auschwitz, die nachhallen

Passagierin in der "Oper Tel Aviv"

Szene aus „Die Passagierin“ - das Stück unter der Leitung von David Pountney gastiert an der Oper von Tel Aviv.

(Foto: Yossi Zwecker)

Tel Aviv applaudiert der Schoah-Oper "Die Passagierin", die unter der Leitung des Briten David Pountney gastierte.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Eine Oper über Auschwitz? Auf einer israelischen Bühne, am Vorabend des Holocaust-Gedenktags? Israelische Medien waren im Vorfeld skeptisch, ob man das Grauen des Vernichtungslagers auf eine Bühne bringen kann. Auch Zuschauer, darunter Nachkommen von Schoah-Überlebenden, äußerten ihre Zweifel noch vor der Premiere in der Tel Aviver Oper. Als nach mehr als drei Stunden der Vorhang fiel, brandete tosender Beifall auf - der Drahtseilakt war geglückt.

Dass es eine außergewöhnliche Vorstellung werden würde, war dem britischen Regisseur David Pountney klar. "Natürlich ist es etwas Besonderes, mit diesem Stück nach Israel zu kommen", sagte er bei einem Gespräch drei Wochen vor der Premiere. "Es gibt die Gefahr, dass der Holocaust aus emotionalen Gründen ausgenutzt wird." Bei dieser Oper geht es um die Konfrontation einer KZ-Aufseherin mit einer Insassin sechzehn Jahre nach der Befreiung des Lagers Auschwitz - und um die Themen Vergessen und Vergeben.

Pountney hatte "Die Passagierin" entdeckt, die 2010 bei den Bregenzer Festspielen 24 Jahre nach ihrer Entstehung zum ersten Mal aufgeführt worden war. Inzwischen hat es Vorstellungen unter anderem in London, New York, Miami und Madrid gegeben. "Die Passagierin" spielt zu zwei Dritteln in Auschwitz, der Rest der Handlung findet auf einem Schiff statt. Beide Ebenen werden auch durch das in Bregenz entwickelte Bühnenbild, das mit einem kleinen Team durch die Welt wandert, geschickt miteinander verwoben.

Ein Grund, warum die Oper auch in Israel gut aufgenommen wurde, sind die Biografien ihrer Schöpfer. "Das Stück ist authentisch", sagt Pountney. Der Komponist Mieczyslaw Weinberg war Jude, er floh nach dem Überfall der Nazis auf Polen 1939 in die Sowjetunion. 1986 hatte er die Partitur abgeschlossen. Zehn Jahre später starb er und konnte die konzertante Uraufführung des Werks in Moskau 2006 nicht mehr erleben.

Das Libretto der Oper schrieb Alexander Medwedew nach der Novelle "Die Passagierin in Kabine 45" von Zofia Posmysz. Die Krakauerin Posmysz verbrachte drei Jahre in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück und verarbeitete ihre Erlebnisse in ihrem 1962 erschienen Werk. Bei der szenischen Uraufführung in Bregenz war die inzwischen 95-Jährige dabei.

Die wunderbarsten Momente waren die Arien der zum Teil kahl geschorenen weiblichen KZ-Häftlinge

Es gab mehrere Versuche, die Oper nach Israel zu bringen. Ob es das Thema oder finanzielle Gründe waren, warum es erst jetzt geklappt hat, dazu mag Pountney nichts sagen. Das Interesse an den fast sechs Vorstellungen war jedenfalls groß.

Es gab viele einprägsame Momente: Einige unterdrückte Ausrufe waren im Publikum zu vernehmen, als die KZ-Aufseher auf der Bühne darüber räsonierten, dass 20 000 Vergasungen pro Tag zu wenig seien - man müsste die Zahl auf 200 000 erhöhen. Zu den stärksten Passagen gehörten jene, in denen es um das Verdrängen, Vergessen und Vergeben ging: Die ehemalige KZ-Aufseherin Lisa wird auf einer Schifffahrt Richtung Brasilien durch das Auftauchen der tot geglaubten Jüdin Martha mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihrem Mann Walter, einem deutschen Diplomaten, gesteht sie erst nach mehr als einem Dutzend Ehejahren ihre Tätigkeit in Auschwitz, er fürchtet um seine Karriere. Lisa wollte Martha im Lager zu ihrer Gehilfin machen, aber Martha ließ sich ebenso wenig darauf ein wie ihr Verlobter Tadeusz. Obwohl Lisa sie beide in den Todesblock geschickt hat, überlebte Martha und konfrontiert sie.

Die Musik der Opfer ist mit der Handlung auf besondere Weise verknüpft. Einmal soll Tadeusz vor dem Lagerkommandanten auf seiner Geige spielen. "Spiele wie vor Gott, dem Herrn. Du wirst dich bald mit ihm treffen", sagt der SS-Mann zu ihm. Tadeusz spielt dann keinen Walzer, sondern die Chaconne von Bach, die Streicher des von Steven Mercurio dirigierten Orchesters nehmen Bachs Melodie dann auf.

Die wunderbarsten Momente, in denen es ganz still wurde, waren die Arien der zum Teil kahl geschorenen weiblichen KZ-Häftlinge. Ihr "Niemals vergessen, niemals vergeben!" hallt nach - über diesen unvergesslichen Abend hinaus. Als sich Martha in der letzten Szene noch einmal an die Namen ihrer ermordeten Gefährtinnen und an ihren Verlobten Tadeusz erinnerte, griffen einige zum Taschentuch. Für die ungarische Sopranistin Adrienn Miksch, die der Figur der Martha große Stimm- und Ausdruckskraft verliehen hat, gab es am Ende des stärksten Applaus. Nicht viel weniger Beifall erhielt die griechisch-amerikanische Mezzosopranistin Daveda Karanas. Wie stark für sie die Anspannung gewesen sein muss, als KZ-Aufseherin vor ein israelisches Publikum zu treten, zeigten ihre Tränen beim Schlussapplaus.

© SZ vom 06.05.2019
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