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Musik:Marlboro liegt auch in Schlesien

Beethovens Septett in der barocken Pracht der Friedenskirche von Świdnica.

(Foto: geert maciejewski)

Bei "Krzyżowa Music" trifft Musik auf Politik und Geschichte. Junge Musiker können hier mit alten Profis üben - und über die Verantwortung ihrer Disziplin diskutieren.

Aus den Fenstern tönt, streicht und klingt es, hier ein Fetzen Schostakowitsch, dort ein wenig Brahms, da hinten Akkorde aus Schönbergs "Verklärter Nacht". Eine wilde Melange, wie sie Charles Ives, der Vater der amerikanischen Musik, gemocht hätte, weht über die weite Rasenfläche, umgeben vom fast geschlossenen Gutshofensemble mit roten Dächern, aus denen sich die Gauben wie Wellen erheben. Das dreistöckige, helle Herrenhaus mit dunklem Dach und von hohen Bäumen umstanden liegt etwas separiert in nobler Ausstrahlung.

Junge Musiker eilen mit Notenständern in der Hand und Instrumentenkoffern auf dem Rücken über den Rasen hierhin und dorthin, ins Schloss oder in ehemalige Stallungen, die nun Jugendherberge sind mit Gästezimmern und Übungsräumen. Unter den Dahineilenden tauchen der große Geiger Shmuel Ashkenazi oder der hervorragende Hornist Radovan Vlatkovic auf. Erste Eindrücke auf dem Campus im polnischen Krzyżowa, wo zum fünften Mal der Workshop "Krzyżowa Music" stattfand, unter der Schirmherrschaft der Außenminister Polens und Deutschlands. Seit 2015 treffen sich hier in Schlesien, im früheren Kreisau in den letzten zwei Augustwochen Musiker aus aller Welt, orientiert am Vorbild des legendären Marlboro-Festivals im US-Staat Vermont. Dort fanden sich nach dem Krieg Emigranten zusammen, um zu musizieren, nicht nach hierarchischem Lehrer-Schüler-Muster, sondern mit der Idee, dass die älteren erfahrenen, die Seniors, mit jungen Musikern, den Juniors, sich Stücke ohne Termindruck oder Aufführungszwang gründlich erarbeiten konnten. So sollte kammermusikalisches Verständnis, das Aufeinanderhören und die Herangehensweisen an verschiedenste Musik vertieft und entwickelt werden im kameradschaftlichen Austausch der Generationen.

In Kreisau geschieht Ähnliches, in jederzeit öffentlich zugänglichen Proben, so dass ohne Geheimnistuerei um Musik und ihre Darstellung alle an der kreativen Arbeit des ständigen Probierens, Verwerfens, Korrigierens und sich gegenseitig Zuhörens teilnehmen können. Eine Werkstatt im wahren Sinne des Wortes, um nichts anderes zu erreichen, als miteinander Musik zu machen, so gut wie möglich.

Die Portalgestalten zur Kammermusikinstitution Marlboro waren der Geiger Adolf Busch und sein Schwiegersohn, der große Pianist Rudolf Serkin. Busch dachte anfangs daran, Profis mit Amateuren zusammenzubringen. Doch seit 1951 wurde daraus eine hohe Schule der Kammermusik, ausgeführt von hochbegabten jungen Musikern mit den Meistern ihres Fachs. Die Reihe großer Namen in Marlboro reicht, um nur ein paar zu nennen, vom Vater des modernen Cellospiels, Pablo Casals, bis zu Pianisten wie Leon Fleisher, Murray Perahia, Pierre-Laurent Aimard oder Lang Lang, zu Geigern wie Sándor Végh, Shmuel Askenazi oder Hilary Hahn und zu Cellisten wie Anner Bylsma, Mischa Maisky oder Siegfried Palm. Hier waren auch berühmte Formationen wie das Guarneri Quartet, das Emerson String Quartet oder das Beaux Arts Trio. Heute leiten die Pianisten Mitsuko Uchida und Jonathan Biss das alljährlich sieben Sommerwochen dauernde Festival.

Junge Musiker spielen mit alten Profis - das Konzept funktioniert in den USA genauso wie in Europa

Shmuel Ashkenazi, einst Primarius des Vermeer Quartet, und hochengagierter Lehrer und hier einer der Seniors, weiß begeistert von den Erfahrungen in Marlboro zu berichten: "Busch, Casals, Serkin - ich habe als junger Kerl ungeheuer von der Zusammenarbeit mit diesen grandiosen Musikern profitiert. Es herrschte eine so aufgeschlossene wie intime Atmosphäre, wenn man mit ihnen zusammen spielte."

Um 1930 gab es eine damals unahnbare Verbindung zwischen Kreisau und dem späteren Marlboro: Am Grundlsee in Österreich trafen sich Künstler, Schriftsteller wie Carl Zuckmayer und Sinclair Lewis, Schauspieler wie Helene Weigel und Musiker in der Villa Seeblick der Frauenrechtsaktivistin und Sozialreformerin Eugenie Schwarzwald. Rudolf Serkin gehörte ebenso dazu wie Helmuth James von Moltke, der spätere Vordenker des NS-Widerstands im "Kreisauer Kreis".

Mit Enthusiasmus kann Matthias von Hülsen auf einer Bank im Schatten vor dem Schloss davon und vom Beginn des Projekts "Musik aus Kreisau. Für Europa", eben Krzyżowa Music, erzählen. Er war schon Gründungsmitvater beim Schleswig Holstein Festival in den Achtzigerjahren ebenso wie bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern seit 1990, und er hat familiäre Wurzeln in Kreisau. Dann kam Viviane Hagner, die glänzende Geigerin und Professorin an der Musikhochschule Mannheim, die bei einer Privatfeier 2013 das Gelände erstmals sah und sofort an ihre Erfahrungen in Marlboro dachte. Die Idee, eine Art europäisches Marlboro zu veranstalten, war geboren.

Da konnte der mit allen Wassern von Großfestivals gewaschene, in den Gefahren solcher Veranstaltungen bewanderte und lösungsgewitzte Musikorganisator Hülsen nicht widerstehen. So entstand 2015 "Krzyżowa Music" nach Hülsens vier Geboten: "Sie brauchen Mut, den richtigen Ort, ein überzeugendes Programm und die musikalisch unbedingte Qualität, für die Viviane Hagner als Künstlerische Leiterin steht!" Und natürlich: "Die Knete muss stimmen!"

Rund 370 000 Euro kostet die Musikwerkstatt in Kreisau, zu denen neben der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, die Kreisau Initiative und die Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau auch das Auswärtige Amt, private Förderer, Donatoren, Stipendiengeber und einfache Spender beitragen. Die jährlichen Benefizkonzerte der Krzyżowa Music in New York, abwechselnd im polnischen und deutschen Generalkonsulat, bringen 10 Prozent der Gesamtsumme. Im Vergleich zu Marlboro dauert Krzyżowa Music nur zwei Wochen mit einer anschließenden Konzerttour. 2019 führte sie nach Berlin, zu den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern und zum Beethovenfest nach Bonn.

2019 treffen gleich drei Jubiläen zusammen, die hier eine Rolle spielen: Vor 80 Jahren überfiel das Hitlerreich Polen; das Neue Kreisau feiert sein dreißigstes Jubiläum eingedenk jener hier geschehenen deutsch-polnischen Versöhnungsmesse, auf der sich der damalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl umarmten. Und Krzyżowa Music kann auf fünf Jahre zurückblicken.

Dass an diesem geschichtsträchtigen Ort die jungen Musiker nicht zwei Wochen vor sich hin werkeln, ohne von der historischen Vielschichtigkeit betroffen zu sein, versteht sich von selbst. Kreisau scheint ein Ort mit gleich dreifachem Boden: da ist die Vorgeschichte, die mit dem alten Generalfeldmarschall von Moltke beginnt und bis zu Helmuth James reicht. Mit ihm beginnt der Widerstand gegen Hitler. Nach 1945 verfällt Kreisau. Erst 1990 mit der Stiftung "Kreisau" für Europäische Verständigung, als polnisch-deutsche Gemeinschaftsgründung für eine europäische Begegnungsstätte gibt es eine neue weltoffene Bestimmung.

Welche Rolle spielt der Klimawandel für Musiker, die ständig um die Welt fliegen?

Zweimal finden sogenannte Symposien statt, bei denen man sich die Köpfe heiß redet. Der Cellist Alexei Stadler moderiert: Welche Rolle spielt der Klimawandel für uns Musiker, fragt er. Die Antworten im vollen "Ballroom" des Schlosses reichen von Abwehr, man habe sich doch nur um die eigene künstlerische Vervollkommnung zu kümmern bis zu fast verzweifelten Überlegungen: Ja, man sei ständig unterwegs, aber, so ein junger amerikanischer Cellist, "ich muss doch auch Geld verdienen mit meinem Spiel! Wie kann ich das, wenn ich nicht mehr hier und dorthin zu Engagements fliege?" Sie sprechen über Ernährungsgewohnheiten, weniger Reisen, den Notenpapierverbrauch und ähnliches mehr. Auch die Frage nach der Wirkung Neuer Medien löst Kontroversen aus: Wie sehr die Aufmerksamkeitsdauer von Kindern nachlasse oder wie schwierig es sei, die Kinderfragen zu beantworten, warum sie immer Musik von Toten spielten. Endlich betont Shmuel Askenazi, dass Musik hier und jetzt geschehe, "live!!", und alle hier versammelten jungen Musiker sollten die echte Wirkung der Musik im Moment der Live-Aufführung nie unterschätzen.

Aufmerksam verfolgt Viviane Hagner die Debatte, in einer Mischung aus Zurückhaltung und Stolz. Auch im Gespräch fällt das auf. Nach zwei bis drei Jahren würden neue Jungmusiker eingeladen. Der Andrang sei groß, jeder müsse Tondokumente vorlegen und Empfehlungsschreiben von je zwei Musikerpersönlichkeiten: "Dann hören wir uns die Tonbeispiele prüfend an. Natürlich schreibt keiner schlechte Empfehlungen!" Sie lacht. Gefahren? Es sei erst das fünfte Mal, da gebe es noch keine Bedrohung durch Abnutzung. Zum Programm gehörten immer auch Werke von Exilanten, verfemten und getöteten Komponisten, etwa von Schönberg, Pawel Haas, Alexandre Tansman oder Leo Smit.

Ein Konzert findet im Fin de Siècle Theater in Szczawno-Zdrój, früher Bad Salzbrunn, statt. Da gelingt Viviane Hagner, dem Pianisten Adam Golka und dem Cellisten Joshua Halpern, beide aus Amerika, die Trioversion von Schönbergs berühmtem Streichsextett "Verklärte Nacht" so aufwühlend und hingebungsvoll, ohne den Kopf zu verlieren, dass es jeden berührt. Oder jener Augenblick in der grandiosen Friedenskirche von Świdnica (Schweidnitz), 1657 als Fachwerkbau errichtet und innen überreich barock ausgestattet, als Eckart Runge einen der schönsten Cellogesänge anstimmt im langsamen Satz von Johannes Brahms' 3. Klavierquartett und die junge norwegische Geigerin Miriam Helms Ålien herb und verschattet antwortet. Oder jenes Geigenparlando grazioso, mit dem Shmuel Ashkenazi im leider akustisch strohtrocknen Konzertsaal in Kreisau die jungen Kollegen Katharina Kang, Viola, und Ari Evan, Violoncello, durch Mozarts Divertimento KV 563 führt. Oder das selten zu hörende Bläserquintett von Pawel Haas im Nachtkonzert.

Kreisau - ein außerordentlicher Ort in jedem Fall, besonders durch "Krzyżowa Music".