Musical Symbiose aus Show und Politik

Figuren am Rande einer langen Nacht: Helen Reuben als Sally Bowles, Greg Castiglioni als Conferencier.

(Foto: Kaufhold)

Außerordentlich gut gelungen: "Cabaret" am Deutschen Theater

Von Egbert Tholl

Eine Sache sollte man unbedingt beachten, wenn man sich diese Aufführung von "Cabaret" im Deutschen Theater anschaut: Vergessen Sie den Film. Diese Produktion des English Theatre Frankfurt ist etwas völlig Anderes, Eigenes, und profitiert von der Verfilmung des Musicals durch Bob Fosse nur dadurch, dass, was längst so üblich ist, hier auch die Lieder gesungen werden, die erst für die Verfilmung entstanden, also "Money, Money", "Mein Herr", "Maybe This Time". Ansonsten sollte man sich vor allem von Liza Minnellis ikonisch gewordenen Capricen verabschieden, bei all ihrer Faszinationskraft. Und auch von dem im Film grandios inszenierten Auftritt des Hitlerjungen im Biergarten; "Tomorrow Belongs to Me" (synchronisiert: "Der morgige Tag ist mein") kommt hier natürlich vor, aber ohne die quecksilbrige Euphorie einer verblendeten Jugend.

Die Aufführung aus Frankfurt ist makellos. Die Tänzer sind makellos. Die Band ist makellos. Geschmäcklerisch könnte man höchstens einwenden, mmh, bisschen viel Saxofon, aber: Saxofon spielen Matt Blaker und Lindsay Goodhand, die eigentlich die Nazi-Figuren Ernst und Fräulein Kost singen und spielen, was schon wieder lustig ist, weil die Nazis das Instrument hassten. Außerdem spielen die beiden richtig gut - Goodhand scheint ohnehin alles in Perfektion zu können, was man auf einer Bühne machen kann.

Die Bühne von Simon Kenny zeigt das Gerüst eines Bahnhofs, die Musiker, angeführt von Mal Hall, sitzen in einem Salonwagen, ein paar Stühle links, viele Koffer, um damit ein bisschen Interieur zu bauen, mehr braucht es nicht. Alles passiert hier mühelos im Kopf, jede Szene sitzt. Auch in den intimen Momenten sind die Menschen ganz selten allein, jeder beäugt jeden, fast jeder hier ist ein Mensch im Transit, nicht wissend, wohin. Da nimmt Regisseur Tom Littler viel von der Vorlage für das Musical, den skizzenhaften Aufzeichnungen Christopher Isherwoods mit hinein, das staunende Sichtreibenlassen, das er autobiografisch in "Goodbye to Berlin" beschreibt. Im Musical heißt der Schriftsteller Cliff Bradshaw. Er, gespielt von Ryan Saunders, ist es, der am Ende sagt: "The party is over." Dann kommt die Nazidiktatur, dann verwandelt sich der Salonwagen in eine KZ-Baracke, dann sind die Musiker weg - vermutlich waren sie jüdisch.

Littler vereint perfekt politische Schärfe mit dem fürs Genre notwendigen Schauwert. Er hat die Leute dafür, Dominique Jackson etwa tanzt außerordentlich, Greg Castiglioni singt den Conférencier fabelhaft. Richard Derrington und Sarah Shelton rühren als altes, am Rassenwahn der Nazis scheiterndes Paar zutiefst. Und Sally? Helen Reuben singt deren Nummern, als sei der Kit Kat Club wirklich eine Absteige, in der man nicht viel können muss. Da ist die Besetzung gewagt. Aber sie verzaubert, sie ist ungeheuer charmant, die Behauptung ihres Spiels ist hinreißend. Auch sie rührt kolossal.