Musical Norm ist nicht alles

Lädt gruselig zur freudvollen Anti-Konvention ein: Stuart Matthew Price als Riff Raff.

(Foto: Jens Hauer)

Die "Rocky Horror Show" im Deutschen Theater

Von Rita Argauer

Flippig hat als Wort in den vergangenen 30 Jahren eine Bedeutungsänderung erfahren. Wer heute etwas als flippig bezeichnet, ist meist selbst alles andere als ausgeflippt, und das als solches Bezeichnete ist es bisweilen ebenfalls nicht (mehr). Jugendsprache überlebt die jugendliche Frische meist nicht länger als eine Generation. Ganz ähnlich geht es der "Rocky Horror Show", wenn man den früher anarchischen Spaß, im Publikum mit Reis um sich zu werfen und Wasser zu verspritzen, im Foyer in Form von mit dem "Rocky Horror"-Logo bedruckten Taschen erwerben kann.

Darin ist dann auch kein Reis, sondern Konfetti, denn das hat man lieber als herumgeworfene Lebensmittel. Dass der ferngesteuerte Kult dadurch ein wenig von seinem Kultstatus verliert, stört das Publikum bei der aktuellen Premiere von Sam Buntrocks Inszenierung im Deutschen Theater mit einem gegen jeden "boring"-Ruf gewappneten Sky du Mont als Erzähler nicht. Auch, wenn es weniger anarchisch als ein bisschen bieder wirkt, wenn genormte Leuchtstäbe aufleuchten, und alle im vereinten Kommerz mit Janet und Brad den Spaß abseits der Norm erproben.

Dem eigentlichen Werk wird das nicht gerecht. Denn die Diversität, die hier so voller Inbrunst gefeiert wird, das Selbstbewusstsein, das diese Wesen abseits der Norm für sich beanspruchen und das Befreiende und der Spaß, den sie damit verbreiten, haben an Aktualität nichts verloren. Das zeigt sich in der Münchner Vorstellung vor allem bei Sophie Isaacs als Janet Weiss. Isaacs hat eine tolle, voluminöse Stimme, deren Kraft sie über die Handlung hinweg, parallel zum wachsenden Genuss ihrer Figur erstarken lässt. "Touch-A, Touch-A, Touch-Me" wird zum Höhepunkt, auch musikalisch gesehen. Denn diesbezüglich ist der erste Akt ein wenig zittrig. Der "Time Warp" gerät etwas schnell, was Holly Atterton als Columbia ungewollt ins Stottern bringt, und Gary Tushaw hat als Frank'n'Furter Probleme, "Sweet Transvestite" stimmlich mit dem nötigen Volumen zu versorgen, als dass es wirklich zwischen Anrührung und Provokation schwanken könnte. Schauspielerisch aber gelingt ihm der liebliche Größenwahn seiner Figur ausgezeichnet, gerade auch im Gegenspiel mit dem wunderbar spießigen Felix Mosse als Brad.

Das Paar Riff Raff und Magenta (Stuart Matthew Price und Anna Lidman) beendet den freudvollen Horror dann und geleitet die lieben Außenseiter zurück auf ihren Planeten. Dass Janet, Brad und ihr Publikum fürs zukünftige irdische Dasein ein wenig dieser gesunden Anti-Konvention mitnehmen, bleibt zu hoffen. Besonders, wenn Lidmann den Epilog mit rauer, melancholischer Stimme singt, bevor alle im Schutz des Theaters noch einmal timewarpen dürfen.