Musical Landgang in die Vergangenheit

Im Taxi durch die Straßenschluchten Manhattans: Sigrid Hauser am Steuer und Boris Pfeifer in Not.

(Foto: Marie-Laure Briane)

Das Gärtnerplatztheater zeigt Bernsteins schmissige Revue "On The Town"

Von Egbert Tholl

Es gibt einen Grund, Bernsteins Musical "On The Town" aufzuführen, und der ist die Musik. Die erste Nummer ist "New York, New York", nein, stimmt nicht, davor kommt noch der Blues der Hafenarbeiter, aber dann saust die Musik los, hitzig, unaufhaltsam, eben so, wie man sich das vorstellen kann, wenn drei Navy-Matrosen 24 Stunden Landgang haben und viel erleben wollen. Die Keimzelle des Stücks ist ein Ballett, entsprechend viel Tanzmusik ist drin, da steht die dramaturgische Zeit still. Aber das Orchester des Gärtnerplatztheaters drängt nach vorne, die Bläser sind schneidig scharf, die Bassposaune trumpft herrlich auf, überhaupt ist das ganze Blech mitreißend und grandios präzise. Nur: Je länger man zuhört, desto mehr tritt da was auf der Stelle. Michael Brandstätter organisiert die Musik mit Glanz und Grandezza, aber der Swing hat auch etwas Hemdsärmeliges, ist robust, unmissverständlich. Seine Sexyness kommt eher durch handwerkliche Überwältigung, viel Unterleib ist nicht gefragt, aber es tönt fabelhaft.

Das Gärtnerplatztheater zeigt Bernsteins "On The Town", wie es Josef E. Köpplinger in St. Gallen inszeniert hat. Ein Tauschgeschäft: Die Schweizer bekamen dafür "Priscilla" vom Gärtnerplatz, eine doppelte Kooperation also.

Als Stück ist "On The Town" ein Nichts, je nach Sichtweise sogar ärgerlich blöde: Drei Matrosen haben einen Tag Zeit für New York, sie wollen Sex, sie kriegen Sex, sie gehen wieder aufs Schiff. Ach, herrlich praktisch sind diese New Yorkerinnen. Die stehen nämlich eigentlich im Mittelpunkt, die drei Jungs sind eher deren Stichwortgeber, aber sie sind sehr sympathisch, Daniel Prohaska, Boris Pfeifer und Peter Lesiak, und Prohaska darf als Hauptsehnsüchtiger sogar eine gewisse Lyrik entwickeln. Nur: In dieser Revue, denn nichts anderes ist das Stück, geht einem keine Figur nah.

Stimmt nicht, eine schon: Bettina Mönch als Claire, eine nymphomanische Anthropologin, deren verlobter Richter (Alexander Franzen) ein bisschen wie Al Pacino aussieht, aber für die Eskapaden seiner Angebeteten viel Verständnis aufbringt. Mönch singt fabelhaft, tanzt fabelhaft und ist ein Clown. Sie hat die (Selbst-)Ironie, die das Stück durchgehend bräuchte. Und: Sie kann auch noch Poesie. Die ist Sigrid Hauser fremd, sie röhrt gewaltig als Hildy, die ein Taxi aus der Zukunft fährt - jedenfalls fuhr dieses tolle Ding 1944 nicht in New York herum - und sich nimmt, was sie will. Also Mann. Julia Klotz, als Miss U-Bahn die Sehnsucht Prohaskas, ist da eher scheu. Dagegen ist der (Gast-)Solistenchor außerordentlich munter, ebenso das Ballett, auch wenn die Choreografie nach wenigen Minuten alle ihre Ideen ausgespielt hat. Die Fräuleins sind blitzsauber, die Herren elegant, die Bühne schaut toll aus, viel Flair alter Fotografien.

Im Grund ist "On The Town" reiner Unterhaltungspatriotismus. Das erspürt Köpplinger und stellt Bilder vom Krieg im Pazifik voran. Die drei Matrosen gehen vielleicht in den Tod, und am Kai wartet immer ein stummes Mädchen umsonst. Das rettet zwar das Stück nicht, zeigt aber, was es 1944 sollte. Heute bleibt nur die Musik. Und die ist toll.