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Museen und Pandemie:Kunst des Entsammelns

Museen in den USA bieten wegen der Pandemie ihre Bestände feil, um zu überleben. Bisher war es verboten, mit Verkäufen von Werken das Geld für die Stromrechnung zu erlösen. Nun spricht man von "entbehrlichen Werken".

Von Jörg Häntzschel

Museen sammeln Kunst. Ist die Kunst dann einmal im Museum, so bleibt sie dort für immer. Das, so beten einem die meisten Museumsleute vor, ist das, was Museen eben tun, es ist ihr Daseinszweck.

Andererseits müssen Museen auch überleben, und das fällt ihnen spätestens seit der Corona-Pandemie überall dort schwer, wo der Staat oder andere Träge die fehlenden Einnahmen nicht ausgleichen, vor allem in den USA. Die meisten amerikanischen Museen haben bereits Teile ihrer Belegschaften entlassen. Das "Brooklyn Museum of Art" geht nun weiter. Es verkauft erstmals Kunst, um die finanziellen Lücken zu stopfen. Zwölf Werke, darunter Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, Gustave Courbet und Camille Corot, sollen im Oktober bei Christie's versteigert werden, berichtet die New York Times.

Deutsche Museen verkaufen ihre Werke, wenn sie nicht mehr ins "Sammlungskonzept" passen

Bislang war das deaccessioning, das Entsammeln auch in den USA tabu. Wenn Museen Kunst verkaufen durften, dann nur, um mit dem Geld andere Werke zu kaufen. Wer plante, mit den Erlösen die Stromrechnung oder das Wachpersonal zu bezahlen, musste mit Sanktionen des Branchenverbands "Association of Art Museum Directors" rechnen. Doch angesichts von Defiziten, die viele Häuser zum Schließen zwingen werden, hat der Verband seine Regeln gelockert. Bis April 2022 dürfen die Museen nun Kunst verkaufen, sofern das Geld in die "unmittelbare Erhaltung der Sammlungen" fließt. Die Direktorin des Brooklyn Museums, Anne Pasternak, beteuert, die für die Auktion ausgewählten Werke seien nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigt worden. Sie abzugeben bedeute keinen substanziellen Verlust.

Auch andere US-Museen sind dabei, ihre Sammlungen auf entbehrliche Werke hin zu durchsuchen, und nicht erst jetzt. Wenn es keine Ab-, nur Zugänge gibt, dann wachsen die Sammlungen immer weiter. Wie lange lässt sich das durchhalten? Und lohnt es sich, die knappen Mittel der Museen dafür aufzuwenden, Werke für die Ewigkeit zu erhalten, die nie gezeigt wurden und die den Museen oft nur als Beifang von Schenkungen in die Hände fielen?

In Deutschland gab es in den letzten Jahren immer wieder große Debatten um Verkäufe aus öffentlichen Sammlungen, wie 2014, als die staatliche Spielbank Westspiel zwei Warhols für 151 Millionen Dollar versteigern ließ. Und auch deutsche Museen verkaufen Kunst aus ihren Beständen, so Sylvia Willkomm vom Deutschen Museumsbund, aber "nur dann, wenn sie nicht mehr ins Sammlungskonzept passen, nicht um des Erlöses willen."

Die amerikanischen Notverkäufe entbehren übrigens nicht einer bitteren Ironie. Seit Langem klagen die Museen, sie könnten angesichts des Kunstmarkt-Booms der letzten 20 Jahre immer schwerer Neues kaufen. Nun, in der Krise, machen es die hohen Preise immer schwerer, nichts zu verkaufen.

© SZ vom 18.09.2020

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