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Museen und Kolonialismus:"Dieses Unrecht muss korrigiert werden"

Er hat unter anderem für Barack Obamas Wahlkampfteam gearbeitet: Patrick Gaspard, Präsident der Open Society Foundations.

(Foto: OSF)

Warum George Soros' "Open Society Foundations" Initiativen zur Rückgabe kolonialer Objekte finanzieren.

Die Ankündigung von Frankreichs Präsident Macron, in den Kolonien geraubte kulturelle Objekte zu restituieren, hat eine weltweite Debatte um den Umgang mit dem Erbe des Kolonialismus ausgelöst. Nun engagieren sich auch die von George Soros gegründeten "Open Society Foundations" in dieser Frage. Bis 2025 will die Stiftung dafür 15 Millionen Dollar ausgeben. Das Projekt geht maßgeblich auf deren Präsidenten, Patrick Gaspard, zurück. Er wurde 1967 in der Demokratischen Republik Kongo geboren und wuchs in den USA auf. Er hat unter anderem für Barack Obamas Wahlkampfteam gearbeitet, im Weißen Haus und als US-Botschafter in Südafrika.

SZ: Die Open Society Foundations sind der weltweit größte Geldgeber von Initiativen für Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit. Warum engagieren Sie sich nun für die Restitution von Artefakten, die während der Kolonialzeit aus Afrika nach Europa gebracht wurden?

Patrick Gaspard: Ich kenne Afrika sehr gut, und da meine Familie ursprünglich aus Haiti stammt, ist mir bewusst, welche Herausforderung die Aufarbeitung und Überwindung des Kolonialismus für die betroffenen Länder darstellt. Das Engagement für Restitutionen berührt viele Gebiete, in denen wir aktiv sind. Es geht nicht nur um die Frage, wem bestimmte Objekte gehören. Es geht um das Gemeinwesen, die Rolle der Kultur, um eine gerechtere Verteilung des Wohlstands. Diese Objekte haben auch nicht nur ästhetischen Wert, sie stellen eine spirituellen Verbindung zu den Ahnen her, die für jede Gesellschaft wichtig ist.

Welche Projekte wollen Sie unterstützen?

Wir drängen grundsätzlich niemandem unsere Vorstellungen auf, sondern sorgen dafür, dass lokale Akteure die Mittel haben, ihre Ideen umzusetzen. Wir werden eng mit Wissenschaftlern, Künstlern und Aktivisten zusammenarbeiten, um eine Art Netzwerk zu bilden. Wir werden außerdem Forschungsprojekte unterstützen und Konferenzen organisieren.

Wohin fließt das Geld konkret?

Wir werden Museen in Afrika fördern und helfen, eine neue Generation afrikanischer Museumsexperten und Kunsthistoriker auszubilden. 80 Prozent des Gelds wird auf dem afrikanischen Kontinent investiert. Westafrika, besonders Benin, Nigeria und Senegal, werden ein Schwerpunkt sein. Der Rest geht nach Europa, das meiste davon in die afrikanische Diaspora.

Wie läuft das ab?

Initiativen und Organisationen können sich um Finanzierung bewerben. Einige sprechen wir selbst an. Außerdem suchen wir die Zusammenarbeit mit großen Institutionen. Wir haben zum Beispiel eben mit der Biennale von Sidney ein Symposium dazu organisiert. Wir werden alles tun, damit Wissenschaft, Forschung und Politik sich mit diesem Thema beschäftigen.

Auch Deutschland engagiert sich in Afrika. Das Goethe-Institut veranstaltet Symposien zur Restitutionsfrage, das Auswärtige Amt unterstützt den Bau von Museen. Was halten Sie davon?

Ich finde es falsch, sich auf die angeblich mangelnde Kompetenz und Infrastruktur der afrikanischen Museen zu konzentrieren. Es ist überheblich, so zu tun, als könnten diese Objekte deshalb nicht restituiert werden. Es ist richtig, die Ausstattung der Museen zu verbessern und gemeinsam am technischen Knowhow zu arbeiten, aber diese Fragen sollten Restitutionen nicht im Weg stehen. Besonders, da ja Wissenschaftler und Journalisten nachgewiesen haben, dass viele dieser Artefakte gerade auch in Deutschland jahrelang unter inadäquaten Bedingungen gelagert, nie öffentlich gezeigt und darüber hinaus mit giftigen Substanzen behandelt wurden. Lassen Sie mich das klar sagen: Es ist Europa, das Defizite beim Umgang mit diesen Objekten hat, und dem es an Respekt mangelt! In vielen afrikanischen Ländern wächst hingegen die Kompetenz.

Was werden Sie in Deutschland fördern?

Unsere Kooperationen stehen noch am Anfang, aber wir haben schon mit vielen Vertretern der Zivilgesellschaft, mit Museen und Vertretern von Bund und Ländern gesprochen, die sehr interessiert sind. Wir sind im Kontakt mit Forschern, mit Universitäten. Das Echo hat uns sehr ermutigt. Es ist großartig, dass die deutschen Länder sich schon auf Regeln für die Rückgabe aus den früheren Kolonien geeinigt haben. Auch, dass das Deutsche Historische Museum im letzten Jahr die Säule von Cape Cross aus dem 15. Jahrhundert und einige menschliche Überreste an Namibia restituiert hat. Die Deutschen haben noch unglaublich viel Arbeit vor sich, aber sie haben einen klaren Rahmen geschaffen, der Restitutionen stark beschleunigen wird.

Ist es nicht seltsam, wenn eine Stiftung wie Ihre jetzt Forschung finanziert, die deutsche Institutionen schon vor Jahrzehnten hätten machen müssen?

Das sehen wir auch so, deshalb sind ja auch 80 Prozent der Gesamtsumme für den afrikanischen Kontinent vorgesehen.

Einige Intellektuelle in Afrika und Europa warnen davor, Museen europäischen Typs in Afrika zu bauen. Sie halten das für eine neokoloniale Geste.

Das Letzte, was wir wollen, sind Festungen, die den Bürgern von Senegal, Benin oder Nigeria die Auseinandersetzung mit diesen Artefakten erschweren. Wir haben nicht vor, Glasgefängnisse für tote Objekte zu schaffen, sondern wollen die Dinge dorthin bringen, wo das spirituelle und gesellschaftliche Leben ist. Uns geht es nicht um einen Transfer von einem traditionellen Raum in einen anderen traditionellen Raum. Es wird eine unorthodoxe Prüfung dessen geben, was ein Museum ist, damit diese Dinge den Gesellschaften bei Ihrer Entwicklung nützen.

Was heißt das?

Manche restituierte Objekte gehören vielleicht gar nicht in ein Museum, sondern in eine Kirche oder an einen spirituellen Ort, in eine Schule oder eine Freizeiteinrichtung. Es sind unterschiedlichste Formen der Auseinandersetzung mit diesen Objekten denkbar, die eine Gemeinschaft beleben und ihr die Arbeit an einer besseren Zukunft erlauben. Wir sind sicher, dass den afrikanischen Künstlern, Wissenschaftlern und Aktivisten viel dazu einfällt.

Solange es keine internationalen Übereinkünfte gibt, die die Ansprüche der Herkunftsländer festschreiben, werden die Europäer bei Verhandlungen um Rückgaben immer in der stärkeren Position sein. Den Afrikanern fällt die Rolle der Bittsteller zu. Was ließe sich dagegen tun? Wären die Washingtoner Prinzipien für die Rückgabe von NS-Raubkunst ein Modell?

Wir müssen ein Bewusstsein schaffen für die Immoralität dessen, was passiert ist, das ist eine Frage der Ethik. Aber wir müssen auch wirksame juristische Mittel finden und gesetzgeberische Initiativen starten. Man darf nicht vergessen: Afrika, das ist nicht nur der afrikanische Kontinent, es schließt die Diaspora mit ein. In Deutschland, in Frankreich, in London gibt es Diaspora-Communities, die sehr lebendig sind und deren Mitglieder wichtige Positionen in der Verwaltung und in den Regierungen innehaben. Wir setzen auch auf sie, wenn es darum geht, das Machtgefälle auszugleichen, das Sie angesprochen haben. Arthur Schopenhauer hat gesagt: "Der Arzt sieht den Menschen in seiner ganzen Schwäche, der Jurist in seiner ganzen Schlechtigkeit, der Theologe in seiner ganzen Dummheit." Wir werden uns nicht auf ein begrenztes Set von Instrumenten beschränken. Wir werden den Arzt, den Juristen und den Theologen einbeziehen, um innovative Wege zugunsten von Restitutionen zu finden.

Sie erwähnten die Restitution der Säule von Cape Cross. Auch Stuttgart hat 2019 zwei Objekte an Namibia zurückgeben. Dazu wurden jeweils große Konferenzen veranstaltet, Delegationen reisten hin und her. Sind solche Staatsakte für einzelne Objekte hilfreich, solange hunderttausende andere Dinge weiterhin unerforscht in den Depots liegen?

Das ist Diplomatie, Politik, Symbolik. Aber wir können die Entscheidungen, die Forschung und die diplomatischen Prozesse rund um diese Rückgaben als Modelle nützen für zukünftige Massenrestitutionen. Indem Deutschland diese Säule zurückgegeben hat, hat es gesagt: Hier ist Unrecht geschehen in deutschem Namen, und dieses Unrecht muss korrigiert werden. Damit ist ein Präzedenzfall geschaffen. Dieses eine Objekt steht in unmittelbarer Verbindung zu Tausenden anderen in den Kellern deutscher Museen. Bisher läuft der Prozess sehr langsam, aber wir werden solche Modelle nützen, um ihn auf Overdrive zu stellen.

Manche Kritiker, gerade aus Afrika, sind skeptisch, was Initiativen wie die von Macron angeht. Sie glauben, es gehe ihm in Wahrheit nur um Soft Power, um das oberflächliche Aufhübschen von Frankreichs Einfluss in Afrika, um die Fortsetzung kolonialer Strukturen.

Nehmen wir an, Macrons Initiative ist tatsächlich nur Rhetorik und soll als Maske dienen, neuen Kolonialismus zu verbergen. Dann frage ich die Skeptiker: Ja, und? Müssen wir diese Gelegenheit nicht trotzdem nützen, um die Objekte nach Hause zu bringen und diesen Kulturen ihre Würde zurückgeben? Ich glaube nicht, dass es sich um einen zynischen Trick handelt, um neuen Kolonialismus zu verschleiern. Falls es doch so ist, sicher, dann muss dieser Zynismus benannt und kritisiert werden. Aber in diesem Fall brauchen wir um so dringender Mittel für die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kolonialismus. Und genau dafür ist die Arbeit an Restitutionen hilfreich.

© SZ vom 17.03.2020

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