Monica Blacks Buch "Deutsche Dämonen":Im Bann der Schuld

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Bekannter als Adenauer und Ludwig Erhard: Wunderheiler Bruno Gröning 1957.

(Foto: imago/Zuma/Keystone)

Die Historikerin Monica Black erkundet den Kult um Hexen und Wunderheiler im Nachkriegsdeutschland.

Von Burkhard Müller

Das Standardnarrativ der (west-)deutschen Geschichte nach 1945 läuft ungefähr noch immer so: Stunde null, Trümmerfrauen, Währungsreform, Wirtschaftswunder. "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt", das wurde zwar im Osten gesungen (eine Zeit lang wenigstens), aber fast mehr noch im Westen gelebt und geglaubt. Was dabei auf der Strecke blieb, ist der seelische Zustand der Versehrtheit. Völlig ruiniert und dabei auch noch schuldig von Grund auf zu sein - wer vermag diese Doppellast zu tragen? Eine direkte Auseinandersetzung mit dem, was man einerseits getan und andererseits erlitten hatte, schien da fast unmöglich. Schweigen war das Gebot der Stunde. Aber das Verdrängte kehrt wieder, häufig in schwer erkennbarer Gestalt. In Japan, wo die Atombombe beschwiegen wurde, entstand Godzilla. Und in Deutschland?

In Deutschland waren es, so sieht es die amerikanische Historikerin Monica Black, "Deutsche Dämonen". So lautet der Titel ihres Buchs, in fetter roter Schrift wie eine Blutspur gesetzt und an den Rändern geschwärzt wie von Rauch. Als Motto wählt sie einen Satz des französischen Soziologen und Jesuiten Michel de Certeau: "Innerhalb der geschlossenen Sphäre eines diabolischen Diskurses haben Unruhe-, Rache- und Hassgefühle sicherlich freie Bahn, wird man sagen, vor allem aber sind sie verlagert und in eine Sprache eingeschlossen, in der sie erneut maskiert und den Zwängen eines anderen Ausdruckssystems unterworfen sind."

Die Hexenprozesse der Fünfzigerjahre fanden im Dorfgasthaus oder Kinosaal statt

Dieser Satz umreißt Interesse, Vorgehen und Deutung der Autorin: Das scheinbar Irrationale der untersuchten Formen erweist sich als die Verschiebung eines realen Tatbestands, zu dem ganz besonders auch die negativen Affekte zählen. Und dennoch bleibt vor dem "Diskurs" das kleine Wörtchen "diabolisch" stehen, das dem alten Widersacher eine primäre Existenz zubilligt - nicht alles lässt sich durch Aufklärung aus der Welt schaffen.

Die junge BRD, schreibt Black, gleiche dem Film noir, der ungefähr zur selben Zeit im französischen und amerikanischen Kino florierte: Man sah, was es zu sehen gab, denn schließlich war es ein Film; aber man war sich nie sicher, was es zu bedeuten hatte. In Deutschland gedieh, wie die Autorin betont, derweil der bunte Heimatfilm, der tat, als gäbe es ein Volksleben voll naturnaher Unschuld, und der auf seine Weise noch viel mehr noir war.

Man ist also gespannt, welche Dämonen nun die Leinwand betreten werden. Der Untertitel, kleiner und ohne Rot, wirkt ein wenig antiklimaktisch und verrät auch gleich schon etwas vom strukturellen Problem dieses Buchs: "Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland". Ein Wunderheiler ist nicht per se dämonisch, sondern zunächst eher segensreich, und zu den Hexen unterhält er keine näheren Beziehungen. Blacks Buch zerfällt damit in zwei Teile.

Der eine Teil, der die ganze erste Hälfte umfasst und auch den Abschluss bildet, hat es mit dem Wunderheiler Bruno Gröning und einigen seiner Kollegen zu tun; der andere, der mit den Hexen, wird in der Einleitung genannt, aber ansonsten zwischen die Wunderheiler platziert. Die Hexen sind natürlich das fesselndere Thema, aber die Hexerei beziehungsweise die Hexenjagd der Nachkriegszeit verblieb zumeist im engeren Rahmen von Dorf und Nachbarschaft. Als wirklich republikweit aufwühlend erweist sich Bruno Gröning, zu seiner Zeit, wie es heißt, bekannter als Adenauer und Ludwig Erhard.

Monica Blacks Buch "Deutsche Dämonen": Monica Black: Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland. Aus dem Englischen von Werner Roller. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 423 Seiten, 26 Euro.

Monica Black: Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland. Aus dem Englischen von Werner Roller. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 423 Seiten, 26 Euro.

Das Disparate ihres Ansatzes versucht Black zu plausibilisieren, indem sie die "vertikale" Struktur der Verehrung für den Wundermann, von unten nach oben wie noch kurz vorher beim Führer, in Kontrast setzt zur "horizontalen" Wirkungsweise des Hexereiverdachts, der sich gehässig auf die Nachbarn richtet. Gemeinsam ist beiden, dass sie früher oder später immer vor Gericht landen. Doch finden die Hexenprozesse in den Fünfzigern typischerweise in Dorfgasthäusern und Kinosälen statt und führen zu Verurteilungen wegen Verleumdung und Körperverletzung, die sehr viel förmlicheren Wunderheilertribunale bis hinauf zum Verfassungsgericht erkennen auf Verstöße gegen das Heilpraktikergesetz und fahrlässige Tötung. Es sind also eigentlich zwei Bücher, die von einem besonnenen Lektorat besser auch in solche geschieden worden wären.

Abgesehen davon ist es ein in jeder Hinsicht lesenswertes Werk geworden. Blacks Stärke liegt in der Archivarbeit. Sie zitiert aus den vielen, vielen Zeugnissen, aus denen Argwohn und tiefstes Vertrauen, Verzweiflung und Hass sprechen, vor allem aber ein großes Bedürfnis nicht nur nach Heilung, sondern nach seelischer Reinigung - ohne dass, wovon man sich gereinigt wünscht, je deutlichen Ausdruck gewinnt. Es ist viel vom Bösen die Rede und wenig von den Sünden, zumal den eigenen.

Zehntausende warteten nachts im Regen vor dem Haus des Wunderheilers Bruno Gröning

Gröning, eine finster charismatische Figur mit - sehr ungewöhnlich für die Zeit - lang wallendem Haupthaar, der sich mit gaunerhaften Aposteln umgibt, heilt bevorzugt solche Kranke, mit denen sich schon Jesus befasst hat: Blinde, Gelähmte, Besessene. Zehntausende harren bei Nacht und Regen vor seinem Domizil nahe Rosenheim aus, ehe er endlich geruht, sich ihnen zu zeigen, um vier Uhr morgens - und Ungezählte genesen auf der Stelle, sobald sie die von ihm ausgesandten Heilwellen spüren, fassen zögernd ihre Krücken und gehen, blinzeln durch Tränen der Ergriffenheit und sehen plötzlich wieder - das alles ist bezeugt. Heute weiß das keiner mehr und will, wie es aussieht, auch kaum einer wissen, denn was für ein Licht wirft es auf den Ursprung unserer Gesellschaft? Black hat die Zeitungsartikel und Briefe, die Akten und Fotos gefunden und zeigt sie uns.

Da sind die Mädchen von Heroldsbach. Der Spiegel hat sie damals aufs Titelblatt gesetzt. Sie waren für ihre Schule in den Wald gegangen, um Herbstlaub zu sammeln. Und es erschien ihnen wie den Hirtinnen von Lourdes die weiß gewandete Madonna. 3000 weitere Visionen schlossen sich an, 1,5 Millionen Pilger machten sich auf nach Heroldsbach, der Vatikan schritt ein. So friedevoll wie in Lourdes war die Heroldsbacher Madonna allerdings nicht: Sie verhieß, dass alle, die nicht an sie glaubten, von den Sowjets massakriert würden. Da hatten allerdings die Wallfahrtsgegner den Teich, aus dem die Gläubigen ihr Wunderwasser schöpften, bereits mit Gülle vergiftet.

Die Mädchen auf dem Titelbild sind kaum älter als zehn Jahre, könnten also ohne Weiteres heute noch leben (sie wären jetzt Anfang achtzig). So nah ist das alles, und so fern! Vielleicht tut sich eine angelsächsische Forscherin leichter mit diesem Paradox, weil sie zur zeitlichen auch noch die räumlich-sprachliche Distanz zu überbrücken hat. Sie muss ihrem englischsprachigen Publikum erläutern, was es mit den Oberammergauer Passionsspielen auf sich hat, was "Schwarzschlachten" bedeutet und was ein "Schweinehund" ist - jedenfalls weit Schlimmeres als bloß ein "Bastard". Auch meint "Bastard" immer den anderen, während der Schweinehund bekanntlich auch der innere sein kann. Wie gerne hört man zu, wenn man von kompetenter Seite sozusagen sich selbst erklärt wird!

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