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"Plastic Hearts" von Miley Cyrus:Rock-Schocker

Sängerin Miley Cyrus: Ist das vielleicht Rock? Also das, was er heute bedeuten könnte?

(Foto: Sony Music)

Frauen dominieren ja schon länger den Pop. Mit überrumpelndem Selbstbewusstsein nimmt Miley Cyrus den Männern jetzt auch noch die breitbeinige Gitarren-Pose.

Von Joachim Hentschel

Der Videovortrag, den der Toningenieur Rick Beato Ende September auf seinem Youtube-Kanal sendete, hatte die These schon im Titel: "Why Boomers Hate Pop Music". Halbwegs adäquat auf Deutsch übersetzt: Warum Leute über 50 vor Wut komplett ausrasten, wenn sie neue Streaming-Charts, die Musik aus Kopfhörern am Bahnsteig oder aus Teenagerzimmern hören. Beato, 58, mit Rockabilly-Graukopf und senfgelbem Hemd vor einem Marshall-Gitarrenverstärker sitzend, beantwortete die Frage sachlich. Ältere Menschen hassten es, analysierte er, dass fast alle neueren Popsongs im selben Tempo laufen, mehr oder weniger dieselben Klangfarben und Effekte benutzen und dazu sehr simple, sich ständig wiederholende Harmoniefolgen, kaum Dynamik und digital gleichgemachte Singstimmen haben. Wie gesagt: keine Wertung. Nur Feststellung.

Gut, darauf wäre man auch so gekommen. Allein deshalb, weil es im Kern immer noch dieselben, feuerfesten Argumente sind, mit denen schon Eltern in den Sechzigern ihren Kindern die Beatles madig gemacht haben, und mit denen diese Kinder dann, in den Neunzigern, die eigenen Töchter und Söhne für blöd erklärten, weil sie zu Technomusik tanzten. Was Youtuber Beato jedoch übersehen hat: mangelnde Varianz, Algorithmus-Kompatibilität, Roboter-Aura - das sind natürlich genau die Gründe, aus denen auch viele Jüngere keine Popmusik mehr mögen.

Alte Stars, die schon in der eigenen Zeit schweißgebänderte Karikaturen waren?

Man hat die Historie der Stilformen und Ästhetiken ja lange so verstanden, dass im Pop immer eine Generation die nächste ablösen, sie also gewissermaßen auslösen würde, wie bei Smartphones, Betriebssystemen oder Toploader-Waschmaschinen. Diesen quasi-technologischen Drall gibt es immer noch. Aber er ist heute längst nicht mehr so ausschließlich und verbindlich, wie es in den Prä-Social-Media-Zeitaltern oft wirkte.

Der etwas traurige, durch Zigtausende Marketing-Präsentationen gedemütigte Begriff Storytelling beschreibt da viel treffender, wie popkulturelle Positionierungen heute entstehen. Wenn also Miley Cyrus plötzlich ein Rock-Album macht, wenn Supersängerin Taylor Swift von heute auf morgen schwarz-weiß im Wald steht und das Projekt "Folklore" nennt, wenn der sonst siegestrunkene Rapper Capital Bra im Video "Einsam an der Spitze" ein Folteropfer spielt und von der Bitternis des Ruhms singt, dann geht es vor allem darum, dass der Wandel eine neue Geschichte erzählt. Dass neue inhaltliche Twists in den Wikipedia-Eintrag finden. Eventuell sogar, dass die Künstlerinnen und Künstler eine Publikumserwartung gerade noch erfüllen können, die Plot-technisch von acht Staffeln "Game of Thrones" für immer verdorben ist.

Billy Idol? Miley Cyrus!

(Foto: Sony Music)

Die zitierten Boomer erinnern sich, dass es das früher auch schon gab, ab und zu. Als Peter Maffay Ende der Siebziger auf einmal in Lederjacke auf dem Motorrad saß und vom Steppenwolf sang, war der treibende Gedanke, einen im Schlager fehlverwurzelten Mann endlich auch der Rock-Community nahezubringen, die noch abgeschirmt in "Derrick"-tauglichen Landgasthöfen saß und Dieter Thomas Heck für einen größenwahnsinnigen Gebrauchtwagenhändler hielt. Um solche Crossover-Effekte geht es heute nicht mehr, zumindest nicht hier.

Das neue Album von Miley Cyrus heißt zwar "Plastic Hearts", was in Wortwahl und Typografie eine überdeutliche Post-Punk-Referenz ist. Das Coverbild, harter Kontrast und pink eingefärbt, stammt von Mick Rock, der in den Siebzigern weltberühmte Hüllen für Lou Reed, Iggy Pop und Syd Barrett fotografierte. Billy Idol und Joan Jett gastieren bei je einem Song - alte Stars also, die schon in der eigenen Zeit eher breit gepinselte, schweißgebänderte Karikaturen waren.

Die Sorgen waren unbegründet

Vielleicht ist es gerade diese völlig überdrehte semiotische Übererfüllung, die eines völlig klarmacht: Hier soll keinesfalls ein neues, total verrocktes Publikum für einen ehemaligen Teeniestar erschlossen werden. "Plastic Hearts" ist vor allem ein nächstes Kapitel, ein Update fürs Corporate Design. Unter anderem auch das Launch-Signal für die neue T-Shirt- und Hosen-Kollektion, die in der Nacht zur Albumveröffentlichung freigeschaltet wurde, mit Motiven im Graffiti-Stil, zwischen Tätowierer-Skizzenbuch und Bahnhofsklokabine.

Und Miley Cyrus, die Anfang der Woche 28 geworden ist, hat es ohnehin längst zu einer Art mythischem Pop-Wesen gebracht. Tochter des Country-Schnulziers Billy Ray Cyrus aus Nashville, in den Nullerjahren Protagonistin in der Disney-Jugendserie "Hannah Montana". Seit einem 2013 mit TV-Skandal und Terry-Richardson-Video grandios inszenierten Imagekrach ist sie so etwas wie die in Reiseflughöhe frei schwebende Gesamtkünstlerin, die Madonna in ihren besten Zeiten war. Die Macher der Dystopie-Serie "Black Mirror" schrieben ihr eine eigene Folge auf den Leib. Sogar Nick Cave sang über sie, in "Higgs Boson Blues": "Miley Cyrus floats in a swimming pool in Taluka Lake/ And you're the best girl I ever had." Was immer das heißen sollte.

Zwei Coverversionen hatte man zum neuen Werk vorab veröffentlicht - "Heart Of Glass", im Original von Blondie, und "Zombie" von den Cranberries - und beide ließen wenig Gutes ahnen. Miley Cyrus klang hier selbst wie eine Heavy-Knallcharge, wie die von Stadtfestbühnen bekannte Röhre. Die Sorge war grundlos.

Die Gesamtkünstlerin, die Madonna in ihren besten Zeiten war?

(Foto: Sony Music)

"Plastic Hearts" ist eine souveräne Poprock-Platte, deren zeitgenössischer Produktionsstandard zwar keine Poren offen lässt, durch die allzu viel Sauerstoff eindringen könnte, die aber zugleich alle Boomer-Kriterien erfüllt, die Rick Beato in seinem Video einklagt: diverse atmosphärische Farben und Härtegrade, dazu Songwriting, das teilweise zumindest so klingt, als hätte es irgendwer im Morgengrauen auf einem Blatt Papier besorgt - obwohl natürlich auch hier wieder die gewohnten Fabrikteams im Einsatz waren, bei denen (ähnlich wie bei Spiegel-Artikeln) neun Menschen zusammen ein Lied machen.

Auch deshalb zur Sicherheit: Deep-Purple-Fans sollten sich von dieser Musik auch weiterhin fernhalten, dafür nimmt "Plastic Hearts" zu viel Bezug auf den für Teenager designten Rock der etwas jüngeren Vergangenheit. Auf Werke von Pink oder Avril Lavigne, die kurz nach dem Millennium erschienen, zu einer Zeit also, als sich gerade die neue Persona des weiblichen Stars herauszubilden begann, die mittlerweile die Gegenwart des Pop dominiert.

Dass Miley Cyrus 2020 auch klassische Vorbilder wie Debbie Harry von Blondie oder Stevie Nicks von Fleetwood Mac beschwört, dass sie hier zusammen mit Joan Jett das absolut großartige Glamrock-Stöhn-Duett "Bad Karma" singt, das alles sind allerdings nur kleine Fingerzeige auf die feminine und feministische Tradition im Rock'n'Roll. Denn am Ende ist "Plastic Hearts" ein Album, das sich ganz und gar aus der Gegenwart und Präsenz des weiblichen Pop nährt. Eine Platte, die ein überrumpelndes Selbstbewusstsein ein- und ausatmet, gegen das kein Videoblogger irgendein Argument finden wird.

Ist das vielleicht Rock? Also das, was er heute bedeuten könnte? Wir gehen mal kurz ins Sauerstoffzelt und fragen nach.

© SZ/biaz
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