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Miklós Szentkuthy: "Apropos Casanova":Weltwissen eines Liebenden

portrait de Giovanni Giacomo Casanova 1725 1798 aventurier et ecrivain italien AUFNAHMEDATUM GE

Der Schriftsteller Giacomo Casanova (1725-1798) auf dem Titelblatt seines Romans "Icosaméron ou Histoire d'Edouard et d'Elisabeth".

(Foto: imago stock&people/imago/Leemage)

Der ungarische Romancier Miklós Szentkuthy und sein wilder essayistische Kommentar zu Giacomo Casanovas Memoiren.

Von Tobias Lehmkuhl

Was sind das bloß für Sätze? "Ist es nicht großartig, dass es im 18. Jahrhundert noch Sklavinnen gibt? Wenn die Dienerin schon der Himmel ist, so muss die Sklavin doch der siebte Himmel sein." Es geht aber, ein Glück, nicht um Frauen, es geht zumindest Casanova, der in seinen Erinnerungen von Dienerinnen und Sklavinnen erzählt, nicht um wirkliche Frauen, sondern um Liebe. Das behauptet zumindest Miklós Szentkuthy in "Apropos Casanova", seinen Notizen zu Casanovas "Histoire de ma vie".

Und zudem geht es nicht um den wirklichen Casanova, sondern um die literarische Figur. Aber was die bei Szentkuthy für eine Wirkung zeitigt! Wenige Bücher des 20. Jahrhunderts, ach was, der Literaturgeschichte, sprühen derart vor Witz, sind von solchem Überschwang, zeugen von so viel Lust am Denken, Beschreiben, Erzählen, Räsonieren wie sein 1939 in Ungarn erschienenes "Apropos Casanova".

Wenn Casanova ein Erotomane der Sinnlichkeit ist, dann ist Szentkuthy einer des Lesens und Schreibens, ein Grafomane, dem Casanovas Erinnerungen Anlass geben für eigene Rhapsodien, Fantasien und - wir treiben ja in venezianischen Gewässern - Barkarolen. Es ist ein höchst musikalisches Buch, und Szentkuthy sagt es seinen Lesern in aller Deutlichkeit: "Wem nicht bewusst ist, dass die Hälfte von Casanovas Gehirn mit Gedanken an Opernabende gefüllt ist, der kennt ihn nicht." Oper heißt natürlich: Mozart. Nicht Beethoven, "dieser fürchterliche Elefant im Porzellanladen", nicht Johann Sebastian Bach, dessen ohnehin nur drei Menschentypen bedürften: "Bach selbst, Wahnsinnige und Snobs". Mozart also, die "Entführung aus dem Serail", aus der sich, laut Szentkuthy, die gesamte Geschichte Europas ableiten ließe.

Wie auch über diesen Anmerkungen zu Casanova der Anspruch schwebt, in seiner Person alle Widersprüche des 18. Jahrhunderts einzufangen, "Hedonismus und Askese, Pracht und Untergang, Mythologie und Mathematik" - so fasst es György Dalos in seinem informativen Nachwort zu Leben und Werk des Vielschreibers Szentkuthy zusammen. Allein hunderttausend Seiten Tagebuch hat der 1988 im Alter von achtzig Jahren verstorbene Ungar hinterlassen. Im Casanova-Buch spricht er davon, dass nicht Philosophie, Romane und Essays die intellektuellen Antworten auf die Welt böten, eine wirkliche Antwort könne nur ein ganzes Leben geben, "mit all seinen Ereignisschimmern, endlosen Assoziationsketten, unzähligen Stimmungsvariationen".

Miklós Szentkuthy: Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Nachwort von György Dalos. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 312 Seiten, 44 Euro.

Mehr als nur einen Eindruck von einem solchen totalen Werk vermittelt "Apropos Casanova". Noch das nebensächlichste Wort der "Histoire" ist bei Szentkuthy Auslöser für die erstaunlichsten Gedankenflüge, und an einem Satz, in dem die beiden Wörter "Pantoffel" und "Tod" ganz nah nebeneinanderstehen, könne er, heißt es, schon gar nicht achtlos vorübergehen: "Das ist das Symbol des 18. Jahrhunderts: Das von Geflüster aufgeheizte Schlafzimmer und das Bewusstsein vom ewig verdammenden Wesen des Herbstes."

"Apropos Casanova" ist kein Roman, ist kein philosophisches Werk, aber es ist literarisch, philosophisch, essayistisch und lehnt sich zudem an die Tradition der Bibelexegese. Die "Histoire" ist ein heiliger Text, dem sich der Kommentar anschmiegt, wie man sich eigentlich nur einem geliebten Wesen anschmiegt. Dieses Wunder an Einfühlung, Vitalität und Musikalität hat Timea Tankó zudem in ein unglaublich lebendiges und klingendes Deutsch gebracht.

© SZ/masc
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