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Nachruf auf Miguel Algarín:Im Boxkampf der Dichtung

Miguel Algarín 1995 in der Literaturwerkstatt Berlin.

(Foto: imago)

Der Lyriker und New Yorker Slam-Poetry-Pionier Miguel Algarín ist gestorben.

Von Andrian Kreye

Miguel Algarín war Pionier des Nuyorican Arts Movement, Wegbereiter der Slam Poetry, vierfacher Preisträger des American Book Award. Vor allem aber hatte er das Nuyorican Poets Café eröffnet. Der fensterlose Schlauch im Erdgeschoss einer jener Miethäuser, die das Bild der Lower Eastside von Manhattan mit ihren Feuertreppen und dem groben Stuck seit dem 19. Jahrhundert geprägt haben, war eine Pflichtstation auf den Entdeckungsreisen, auf denen so viele aus den Provinzen Amerikas und aus den behüteten Städten Europas im Dickicht von New York auf der Suche nach sich selbst waren.

Miguel Algarín war für viele ein Scout. Er selbst war schon als Kind aus Puerto Rico nach New York emigriert. 1973 hatte er mit Freunden angefangen, in seiner Wohnung Salons für junge Dichter und Künstler zu veranstalten. Algarín war damals schon Professor für Literatur an der Rutgers University in New Jersey. In seiner Wohnung traf sich die Avantgarde einer Bewegung, die er nach einem Schimpfwort benannte. Nuyoricans war der despektierliche Ausdruck für alle jene Puertoricaner, die zu amerikanisch für die Heimat in der Karibik und zu karibisch für die USA waren. Es war die Zeit, als die Young Lords als puertoricanisches Äquivalent zu den Black Panthers ein neues Selbstbewusstsein für die Einwanderer aus dem Protektorat formulierten. Und die Dichter und Künstler um Algarín eine neue, urbane Kultur.

Bald wurde seine Wohnung auf der Lower Eastside zu klein, und sie zogen ins Sunshine Café auf der sechsten Straße. 1980 kaufte er das Haus in der 3. Straße zwischen den Avenues B und C. Mitten in Alphabet City, der No-go-Zone auf der Lower Eastside. Oder wie die Nuyoricans sagten: Loisaida.

Sein Café wurde zum Portal einer Subkultur, er war der perfekte Gastgeber

Algaríns Weggefährte Miguel Piñero war der Zweite im Bunde bei der Gründung. Dessen Geschichte war erheblich krasser. Als Einbrecher und Räuber hatte er mehrmals im Gefängnis gesessen. Sein Theaterstück "Short Eyes" wurde verfilmt, und es gab auch einen Film über sein Leben, in dem Miguel Algarín eine Nebenfigur war, obwohl er im wirklichen Leben der Anker der Szene blieb.

Für junge Europäer war das Nuyorican Poets Café bis zum Beginn der Gentrifizierung in den Neunzigern nicht nur ein sicheres Ziel im Ghetto, das von Street Gangs, Junkies und Straßenräubern beherrscht wurde. Es war das Portal zu einer Subkultur, die so ganz anders funktionierte als der Literatur- und Kunstbetrieb sonst.

Lyrik als Kampfsport? Die Stimmung bei den Lesungen der Dichterinnen und Dichter, die dort gegeneinander antraten, war wild und euphorisch wie beim Boxkampf. Bob Holman, Saul Williams und Sarah Jones waren Champions und Ringrichter in einem.

Algarín selbst war ein perfekter Gastgeber. Mit seinem warmherzigen Lächeln konnte er die Luft aus so manchem Ärger lassen, der in der Gegend manchmal nicht zu vermeiden war. Er war aber auch selbst ein Lyriker, der das Lebensgefühl der Einwandererviertel in Poesie übersetzen konnte. Er bekam dreimal den American Book Award, den eine Stiftung als multikulturelle Alternative zu den vornehmen National Book Awards und Pulitzerpreisen etabliert hatte. Dann noch einen fürs Lebenswerk.

Am 1. Dezember ist Miguel Algarín gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

© SZ/masc
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